Neu >>   Die Etappen der Schweizerreise im Jahre 1805. 

  zurück Tagebuch des Dichters Johann Peter Hebel
über seine Schweizerreise im Jahre 1805.
 
     

Feuilleton der Neuen Zürcher Zeitung vom 23. - 27. Juni 1900
 

Vorbemerkung der Redaktion. Wir sind in der angenehmen Lage, nachstehend ein bisher ungedrucktes Tagebuch Hebels zu veröffentlichen, das der alemannische Dichter über die Schweizerreise führte, die er im August und September 1805 mit den Baronen Carl und Ernst von Metzingen als deren Mentor machte. Das den adeligen Zöglingen gewidmete Tagebuch befindet sich gegenwärtig im Familienarchiv der Freiherren von Metzingen auf Schloß Metzingen bei Bruchsal. Die Freunde der liebenswürdigen Muse Hebels werden zwar von der Beschreibung seiner Schweizerreise etwas enttäuscht sein. Die Darstellung verrät, wie Hebels Predigten, wenig von dem poetischen Geist und schalkhaften Humor des Verfassers der "Alemannischen Gedichte". Nur an einigen Stellen bricht dessen poetische und ursprüngliche Natur durch, im übrigen ist das Tagebuch hauptsächlich der Bewis, daß der beste Dichter wenig mehr taugt, sobald er in den Hofmeister gesteckt wird. Dagegen mag manches in der Reisebeschreibung für die Leser von kulturhistorischem Interesse sein. Wir beschränken den Abdruck des Tagebuches auf denjenigen Teil, der sich auf die Reise in der Schweiz bezieht, mit Weglassung zudem einiger Stellen, die eine bloße Aufzählung von Namen sind. Die Reise dauerte vom 22. August bis 22. September 1805. Sie begann in Karlsruhe und führte über Offenburg, Krummenschiltach, Villingen, Donaueschingen am 25. August nach Schaffhausen, von wo an wir den Dichter selber reden lassen.

 

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Um 9 Uhr abends erreichten wir Schafhausen. Ein schöner neuer Huth reklamirte auf Schweizergrund und Boden seine Freiheit, setzte sich noch diesen Abend auf flüchtigen Fuß und ward nicht mehr gesehen. Schafhausen ist die Hauptstadt eines Schweizer Kantons von gleichem Namen, noch disseits des Rheins und reformirter Religion, von ziemlich nahen Bergen umgeben. Wir besahen diesen Vormittag den innteressantesten Theil der Stadt und auf einer nahen Anhöhe die alte Festung Unnoth. Sie besteht aus einem großen festgemauerten Rondel und einem hohen Thurm. Von diesem übersieht man die ganze Stadt und Gegend. In jenem sind die festen geräumigen Wölbungen und der schöne gepflasterte Weg, der innwendig bis auf den tieffen Grund hinabführt, sehenswerth. Der Grundstein soll im Jahr 1516 gelegt worden seyn. Seltene Bescheidenheit eines Thurnwarts! Nach Ebels warscheinlicherer Angabe stammt dieses Werk noch von den alten Römern her. Von hier gingen wir auf die neue Rheinbrücke. Sie ward den 15ten Juli zum erstenmal befahren. Die alte 1758 von Grudemann erbaute, bestand aus einem Hängwerke von einem einzigen Pfeiler unterstützt und passirte für ein Meisterstück der Brückenbaukunst, bis sie den 18. April 1799 von den Franzosen verbrannt wurde. Seit dem ists mit ihr umgekehrt, wie mit verstorbenen Menschen. An diesen hat man so viel zu tadeln, so lange sie leben. Sind sie nicht mehr, so bedeckt das Grab ihre Fehler, man gedenkt ihrer Vorzüge und beklagt ihren Verlust. Auf die alte Rheinbrücke schien Schafhausen stolz, so lange sie stand; jetzt weiß man von ihr lauter Gebrechen, und sagt, die neue sey besser. (Am) Nachmittag gingen wir eine Stunde weit über Neuhausen an den Rheinfall. Die ganze Masse des Stroms stürzt hier über und zwischen den Felsen bey kleinem Wasser 50, bey hohem 80 Fuß mit fürchterlicher Gewalt hinab und bildet den größten Wasserfall in Europa. Wir nahmen den ersten Standpunkt am Drahtzug. Hier blicket man noch oberhalb des Sturzes in das wilde Gewühl der Wellen, die sich theils fürchterlich an den Felsen aufstemmen, dort kühn und trotzig hinabstürzen. Dann fuhren wir wogend über den Rhein, an der ganzen Fronte seines Falles vorüber an das jenseitige Ufer. Hier führt ein leichtes jedoch wohl eingefaßtes hölzernes Gerüst bis zur Berührung des Rheinfalls hinaus, wo der Sturz am mächtigsten und wildesten und die ganze Übersicht bey weitem am intereßantesten ist. Unbeschreiblich ist die Erhabenheit und Mannigfaltigkeit dieser Scene, dieser wilde Kampf und Sturm, diß ewige Zerstieben und Zernichten und Wiederkommen, diß betäubende Getöse und dann wieder der feine Silberbust von aufgelöstem Wasserstaub, der das ganze umfliegt und durch die schiefeinfallenden Sonnenstralen mit allen Farben des Regenbogens bemahlt wird. Eine steile Anhöhe nach dem Schloß Laufen hinauf führt endlich in einen Pavillon hinaus auf den 3ten Standpunkt, wo man von der luftigen fast senkrechten Höhe herab, bey einem Becher Wein die Rheinfläche oben und unter dem Sturz und ihn zwischen beiden, mit wieder gesammelten Sinnen überschauen und bewundern kan. So thaten wir, begrüßten auf dem Rückweg zum erstenmal die hohen Schneeberge, die uns aus einer Ferne von vielleicht 20 bis 30 Stunden im Schimmer der Abendsonne entgegenglänzten und kamen auf der rechten Rheinseite über die Brücke wieder in Schafhausen an.

Montag den 26ten. Schafhausen bis Constanz. 9 Stund.

Dieser Weg führte uns am rechten Ufer des Rheins, halb durch Wald, halb zwischen Wasser und Rebenhügeln durch den nördlichen Theil des Cantons Thurgau. Die interessanten Gegenstände dieser Straße hinauf sind:

Das Paradies, ein Nonnenkloster, im letzten Krieg ein oft genannter Name.

Diesenhofen, ein artiges, nach alter Art befestigtes Städtchen am Rhein.

Stein (Cant. Schafh.) links. Hier tritt der Rhein aus dem Untersee, der sich von diesem Städtchen an bis nach Constanz in einer Länge von 4 Stunden ausdehnt und seitwärts fast eben so weit in die Breite bis nach Zell in den Obersee ausbeugt. Auf ihm erblickt man, während der angenehmen Fahrt an seinen ufern hin, die Insel Reichenau, 1 1/2 Stund lang, 1 Stund breit und von ohngefehr 1000 Menschen bewohnt. Vor dem Lüneviller Frieden gehörte sie zu dem an beiden Ufern des Bodensees gelegenen Bistum Konstanz. Jetzt ist alles, was auf der deutschen Seite des großen Gewässers liegt, nebst dieser Insel und einigen Reichstädten in Schwaben dem badischen Kurstaate einverleibt, und formirt die 3te Provinz desselben unter dem Namen des oberen Fürstenthums am See.

Mehrere schöne badische Ortschaften erblickten wir am jenseitigen Ufer.

Dienstag den 27ten Konstanz. Konstanz an der Gränze von Deutschland und der Schweiz und im Vereinigungspunkt des großen Bodensees und des Untersees war einst eine der volkreichsten und blühendsten Handels Städte des südlichen Deutschlands. 1414 war daselbst eine Kirchenversammlung, auf welcher Kaiser Siegmund zugegen war, Papst Martin der V. erwählt und Huß verbrannt wurde. Ueber 100.000 Menschen aus allen Gegenden waren damals in und um Konstanz versammelt. Von dieser Zeit an sank es immer mehr und mehr herab und hat jetzt noch 4000 Einwohner, troz der vortrefflichen Lage, ohne Handel und Gewerbe; die Stadt ist östereichisch. An ihr liegt der große Bodensee mit seinen weit gedehnten Ufern voll Wein-Reben, Städte und Dörfer. Seine Länge erstreckt sich von Bregenz bis Bodman, auf 17 bis 18 Stunden, die Breite auf 5 bis 6. Die größte Tiefe wird, wahrscheinlich übertrieben auf 500 Klafter angegeben. Er trägt Schiffe mit 8000 Ztr. Ladung. Wir brachten diesen Vormittag mit einer Schiffahrt nach Meinau zu. Keine Feder beschreibt die Herrlichkeit dieser Wasserfläche und ihrer Ufer, wie sie uns im feierlichen Schimmer der Morgensonne umgab. Wir lebten im Zauber einer andern Welt. Der See war ruhig, vom kühlen Morgenhauch des Tages nur sanft gekräuselt. Leichter Morgenduft verhüllte anfänglich die fernen Ufer. Man hatte nur See und Himmel, beides im Silberglanz- und Duft. Allmählig sanken die Nebel, da traten hervor die Thürme von Buchau, da Mörsburg, die Hauptstadt des badischen Fürstenthums, da Pfullendorf und alle Herrlichkeit der reich geschmückten Gegend und tiefer hinaus die Berghöhen von Oberschwaben im Hintergrund.

Meinau ist eine hochgelegene Insel im nordwestlichen Busen des Sees mit einem hübschen Schloß und großen Garten nach altem Gusto. Sie gehört zur Teutsch Ordens Commenthuern Alschhausen. Mit der größten Höflichkeit wurde uns von den Schloßbeamten alles Sehenswürdige gezeigt. Aber keine menschliche Kunst hält euch schadlos für einen einzigen Blick von der Altane hinaus in den See. Indeßen erblickten wir hier eine merkwürdige Brücke, die die Insel über den See hinüber mit dem Ufer verbindet. Sie ist 680 Schritte lang. Faßt sie der Sturm, so wirft er die Bretter, die nicht aufgenagelt seyn dürfen, wie Kartenblätter in den See und treibt sie an das nahe Ufer, wo sie alsdann wieder gesammelt und zurückgebracht werden. Kommt er schnell, so kanns geschehen, daß Menschen auf der Brücke sind und hinter sich und vor sich die Bretter wegfliegen sehen. Während unsers 2stündigen Aufenthalts in Meinau erhob sich ein starker Westwind, so daß man auf dem Heimweg bis an das Horn unter Segel fahren konnte. Jenseits des Horns, wo sich die Richtung der Fahrt ändert, ruderten wir den hohen Wellen entgegen wider den Wind und hatten also das Glück, an einem Vormittag alle möglichen Fälle der Seefahrt, ohne den Sturm, bey Windstille, günstigern und ungünstigern Wind zu erfahren.

Wir kamen erst um halb zwey Uhr nach Konstanz zurück und besahen Nachmittags noch einmal den See, dann die Stadt und die Rheinbrücke mit den daran gebauten großen Mühlen. Sie verbindet nemlich da, wo der Rhein aus dem Bodensee in den Untersee durchströmt, beide Ufer der schmalen Wasserstraße und führte uns jenseits nach Petershausen, auf badischem Grund und Boden. Petershausen und Salem, ehemals 2 Abteyen des schwäbischen Kreises, gehören jezt den Marggraven Friderich und Ludwig von Baden, als Entschädigung für andere in Elsas verlohrene Besitzungen.

Dieser Tag war der angenehmste auf der ganzen Reise.

Mittwoch den 28ten. Von Konstanz nach Zürich. 12 Stund.

Der Weg führt über die angenehmen und vielfach innteressanten Anhöhen des Cantons Thurgau, von welchem man rechts nach dem tiefen von der Thür durchströmten bewohnten Thal die Aussicht hatte.

Hier amüsirte man sich mit Posthornblasen und einer reichen Aepfelerndte.

Frauenfeld ist die Hauptstadt des Cantons, vermischter Religion, tod und leer.

Innteressanter erscheint, wenn man selber in das schöne Thal der Thür hinabkommt die Stadt Wintrethur (Cant. Zürich). Eine Reihe von schönen Gärten und Anlagen verkündet schon außen den Wohlstand der Stadt und innwendig entdeckt man, wohin man blickt, die Quelle desselben, allgemeine Betriebsamkeit in Gewerb und Handel. Innseits Winterthur kommt man über den reissenden Waldstrom die Tös, und dann aus dem Thal derselben über neue Berge, ohne besonders Innteresse nach Zürich.

 

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Donnerstag den 29ten. Zürch. Diese Stadt von ohngefehr 12,000 Einwohnern liegt in einem ziemlich engen Thal zwischen dem Züriberg und Albis am Ende eines Sees und der Limmath, die hier den Ausfluß aus demselben nimmt, die Hauptstadt des ersten Cantons und reformirter Religion. Ueberaus inntereßant ist die Lage des Gasthofs zum Schwerdte. Er steht an der Limmath an der breiten Brücke, die zugleich zum Marktplatze dient. Beim Erwachen erblickten wir vor uns hinaus einen großen Theil des Sees und seiner reizenden Ufer in der Dämmerung des Morgenlichtes. Bald traten im Hintergrunde die hohen Schneeberge in einer Entfernung von 15 bis 20 Stunden aus den östlichen Nebeln hervor. Unter den Fenstern, über der kristallhellen Limmath sammelte sich mit immer lauterm Geräusch der Wochenmarkt, eine Musterkannte der mannigfaltigen Schweizertrachten. Wie köstlich schmeckte zwischen diesen Umgebungen der Kaffee mit Schweizer-Rahm (hier Nideln genannt) und Butterbrod.

Wir sahen diesen Morgen das Merkwürdigste der Stadt und Gegend. Kaum etwas von der Seite gefaßt, aber wieder ganz anderst und neu ist die Aussicht auf der neuen oder hohen Promenade, einem Kirchhofe auf einem der erhabensten Plätze der Stadt.

Glücklich gedacht und schön ausgeführt ist die Idee einer zweiten außer der Stadt im Vereinigungswinkel der Limmath und der Sihl. Ihr wißt nicht, ob hier die Natur so schön nach der Regel, oder ob die Kunst so natürlich war. Geßners Denkmal heiliget diese Stätte. Er war ein Bürger dieser Stadt und hat sich als Dichter im Fach der Idyllen die Liebe und den Dank seiner Zeitgenossen erworben und ein rühmliches Andenken seines Namens bey der Nachwelt gesichert.

Wieder von einer anderen Seite umgibt euch die Herrlichkeit einer großen Natur auf der sogenannten Katze. Aber ihr steht auf einem Bollwerk und blickt auf den Schauplatz einer der wichtigsten Begebenheiten des vorigen Krieges. Man übersiehet hier die Hauptpunkte der Schlacht von Zürch zwischen den Russen und Franzosen. Sie entschied den 25ten September 1798 die unglücklichen Folgen des Kriegs für Oestereich und vernichtete alle Erwartungen, die man sich von den Russen gemacht hatte und den Ruhm ihres Feldzugs. Auf eine andere Art fühlt man hier an der öffentlichen Wirthstafel, in den freimüthigen Urtheilen über öffentliche Personen und Verhältniße, man sey in der Schweiz. Der Ungenirteste war heute der Gastwirth selber. Er erzählte unter anderem, was ein französischer Offizier für Unfug im Hause gemacht habe. "Aber bey Gott", setzte er hinzu, "wär ich daheim gewesen, ich hätt ihm gesagt: "Ihr seid so grob, wie euer Herr und Meister."

Der Zürchersee, den wir Nachmittag befuhren, ist 10 Stunden lang, wird aber nicht in der ganzen Länge übersehen und 1 bis 1 1/2 Stund breit. Weniger ausgedehnt als der Bodensee, ersetzt er, was ihm dadurch abgeht durch die Nähe der beiden Ufer. Eben so schön und mannigfaltig bewachsen als jener, und noch dichter mit Dörfern, Schlössern und Landhäusern besezt, bringt er euch alles näher in die Augen, was sich dort unkennbar in die Ferne verliert. Jeder Fremde kehrt mit Entzücken aus diesem Wasserparadiese zurück und uns vermehrte die muntere Laune und die, doch fast affecktirte Schweizer Herzlichkeit des Sonnenwirths zu Küßnacht das Vergnügen dieses Nachmittags.

Freitag den 30ten. Zürch bis Albis. 8 St.

Heute geht in Begleitung des launigen und unverdrossenen Hofmann die große Fußreise an. Man muß Nachmittag Zürch verlaßen, um wegen der Aussicht den Abend auf dem Albisberg zubringen zu können. Hofmann gewann noch etwas mehr dabey, die unterhaltende Begleitung der Landsmännin von dem Dorf auf Albis. Man erreicht die Höhe des Berges und die Herberge darauf von dem Fuße an in 5/4 Stunden. Noch eine halbe Stunde über den Rücken desselben hin, besucht man die Hochwache. So heißen gewisse erhabene Bergspitzen von weiter Aussicht, auf welchen die Schweitzer bey Vaterlands Gefahr den nahen und fernen Cantonen Signale geben. Diese Hochwache ist zerstört, aber unzerstörbar das Vergnügen der Aussicht im milden Abendschimmer. Hinter euch die Stadt Zürch in einer Entfernung von 8 Stunden, unter euch ihr lang gestreckter See mit seinen Umgebungen, vor euch die hohen Schneegebirge der Cantone Schwytz und Uri, rechts der majestätische Rigi und der finstere zackigte Pilatus, die jetzt zum erstenmal, groß und nahe in den Gesichtskreis tretten. Herwärts an ihnen und bis zu euch hinüber die tiefen Flächen des Cantons Zug und sein See, alle diese intereßanten Gegenstände rücken um den erhabenen Mittelpunkt, von welchem man herabschaut, scheinbar zusammen zu einem unbeschreiblich großen und herrlichen Anblick.

Auf der Rückkehr sahen wir noch den kleinen Thüreler See zwischen seinen dunkeln Tannen hervorlauschen und prüften dann zum erstenmal die Süßigkeit der Ruhe nach einer Schweitzerfußreise.

Den 31. August Albis bis Luzern. 9 Stund.

Hofmann ist galant und erkundigt sich an der Wohnung der Begleiterin von gestern nach ihrem Wohlbefinden. Ein beschwerlicher Fußweg führt schief den Albis hinab in die Landstraße nach Cappel. Von diesem Ort geht man über das Cappeler Schlachtfeld. Ulrich Zwingli, der Reformator in der Schweitz, stand hier den 8. Oktober 1531 in den Schlachtreihen von 2000 Zürchern gegen 8000 Katholicken aus den benachbarten Cantonen und starb auf diesem Felde im Kampf für sein Evangelium, für sein Vaterland und für die Gewissensfreiheit seiner Mitbürger. Ein Freund von ihm rettete noch sein Herz und bracht es als ein Heiligthum nach Zürch. Aber ein anderer, damit es nicht durch religiöse Alfanzereien entweiht würde, versenkte es in den See.

Barr ist der erste Ort des Cantons Zug, die Heimath der in der Schweitzergeschichte berühmten Familie. An der Matt.

Zug selbst ist die Hauptstadt des kleinen Cantons, katholischer Religion, streckt sich, ein niedliches Städtchen, von der sanften Anhöhe hinab bis an die Wellen ihres Sees. Er ist 4 Stund lang, 1 Stund breit und an einer Stelle 200 Klafter tief. Neblichte Witterung machte es nicht rathsam, dem alpenreichen Rigi entgegen zu steuren, der sich an dem Ufer dieses Sees, aus einem Umfang von 8 bis 10 Stunden pyramidalisch zu einer Höhe von 4556 Fuß über den See und 5676 über das Meer erhebt, und auf der höchsten Spitze Culm genannt, bey heiterer Luft die Mühe eines 5stündigen Steigens durch die Uebersicht von 18 Seen, durch den hehren Anblick langer Ketten der höchsten Schneeberge, und durch weite Ausblicke bis nach Schwaben und Frankreich belohnt. Wir steuerten an einer senkrechten, nach Ebel 4000 Fuß hohen Felswand desselben vorbei nach Immensee.

Über eine Landenge von 1 1/2 Stund führt hier die berühmte hohle Gasse nach Küßnacht. Tell hatte bereits mit dem einen Pfeile den Apfel auf dem geliebten Haupt getroffen und die Bestimmung des anderen verrathen. Aber vergeblich warteten auf ihn die Gefängniße von Küßnacht. Nicht bedurfte es der hastigen Eile des Landvogts, ihn daselbst in Empfang zu nehmen. Im Sturm des Vierwaldstädter Sees dem Schiff mit Pfeil und Bogen bey Flüelen entsprungen, stand hier der Schütze hinter einem Baum und wartete auf den Kommenden. Wenn Einmal in der Geschichte Meuchelmord durch Noth gerechtfertigt, und durch seine Folgen zur verdienstlichen That geheiligt werden kan, so ist es dieser. Es galt um Haus und Herd, um Leben, Weib und Kind und Vaterland. Der Landvogt reitet in die Gasse, hinter dem Baum der lauernde Schütze. Die Sehne schwirrt, getödtet liegt der Tyrann, alles ist gerettet auf immer, und von dieser That, in Verbindung mit dem Bund im Rütli, beginnt die Schweitzer Republick und Freiheit, die sich unter langen blutigen Kämpfen von innen und aussen immer mehr befestigte, jetzt fast 500 Jahre besteht, und die Schweitzer bis an unsere Tage hin, zu einem geachteten und beneideten Volk in den Augen von ganz Europa machte. Zum Andenken dieser Begebenheit steht hier Wilhelm Tell's Capelle, zum Tellen genannt. Eine andere sieht man bey Flüelen, wo er dem Schiffe entsprang. An der unsrigen liest man folgende Verse:
                "hier ward Geßlers Hochmuth von Tell erschoßen,
                Und die edle Schweitzerfreiheit entsprossen.
                Wie lang wird aber diese währen?
                Noch lange, wenn wir die Alten noch wären."
Die ganze Geschichte ist mit hoher dramatischer Kunst bearbeitet in Schillers Schauspiel: Wilhelm Tell.

Der Vierwaldstätter See, auf welchen man in Küßnacht (Canton Schwitz) sich einschift, erstreckt sich in der Länge von Lucern nach Flüelen auf 9, in die Breite von Küßnacht nach Alpnach auf 4 bis 5 Stunden. Vergebens sieht sich hier das Auge nach jenen reitzenden Ufern, nach jenen an einander reichenden Städten und Dörfern, nach jenem regen frölichen Leben um, das den Boden und Zürcher See umgab. Aber mit nicht minderm Interesse schwimmt man auf diesem dunkeln Gewässer im Andenken an die Thaten der Vorzeit, wovon diese Ufer Zeugen waren, und in dieser Umgebung von einer Gebirgs Welt, die sich nah und ferne zu einer Höhe von 2000 bis 10,000 Fuß gegen den Himmel aufsteigt, die Wolken zusich herabzieht, und fast überall in schwarzen, schroffen, steil abgerissenen Felsenwänden den See umgibt. Immer näher, größer und furchtbarer steht der Riese Pilatus vor euren Augen.

An seinem Fuße liegt Lucern, schon mit einer empfehlenden Aussenseite, und innwendig wie es scheint, von einem heitern guthmüthigen und industriösen Völklein, 6300 an der Zahl, bewohnt, die Hauptstadt eines Cantons gleichen Namens und katholischer Religio. Die Rauß, die auf dem Gotthardsberg entspringt und bey Flüelen in den See geht, tritt hier wieder heraus. Mehrere zum Theil sehr lange Brücken von 1000 bis 1300 Fuß verbinden die durch Fluß und See getrennten Theile der Stadt. Wir besahen noch diesen Abend die topographische Schweitzerkarte in erhabener Arbeit im Cabinet des verstorbenen Generals Pfyffer. Sie begreift 20 Fuß in die Länge, 12 in die Breite, und ist, so wie man sie hier aufgestellt sieht, für eine bequeme und lehrreiche Uebersicht zu groß. Indeß umfaßt sie einen Flächenraum von 60 Quadrat Meilen und stellt die höchsten Berge von 9700 Fuß in einer Höhe von 10 Zoll über dem See vor die Augen. Alle Höhen und Tiefen, alle Orte, Seen, Flüsse und Bäche, alle Strassen und Fußsteige zeigen sich hier verjüngt in ihren natürlichen Formen und Windungen und in der genauesten Proportion. Es ist das Werk eines zwanzigjährigen Fleißes des Generals selbst.

Im Jahr 1577 wurde bey Nieden unter einem Eichbaum das Gerippe eines Elephanten oder anderen Ungeheuers aus dem Thierreich ausgegraben. Man hielt es nach den Begriffen der damaligen Zeit kurz und gut für die Ueberreste eines alten Riesen, und ein Maler hatte den Einfall ihn in seiner vermeinten menschlichen Gestalt und Größe nach dem Verhältniß diese erschrecklichen Knochenwerks darzustellen. Ein fürchterlicher Coloß.

In Luzern hatten wir die niedlichste und theuerste Bewirthung.

Baron Ernst war heut sehr übler Laune.

 

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Sontag, 1. September. Lucern bis Sachseln. 6 Stunden.

Unterhaltend war es, von hier bis Winkel durch das muntere Volk zu wandeln, wie es im reinen neuen Sonntagsschmucke national gekleidet zur Stadt und in die Kirche schlenderte. Auch an unserm Aufzuge schienen diese naiven Menschen ihr Behagen zu finden. Da wurde von Hundert und abermalhundert die herrliche rothe Kappe bewundert. Von Winkel geht es wieder auf den See bis an die Gestade von Stanz. Nicht fehlt es diesem Theil des Sees an anmuthiger Umkreisung und mannigfaltigem Interesse. Noch immer weiter entfaltet sich zur rechten der große Pilatus. Die Fluren zwischen dem See und seinen steilen Absenkungen haben Reitz. Bald lacht auch aus seiner Asche erhaben Stanzstad in verjüngter Gestalt entgegen, halb breitet sich der erste Gletscher auf diesem Wege in der Schneeregion von Engelsberg aus, bald verliert sich das Auge in den düstern Busen von Alpnach. Zwischen Stanzstad und Alpnach dehnt sich der Rothsberg aus. Aber diese Gegend, zum verborgenen Sitz der Ruhe und des Friedens von der Natur geweiht, war in dem letzten französischen und Bürgerkrieg der Schauplatz der gräuelhaftesten Auftritte. Leuchteten nicht von Stanzstad und allen Höfen bis nach Stanz hinein die Flammen des Mordbrandes über den See und rings an den Alpen und Schneebergen hinauf! Zwei biedere Schweitzer, die den Krieg mitgemacht hatten und unsere Begleiter waren, wußten uns alle Vorfälle zu erzählen und alle Dispositionen an Ort und Stelle unter die Augen zu bringen. Ihnen verdanken wir auch die Bekanntschaft eines Weibes von gemeinem Stand, aber edlem Sinn und Charakter. Ihr Mann war mit den Landesvertheidigern ausgezogen und im Kampf geblieben. Seine Waffenbrüder begruben ihn auf dem Schlachtfelde. Als er schon 2 Tage begraben war, gieng die Gattin, die es jetzt erfuhr, in die Nacht hinaus, grabt ihn wieder hervor, tragt ihn nach Hause auf den Gottesacker. Hier brachte man ihn nach den heiligen Gebräuchen der Kirche in die geweihte Erde, doch nicht zu ihrer, noch zu seiner Ruhe. Denn Tage lang lag jetzt das arme Weib auf dem grabe, das ihr Bestes barg, betete und weinte, bis man einst in der Nacht während ihrer Abwesenheit den Leichnam zum zweitenmal herausnahm und heimlich an einem andern Orte bestattete. Sie hat nie erfahren, wo sie ihn hingelegt haben. Man ist versucht, solch ein Gefühl in eines Weibes Brust und die Mannes Tugend, die dieses Gefühls werth war, nur in der Schweitz für möglich zu halten. Aber beide waren fremd und Deutsche. Jetzt lebt sie mit einem zweiten Gatten, ebenfalls einem gebohrnen Deutschen, wieder in einer glücklichen Ehe und die Schweitzer trugen auf ihn die Erfüllung eines Versprechens über, das sie dem ersten gethan hatten. Sie verwilligten ihm das Kostbarste, was sie zu geben haben, Schweitzer Bürgerrecht und Freiheit.

Wir landeten am Rothsloch. Hier ist nemlich der Rothsberg von der höher liegenden Fläche, die sich an seine Hinter Seite lehnt, bis disseits an den See hinab, warscheinlich von einem Erdbeben durchbrochen. Ein trüber Waldstrom stürzt jezt mit wildem Getöse durch die zerrissenen Felsen hinab. Wir stiegen so weit in diesem Bergland hinauf, als es ohne Gefahr möglich und zur Uebersicht des inntereßantesten Theils diese Wasser-Sturzes nöthig war. Vor dem Einfluß in den See treibt er eine Papirmühle. Gegenüber trinkt man aus einer Schwefel Quelle.

Der Fußweg nach Stanz führt um den Rothsberg herum und dann zwischen ländlich zerstreuten Wohnungen, die Stanzstad und Stanz miteinander verbinden, durch einen angenehmen Wiesengrund, von dem Fuße naher Alpen umgeben. Der Rigiberg, den man weit hinter dem Rücken glaubt, steht wieder mit seiner Kehrseite vor euren Augen. In Stanz, dem Hauptorte des Cantons Unterwalden, Nid Wald, hielten wir in einer Stube voll biederer, sittsam frölicher und höflicher Landsleute das Mittagsmahl. Die merkwürdigsten Erscheinungen des Nachmittags sind:

Das Drachenried, die hochliegende, etwas sumpfige Ebene zwischen der Hinterseite des Rothsberges und den gegenüberliegenden Alpen. Augenscheinlich wandelt man hier auf dem Boden eines ehemaligen beträchtlichen Sees, der einst, als der Rothsberg berstete, seinen Abfluß durch das Rothsloch in den 4 Waldstätter See gewann. Majestätisch erhebt sich links das große Horn, Gemsen weiden auf seinen felsigen Halden, über ihnen kreiset der Gyr (Geier). Aus dem nahen Melchthal, dem Vaterlande Arnolds, des einen Stifters der helvetischen Freiheit, stürzt sich die Melch herab. Schon hat man Sarnen, den Hauptort des Cantons Unterwalden, Obwald und den Sarnen See vor dem nahen Auge, und wandelt noch eine Strecke an dem linken Ufer des lezten vorbey nach Sachseln, wo es nicht gut ist neben die Stühle zu sitzen.

Montag den 2ten September Sachseln bis Meiringen 6 Stund.

Gestern noch und diesen Morgen wieder, wurde die schöne, mit marmornen Säulen und Altären gezierte weither mit frommer Andacht besuchte Kirche von Sachseln besehen. Sie bewahrt die ehrwürdigen Ueberreste des heiligen Niclaus.

Niclaus von der Flüe, aus einer ser angesehensten und blühenden Familie des Landes, war schon bey Jahren, als er nach überspannten Religionsbegriffen seiner Zeit (er lebte im 15ten Jahrhundert) Weib und Kinder, man sagt 12 verließ, und sich in eine fürchterliche Einöde des Melchthals zurückzog, um dort sein Leben als Einsiedler zu beschließen. Wenn ihm diesen Schritt der Mensch mißbilligen muß, so hat er dafür wenigstens durch ein großes Verdienst den Schweitzer versöhnt. Denn in der größten Gefahr des Vaterlandes, als 1481 die versammelten Eidgenoßen in Stanz in der größten Erbitterung auseinander gehen wollten, und das Schwerdt des Bürgerkrieges den heiligen Bund zu zernichten drohte, da brach der Einsiedler Niklas sein Gelübde und trat, eine schöne hehre Gestalt, wie ein Schutzgeist des Vaterlandes aus den Nebeln des Melchthals in die Versammlung hinab, wirkte schon durch seine bloße Erscheinung auf alle Gemüther, und vereinigte durch den Gehalt seiner Ermahnungen alle zur neuen vesten Bundestreue. Diß einzigmal ward er während seiner Einsiedelei wieder unter den Menschen gesehen. Nach seinem Tode brachte man den Leichnam nach Sachseln. Wenige patriotische Handlungen sind so wie die seinige durch ein dankbares und frommes Andenken bey der Nachwelt belohnt worden. Unaufhöriche Wallfahrten geschehen an sein Grab und in seine Einsiedelei. Viele nennen ihn nur den Vater Claus, sonst Bruder Claus. Ganz Unterwalden ist stolz auf seinen Namen. Der Katholick nennt ihn nur mit Ehrfurcht, alle übrigen Schweizer mit Dankbarkeit und Achtung. Man sieht hier:
   1. In einer eigenen Capelle sein Grab. Hier lag er, bis die jetzige Kirche gebaut wurde.
   2. In der Kirche hinter Glas seine Gebeine.
   3. Sein Einsiedeleigewand.
   4. Neben einem Seitenaltar sein wahrhaft schönes Ehrfurcht und Liebe erweckendes Bildniß.

Weiter am linken Gestade des Sarnersees bis nach Gyswyl hinauf bewundert man viele von den hohen schroffen Bergen hinabstürzende Wasserfälle. In Gyßwyl wurden wir mit einem interessanten jungen Mann bekannt. Er stand im Jahr 1800 mit den helvetischen Auxiliartruppenin der Gegend von Heidelberg, Mannheim und Durlach als Ober-Lieutenant, gab uns manche kleine Aufschlüssse über die Vorfälle jener Zeit, verrieth in seinen Reden einen biederen verständigen Mann, und nährt sich jetzt wieder wie die Vaterlandsvertheidiger im alten Griechenland und Rom, von seinem bürgerlichen Gewerbe. Er ist - ein Schumacher. Nirgends fühlt man sich von Schweitzer Biederkeit und Gutmüthigkeit näher und angenehmer umgeben, als im Canton Unterwalden, und was in einem gewißen andern Canton mit Recht Schweitzer Grobheit genannt werden mag, löst sich durch die Cantone Zürich, Zug, Schwiz und Lucern bis hieher in eine liebenswürdige Treuherzigkeit, verbunden mit einem feinen natürlichen Gefühl der Anständigkeit gegen Fremde auf. Hinter Gyßwyl erhebt sich eine Stunde Wegs hoch der Kaiserstuhl zu der Ebene des Lungern Sees. Auch an seinen Gestaden hin (er ist eine Stunde lang) hat man unaufhörlich den Sturz der Wasserfälle von beiden Gebirgsseiten im Auge und ihr fernes oder nahes Getöse im Ohr. Von Lungern am Ende des Sees beginnt der Weg über den Brünig nach Meiringen hinab, noch 3 Stunden weit. Das Zollhaus auf seiner Höhe erinnert an den Uebertritt in den Canton Bern. Schade, daß gerade hier ein wilder Nebelzug und die Aussicht der hohen Gebirge gegenüber und den ersten schönen Blick in das reitzende Haslithal mißgönnte. Noch schlimmer, daß er sich bald in einen kräftigen Regenguß verwandelte, der uns bis an die Schwelle des Withshauses in Meiringen begleitete. Da wurde eingefeuert und umgekleidet, getrocknet und gewaschen, gegessen und getrunken, gelacht und gejammert. War der Nebel auf dem Brünig dicht, so war es jezt der entsezliche Rauch im Zimmer noch mehr. Doch hielten wir uns zum Fenster hinaus einpaar Wasserfälle, und die schöne, frisch belegte Spitze eines Schneeberges schadlos, der kaum eine viertelstunde entfernt schien.

 

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Den 3ten September. Maieringen.

Maieringen, auch Hasli genannt, ist ein schönes und großes Dorf in dem viel besuchten und gepriesenen Haslithal, das von hohen Bergen und schönen Alpen umgeben, aufwärts in die Region der Grindel verwildert, abwärts von der jugendlichen Aar durchströmt, in die Ebene von Interlaken, zwischen dem Brienzer- und Thuner See aufgeht. Die Einwohner dieses Thals sollen sich an Geist und körperlichem Wuchs von allen Schweizern auszeichnen. Ihre Sprache wird als die feinste des ganzen Schweitzervolkes genannt. Es scheint jedoch, daß man länger als einen Tag in dieser Gegend seyn müsse, die ohnehin an andere Gegenstände die Aufmerksamkeit richtet, um es wahr zu finden. Wohl entgeht etwas eigenes in dem Charakter des Berner Landvolks der Bemerkung nicht. Die offene Treuherzigkeit der kleinen Cantone zieht sich hinter eine ernstere, bisweilen fast schwerfällige Außenseite zurück. Der wohlhabende Bernbieter fühlt sich und seinen Wohlstand und ist stolz auf den Canton, dem er angehört. Hingegen der Arme neben ihm scheint das Gefühl, daß er Schweitzer sey, wenigstens in diesen Thälern verlohren zu haben. Selbst die naive und unwiderstehliche Manier der Jungen von Unterwalden, wenn sie den Wanderer durch ihre Dörfer in den wenig Seckunden mit einem dicken Greis umringen, und mit fröhlichen Geberden, lieb und schön um ein paar Kreutzer zum Ausspielen mit der Armbrust buhlen, sinkt hier zur plattesten und unverschämtesten Betteley nach deutscher Art und Weise herab. Indessen ist nichts schwerer, als ohne Ungerechtigkeit über den Charakter eines Volkes zu urtheilen, an dem man nur wie auf der Landstraße vorüberzieht. Ein heiterer Himmel stand heute über uns beym Erwachen und im Schimmer der Morgensonne verklärt, begrüßte uns der Schneeberg. Der vormittag wurde mit vereinzelten Spaziergängen zu den näheren Merkwürdigkeiten des Thales, besonders den Wasserfällen, zugebracht. Baron Ernst wollte sich heute lieber an einem Wasserfall als auf dem Zimmer waschen. Auch gut! Man kommt nahe an dem Nidersturz des einen in einen so freien von allen fliegenden Farben des Regenbogens bemahlten Wasserstaub, daß man, wie von unsichtbaren Geistern bedient, in wenigen Sekunden am Kopf und Händen naß wird, und sich reinigen und erquicken kann, ohne die Hand nach einem Tropfen Wasser auszustrecken. Nachmittags wurde der entfernte und merkwürdige Sturz des hohen Reichenbachs besucht. Man theilt ihn in den untern, mittlern und obern. Wir kamen heute bis zum mittlern, wo wir die erste Bekanntschaft mit Herrn Lafond, einem sehr gefälligen Mann und kunstreichen Maler von Bern machten. Mit Ueberraschung und Staunen weilt man hier an den vielfachen, bald malerisch schönen, bald fürchterlichen und schauerlichen Ansichten in díesen wilden, getösevollen und wieder von allen schönen Farben der Iris umflogenen Felsenschlünden. Zur Unterhaltung für den Rest des Abends trafen wir daheim neu angekommene Gesellschaft an. Es ist eine äußerst intereßante Ueberraschung, wenn man sich in diesen einsamen Berggründen, halb melancholisch von aller gebildeten, oft von aller menschlichen Gesellschaft abgeschnitten glaubt, hier vor einem erhabenen Gegenstand auf einen zeichnenden Künstler zu stoßen, dort auf einsamem Pfade einem unverdrossenen Botaniker zu begegnen, und da und dort Fremde aus allen Gegenden von Europa an sich vorbey ziehen zu sehen, oder mit ihnen zur Herberge zusammen zu kommen.

Heute speisten wir mit einem Liefländer, der in Bekanntschaft mit Herrn X. steht, mit einem Amsterdammer, und mit Herrn La Fond. Während der Mahlzeit ließ sich Nacht-Musik melden. Der gesangreiche Apollo, der mit seiner Frau, seiner Schwägerin und einer Dritten in festlichen Sontags-Unterkleidern mit weißen flatternden Hemd Ermeln gravitätisch hereintrat, kam uns jezt schon zum dritten Mal in veränderter Gestalt unter die Augen. Denn Vormittag hatten wir ihn schon in ehrbahrer Bürgerkleidung mit Schüssel und Messer als Barbier auf dem Zimmer. Eine Stunde früher brachte er mit aufgestülpten Ermeln und dem Schurzfell umgeben, die geflickten Schuhe und Stiefel.

Den 4. September. Maieringen bis Grindelwald. 9 Stund.

Diß ist die beschwerlichste und innteressanteste Tagreise. Einen gähen Berg hinauf besuchten wir zuerst auf einem Umweg den obern und merkwürdigsten Fall des Reichenbachs, der fast senkrecht, erleuchtet von den Strahlen der Morgen Sonne 200 Fuß hoch in die Felsenschlünde des mittlern Falles herabstürzt. Höher und höher hinauf kommt man zu den ersten Alpenhirten. Dort saß schon wieder mit dem Pinsel in der Hand Herr La Fond vor der beschneiten Felsenkuppe, von der man noch immer glaubt eine Viertelstunde entfernt zu seyn. Höher und höher an einzelnen Sennhütten vorbey, und lechzend von einer Quelle zur andern kommen wir zu einer Art von Wirthshaus, einer Sennhütte, wo man mit Butter und Käse, und herzlich schlechtem Wein (sonst ist auf der ganzen Tagereise nichts zu haben) zur Ersteigung der letzten beschwerlichen Höhe auf das Grat gestärkt wird. Da fiel einer nach dem andern nieder, um auszuruhen. Selten waren alle auf den Beinen, doch wollte jemand das Wort haben, er sey gar nicht müde, er schöpfe nur frischen Athem. Aber nicht fehlt es dieser Wanderung an schadloshaltem Interesse von mancherley Art. Besonders unterhaltet links die theils kahle, theils mit Schnee bedeckte hohe Felsenreihe, an der man vorbey zieht. Die Natur scheint mit ihr auf die nahen erhabenen Gegenstände vorbereiten zu wollen. Erstiegen ist das Grat , und welche Wunder thun sich auf. Vor euren Augen stehn sie da, die erhabenen Colossen, das Wetterhorn, der Wettenberg, der Eiger, und zwischen den beiden ersten herabgegossen der große Gletscher des Grindelwaldes, zu welchem man jetzt herabsteigt. Die größe der Gegenstände täuscht das Auge mit einem falschen Weitemaas. Noch immer war der Schneeberg von gestern, nur 1/4 Stunde entfernt. Ebenso weit schien es etwa an den Gletscher. Aber es war noch 2 Stund. Von den nahen gewürzreichen Erdbeeren hinweg, bestiegen wir, so weit es sich thun ließe diesen prächtigen, von der Abendsonne erleuchteten Eisberg. Zerstreute eingefrorene Steine, die mit den Lawinen herabstürzten, erleichtern das Aufsteigen. Ohne von der Kälte inkommodirt zu werden, legt man sich hier auf das nackte Eis und trinkt auf dem Bauche liegend aus den kleinen Bassins, die die Sonne hineinschmelzte. Man fühlt sich so wohl und erquickt, schaut mit dem mannigfaltigsten Wechsel der Gefühle bald an die hohen Bergmassen und in den nahen blauen Himmel hinauf, bald über die glänzende Eisfläche hinab in die grünen Auen und Gärten des nahen Dorfes Grindelwald und vergißt sich wieder an den allerliebsten kleinen Wasserkünsten um sich her. Da schmilzt das Eis, da haben sich schon Vertiefungen und Rinnen gegraben. Da rieseln und sprudeln unaufhörlich die kristallhellen Wasserbächlein hinein und hinaus. Die Natur, die hier in ihrer erhabensten Majestät zu thronen scheint, die nemliche scheint am nemlichen Ort mit den unschuldigen Spielen und Tändeleien der liebenswürdigen und fröhlichen Kindheit den Wanderer amüsieren zu wollen. Ueber den Lutschinenbach, den der Gletscher nährt, gelangten wir, von frisch gepflückten Kirschen gestärkt, nach Grindelwald. Verschwunden ist in wenig Minuten der Ruhe alle Müdigkeit. Das angenehmste Gefühl des Wohlseins durchströmt in dieser reinen Bergluft den Körper. Vor dem Wirthshause sizend übersieht man mit wieder gesammelter Aufmerksamkeit die nahen erhabenen Gegenstände und ihren Zusammenhang. Zwischen dem Wetterhorn und Wettenberg lagert sich der obere große, zwischen dem Wettenberg und dem Eiger der untere kleine Gletscher hinab. Beide sind Ausflüsse aus einem höhern Schnee und Gletscherthal, das sich von der Grimsel herüber bis nach Wallis dehnt. Ueber dem kleinen erheben sich noch in der ferne die Köpfe der beschneiten Vieschhörner.

Wie klein ist hier der Mensch und das größte, was seine Kraft hervorbringt. Das Strasburger Münster ist 490 Fuß hoch, das Wetterhorn 11,450, der Eiger 12260, die Vieschhörner noch höher. Selten hat man das Unglück, hier wegzukommen, ohne etwas von Lawinen zu erfahren. Wir hörten noch diesen Abend ein plötzliches fernes Rauschen und erblickten noch eben zu rechter Zeit eine herabstürzende Schneesäule am Wetterhorn. Auch hörte man das ferne dumpfe Krachen und Donnern einer andern, die jenseits herabstürzte. Was sonst diesen Abend vorgefallen ist, will ich nicht verrathen. Aber noch eine lebendige Merkwürdigkeit auf dem Grindelwald ist Annelis Vater, unser Gastwirth selber. Die Gletscher haben hie und da weite Spaltungen, die bis in den tiefen Grund hinabreichen. Wer hinein fällt, ist Gott befohlen. Doch passierte dieses unserm Wirth. Seine Begleiter riefen in die Tiefe hinab. Keine Antwort! Man ließ Stricke an Stricke gebunden hinunter. Keine Hand fasste sie an. Er ward als ein Todter beweint und aufgegeben, als er am dritten Tag, wie ein Besuch aus der Spaltenwelt, einsam durch das Dorf in seine Wohnung zurückkehrte. Als er in dem fürchterlichen Eiskerker, der ihn verschloß, von der Betäubung zu sich gekommen war, vernahm er das Rauschen eines nahen unterirdischen Baches, kroch ihm mit zerquetschtem Körper und gebrochenem Arme nach, und kam mit ihm am Fuße des Gletschers heraus an das fröliche Licht des Tages und des Lebens, das einzige Beyspiel einer solchen Rettung.

Den 5ten September von Grindelwald über Lauterbrunn nach Interlacken. 7 Stund.

Ein tiefes romantisches Thal führt nach Zweylutschinen. In diesem bemerkten wir einen von dem Bergrücken hinab bis in das Thal zerschmetternden Wald, von beträchtlicher Breite. Wie Fruchthalme vom Hagel zerknickt, lagen die Baumstämme übereinander. Es ist nach des Führers Versicherung die schröckliche Wirkung einer Lawine. Von Zweylutschinen geht man links durch ein anderes Thal nach Lauterbrunnen seitwärts. Dort kommt wie vom Himmel 800 Fuß hoch über eine senkrechte Felsenwand hinab der Staubbach und schwebt, in eine hängende Staubsäule aufgelöst, in ewig wechslender und immer der nemlichen Zaubergestalt vor dem staunenden Auge. Wir gingen fast dicht am Felsen, wie durch den Regenschlag einer Gewitterwolke an ihm vorüber und erblickten im Umwenden mit neuem Staunen zum erstenmale in ihrem reinen blendend weissen Schnee Gewand die majestätische Jungfrau, einen noch nie bestiegenen Schneeberg von 12900 Fuß Höhe, 10422 über dem Thal. Neben ihr steht der Mönch.

Der Weg führt wieder nach Zweylütschinen zurück. Mit dem Blick der Sehnsucht und dem Gefühl der nahen Hoffnung schaut man doch endlich wieder nach den niedrigeren Bergen, den breitern Thälern und kultivierten Gegenständen hinaus und sieht sich in Interlacken zwischen dem Thuner und Brienzer See wieder an den Ufern der Aar, und am Ausgang des Thals, das man in Meiringen vom Brünig hinab durchschnitten hatte.

Hier ward den 15ten. August dieses Jahres zum erstenmal das große Schweizer Hirtenfest gehalten, wovon alle Zeitungsblätter dieses Monats voll sind. Der Tag wurde mit Wettkämpfen aller Art zugebracht. Da zeigte sich Schweizer Geist und Sinn. Ein Appenzeller z. B., der sich noch nicht lange von einer schweren Krankheit erholt hatte, hob einen 1801 Pfund schweren Stein in freier Hand über dem Kopf und warf ihn mit unbewegtem Körper, bloß durch die Kraft des Armes, 10 Schritte weit von sich. Dann rang er noch eine halbe Stunde mit den Stärksten. Als er am Ende nach einem hastigen Trunk von Uebelkeit befallen, den errungenen Preis nicht in Empfang nehmen konnte, da trat sein besiegter Gegner, ebenfalls ein Appenzeller hervor, nahm, stolz auf seinen Landsmann, den Preis für ihn in Empfang und überbrachte ihm denselben mit freudiger Theilnehmung.

 

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Den 6ten September Interlacken=Thun. 6 Stund

Herr La Fond war diesen Morgen auch angekommen. Nachdem wir von einem Spaziergang an den Brienzersee zurückgekommen waren, besuchten wir in seiner Begleitung auf der heutigen Reise in der Stadt Unterseven, Herrn König, ebenfalls einem geschickten Maler, und sahen mit großem Vergnügen seine schönen Werke von Schweitzer=Landschaften und Trachten. Bald steht man am Gestade des Thuner Sees. Er hat 4 Stunden in die Länge, 1 bis 2 in die Breite und ist mit hohen, zum Theil steilen Gebirgen eingefaßt, worunter das Vorgebirg, die Nase genannt, der Beatenberg und der schöne regelmäßig gebaute Niesen besonderer Erwähnung verdienen. Am Ende des Sees, wo die Aar wieder herausfließt, erhebt sich Thun, eine artige Landstadt des Cantons. Der hochgelegene Kirchhof umfasst eine sehenswerthe Aussicht. Stolz blickt die weiße Jungfrau herüber. Hier hat die große Fußreise ein Ende.

Den 7ten Thun bis Bern. 6 Stund.

Auf dieser reise machten wir Bekanntschaft mit dem gelehrten und sehr gefälligen Herrn Professor Kuhn von bern. Was der gegend an andern Merkwürdigkeiten abgeht, ersetzt sie durch Mannigfaltigkeit, verschönert durch Cultur. Durch ansehnliche Dörfer, zwar von Holz, aber groß und reich gebaut, kommt man bald an kunstreiche und geschmackvolle Anlagen., die Vorboten der nahen Stadt. Diesen Abend wurde der treue Begleiter Hofmann entlassen.

Den 8ten und 9ten September Bern.

Bern in einem engen, aber angenehmen Thal, von der Aar umflossen, ist die schönste und eine der größten und reichsten Städte der Schweitz. Die ganze lange, nicht völlig gerade Hauptstraße hat durchgehends Häuser von massivem Quader gebaut, mit Bogengängen zu beiden Seiten. Herzog Berthold V. von Zähringen war ihr Stifter 1191. Jetzt ist sie mit 13,680 Einwohnern die Hauptstadt des grösten, mächtigsten Kantons, reformierter Religion. Den 8ten September, weil es der große Schweitzer Buß= und Bettag war, brachten wir meist in der Stille auf dem Zimmer und auf der Prommenade z. B. bey den schönen Hirschlein, und auf dem hohen Kirchhofe zu. Auch hier begrüßt euch die Jungfrau.

Den 9ten September besahen wir, von Madame Haller begleitet, 1. die Bibliothek. Sie bewahrt unter andern schätzbare Bildnisse von alten Häuptern des Staates voll Ausdruck des Charakters und Leben.
2. Ein großes Tableau, die Auferstehung enthaltend, mit einzelnen interessanten Partien.
3. Eine vollständige Sammlung aller Vogelarten, die in der Schweiz einheimisch leben, oder als Gäste sie seltener besuchen.
4. Eine Sammlung von Waffen, Kleidern und Geräthe aus Süd=Indien und Otaheide.
5. Ein Basrelief von dem Berner Ober=Land, ähnlich dem Pfyfferschen in Lucern, zwar kleiner, aber eben deswegen leichter zu übersehen und lehrreicher für kurze Anblicke. Es war viel werth, hier alles im grossen lehrreichen Zusammenhang zu überschauen, was wir seit einigen Tagen Schritt für Schritt vereinzelt gesehen hatten.
6. Neben diesem ein ähnliches von der Landschaft Aigle, ehemals Canton Bern, jetzt Leman, gehörig.
7. Eine Mineralien Sammlung mit besonders schönen Cristallen.
8. Die reinlich, besonders wohl eingerichteten und sehenswerthen Spitäler. Die Berner Stadtbewohner sind neben den Zürchern die gebildetsten und ohngeachtet des Stolzes auf ihren Namen gegen Fremde die gefälligsten unter den Schweitzern, die in Städten leben.

Dienstag den 10ten September Bern bis Biel 6 St.

Diesen Morgen besuchen wir Herrn Lafond in seiner Wohnung und sahen bey ihm theils seine eigenen, mit Geschmack und Treue gezeichneter Schweitzer Landschaften und Trachten, theils mehrere colorirte Stiche und Handzeichnungen seines berühmten Lehrers Freudenberger. Kurz vor Bern begegnet uns heute eine Nase. Die größte, die in eines Menschen Angesicht Platz haben kann, doch kleiner als das Vorgebirg gleiches Namens im Thuner See.

Ein alter gebrechlicher Geselle, den nur noch der Branntwein zusammenhält, führte uns über Berg und Thal, den Frienisberg auf und ab. Bemerkenswert sind Aarberg an der Aare und dem Fuß des Frinisberg, und Nidau, ein artiges Städtlein am Bieler See und der Gränze des Cantons Bern.

Biel, ehemals eine Schweitzerbundesgenossin, ist jetzt eine zum Depart. Ober=Rhein gehörige französische Grenzstadt. Ein Weg von 1/4 Stund führte durch eine schlecht unterhaltene Promenade an den Bieler See, 8 Stunden lang, 1 breit, 216 Fuß tief. Von seinem Ufer erblickt man die durch Rousseaus Namen berühmt gewordene Peters Insel. An dem See und der Stadt hinab zieht das Juragebirg, das weit aus Frankreich herüber, von Genf bis Basel an der Gränze von der Schweiz und Frankreich hinabläuft und hier mit dem gegenüberstehenden Frienisberg ein schönes und breites Thal bildet. Wir vertrauen uns seinen Felsenschlünden.

Mittwoch den 11ten Biel=Mallerai. 6 Stund

Herr Lembke, ein Landsmann und Bekannter, war heute unser angenehmer Begleiter. Der Weg führt schnell und steil den Jura hinauf, wo man abermal wieder die fernen Schneeberge in langer Reihe zu Gesicht bekommt, und dann an seinen felsigen Abhängen hinein in mancherley Windungen dahin führt, zur rechten die aufsteigenden Bergrücken, zur linken ein Präcipiz in die Tiefe hinab, in welcher die Süß bald unsichtbar dahin braust, bald in grössern und kleinern Wasserfällen vor die Augen rückt. Dunkle Tannen bekleiden die Felsen.

Angenehm unterbricht auf einmal das sanfte Imer Thal den Ernst der Gefühle, zu welchem dies Umgebungen stimmen. Man durchschneidet es bey Sonceboz und steigt die zweite Bergreihe hinauf, auf deren Rücken man durch das Felsen Thor pierre pertuise kommt. Ein benachbarter höherer Bergrücken zieht sich hier über die Strasse hinab. Wahrscheinlich waren es die Römer, die ihn durchbrachen. Durch eine Öffnung von 40 bis 50 Fuß hoch fahrt man hindurch nach Tavanne (Dachsfelden). Auf dieser Seite des Felsen, steht eine römische, fast unleserlich gewordene Innschrift, die so erklärt wird:
     Numini Augustorum. Via facta pu Titum Dunnium paternum. virum Colon. Helvet:

Sogleich jenseits des Felsen erblickt man die Quelle der Birs, der treuen Begleiterin bis Basel, und fährt durch eine hüglichte Landschaft zwischen sanften Bergen nach Mallerai, einem schlechten Dorf und dergleichen Wirthshause. Herr Lembke, der uns schon verlassen hatte, um mit der Chaise retour nach Biel zu fahren, kam nach einigen Stunden als Arrestant zurück, und musste nach seiner bewirkten Befreiung, weil schon der Abend einbrach, bleiben. Ein Glück, daß er uns noch antraf, sonst ginge sein Weg mit militärischer Begleitung nach Besancon und Herrn von Bobenhausen hätte warscheinlich sein Packet nie gesehen.

Den 12ten September Mallerai=Delemont. 5 Stund.

Heute war wieder Fußreise. Auch Herr Lembke, der sich gestern breit und gemächlich in den Wagen gesetzt hatte, wandelte demüthig seine 6 Stunden zu Fuß zurück. Josua, der berühmte Feldherr, soll einst in der Schlacht Bey Jericho die Sonne commandirt haben. Da stand sie stille über Jericho und der Mond im Thal Ajalon. Ein gewisser Herr wollte heute etwas ähnliches versuchen und sie aus dem Nebel herauscommandiren. Aber es gelang nicht bis *)...

*) An dieser Stelle und an einigen andern ist leider das Heft, in das Hebel seine Reisebeschreibung geschrieben, beschädigt.

Das Münsterthal. Majestätischer Anblick! Ihr wandelt 2 1/2 Stunde lang auf dem Grund zerrissener Berge durch einen vielfach gewundenen Felsenschlund, der unten nur für die Strasse und die rauschende Birs Raum gewährt. Dicht am Rande des ersten und am Ufer des letzten thürmen sich die wilden zerrissenen Felsenmassen auf, die sich oben bald in tiefe Weitungen zurückziehen oder in furchtbar hervorragenden Massen über dem Haupt des Wanderers schweben und den Himmel zu verschliessen drohen. Bey dem Schmelzofen von Corrandelin (Tennedorf) kommt man wieder in eine beschränkte Ebene hervor. In ihr liegt Delemont (Delsperg), der Hauptort dieser Landschaft. Sie war ehedem ein Theil des Bistums Basel, hatte aber ihre eigene Verfassung und stand mit den mächtigsten Cantonen der Schweitz im Bund. Das Völklein, das sie bewohnt, steht in dem schönen Ruf der herzlichsten Gutmüthigkeit und Biderkeit. Seit den ersten Jahren des vorigen Krieges sind ihre Freiheits und Bundesdokumente zerrissen, und der französische Adler schwingt jetzt über ihren Thälern und Felsen seine Fittige. Die Sprache von Biel an ist patois.

Den 13. September. Delemont bis Basel 9 Stund.

Bald kommt man wieder zwischen die Felsen des zerrissenen Gebirgs. Allmählig jedoch erweitert sich das Thal, die senkrechten Felsenwände legen sich ins Flachern und bekleiden sich mit Saaten und Weinbergen, bis sich gegen Basel hin alles in die Herrlichkeit des grossen fruchtbaren Rheinthals auflöset. In Saugern, einem Dorf ist die Gränze von patios und deutsch. Bald ist man in Laufen, einem artigen Städtchen mit Schlößer, unter andern die schönen Ruinen von Pfeffingen geben der Gegend einen romantisch Anstrich. Bey Esch blickt man zum erstenmal an die rebenreichen Hügel und schönen Auen der Marggravschaft Baden hinüber, verläßt bei Reinach den französischen Boden und rückt noch einmal in die Schweitz, Canton Basel.

Rechts erblickt man noch Arlesheim, ehemaliger Sitz des bischöflich Basel'schen Domkapitels, nahe dabey haben die Ruinen von dem Schlosse Münschenstein, das erst vor wenigen Jahren die Revolutionswuth zerstört, und kommt nahe vorüber an dem Schlachtfeld von St. Jakob. 1600 Schweitzer verteidigten im Jahr 1444 das Vaterland gegen 30,000 Franzosen. Achttausend Feinde blieben auf dem (Platz). Nur 16 Schweitzer kamen davon. Das Vaterland erklärte sie als feige Flüchtlinge für ehrlos. Der rothe Wein, der jetzt auf dem Schlachtfeld wachst, heißt daher Schweitzerblut, und wird alle Frühjahre in wenig Tagen unter patriotischen Erinnerungen und Gefühlen weggetrunken. Hier fließt die Birs in den Rhein.

Den 14. 15. Basel.

Sie ist die größte Stadt die Schweitz und führt den ausgebreitetsten Handel, der Hauptstadt eines reformirten Cantons. Hier kamen wir zum erstenmal wieder an den Rhein, den wir in Constanz verlassen hatten, und waren 18 Stund von Schaffhausen. Wir besahen den 14ten Vormittag 1. Das Rathhaus. 2. Die Münsterkirche, merkwürdig durch Grabstätten und Denkmale von Personen aus dem österreichischen und (fehlt) Hause, von Bischöfen und (fehlt) den Familien von Rothberg, Reichenstein etc. Am Chor steht der Grabstein des Erasmus von Rotterdam. 3. Das große Auditorium der Universität. 4. Der Saal der Kirchenversammlung. Sie wurde von Constanz hierher verlegt. 5. Den Kreuzgang hinter der Kirche und die Pfalz mit einer schönen Aussicht. Der Rest des heutigen und der folgende Tag wurde bey Freunden auf dem Lande in Bourgliore und Weil zugebracht.

 

An dieser Stelle endet der Abdruck, über die Stationen der Rückreise nach Karlsruhe gibt es in der NZZ keine Informationen.

 

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Das Reistagebuch von Hebels Schweizerreise 1805, dessen Auszug in fünf Folgen
vom 23. - 27. 6. 1900 im Feuilleton der Neuen Zürcher Zeitung (NZZ) abgedruckt wurde,
liegt als Kopie im Archiv der Basler Hebelstiftung innerhalb des Staatsarchivs Basel-Stadt.

Der vorliegende Text wurde nur zwei Mal überhaupt veröffentlicht.
Das gesamte Tagebuch wird im Familienarchiv der Familie 'von Mentzingen' aufbewahrt,
leider war es mir bei meinen Recherchen nicht zugänglich.
Der 2. Abdruck im "Lörracher Jahrbuch" vor ca. 30 Jahren hatte vermutlich eine auf das engere Lörrach-
städtische Umfeld begrenzte Leserschaft, und ist aktuell auch über das Internet nicht zugänglich.

Die Schreibung des Artikels wurde für unsere Website wie gedruckt vorliegend beibehalten.
Ich gehe davon aus, dass die für uns ungewöhnliche Orthographie "Originalton Hebel" ist
(und, einmal abgesehen von eventuellen Druckfehlern nicht der um 1900
üblichen Schreibweisen der NZZ entspricht  - siehe insbes. "Zürch" für "Zürich").

Die Kenntnis darüber verdanke ich dem Buch "J. P. Hebel und Basel" von Fritz Liebrich, Basel.
1926 zum 100-jährigen Todestag erschienen, referiert Liebrich auf den Seiten 72 - 78 über die Reise
Hebels als Mentor der Barone Carl und Ernst von Mentzingen (sic!) und das dabei entstandene Tagebuch.

Die Existenz der fast nicht mehr aufzutreibenden Artikelserie (eine weitere Kopie besitzt das Museum Chur/CH)
 und deren Signatur im Staatsarchiv Basel-Stadt wurden mir von Herrn Remy Suter, Mitglied im Stiftungsrat
der Hebelstiftung Basel, übermittelt.

Der Text auf dieser Website ist die Transkiption einer Fotokopie der Artikelserie in der seinerzeit üblichen Frakturschrift
aus dem Basler Staatsarchiv.

Hansjürg Baumgartner, Webmaster