Wie der Zundelfrieder und
sein Bruder dem roten Dieter abermal einen Streich spielen
(1810)
Als der Zundelheiner
und der Zundelfrieder wieder aus dem Turm kamen, sprach der Heiner zum Frieder:
„Bruder wir wollen doch den roten Dieter besuchen, sonst meint er, wir sitzen
ewig in dem kalten Hundsstall beim Herr Vater auf der Herberge." - „Wir wollen
ihm einen Streich spielen", sagte der Frieder zum Heiner, „ob er's merkt, daß
wir es sind." Also empfing der Dieter ein Brieflein ohne Unterschrift: „Roter
Dieter, seid heute nacht auf Eurer Hut, denn es haben zwei Diebsgesellen eine
Wette getan: einer will Eurer Frau das Leintuch unter dem Leibe wegholen, und
Ihr sollt es nicht hindern können." Der Dieter sagte: „Das sind zwei rechte
Spitzbuben aneinander. Der eine wettet, er wolle das Leintuch holen, und der
andere macht einen Bericht, damit sein Kamerad die Wette nicht gewinnt. Wenn
ich nicht gewiß wüßte, daß der Heiner und der Frieder im Zuchthaus sitzen, so
wollt ich glauben, sie seien's." In der Nacht schlichen die Schelme durch das
Hanffeld heran. Der Heiner stellte eine Leiter ans Fenster, also daß der rote
Dieter es wohl hören konnte, und steigt hinauf, schiebt aber einen
ausgestopften Strohmann vor sich her, der aussah, wie ein Mensch. Als inwendig
der rote Dieter die Leiter anstellen hörte, stand er leise auf, und stellte
sich mit einem dicken Bengel neben das Fenster, „denn das sind die besten
Pistolen", sagte er zu seiner Frau, „sie sind immer geladen"; und als er den
Kopf des Strohmanns heraufwackeln sah, und meinte der sei es, riß er schnell
das Fenster auf, und versetzte ihm einen Schlag auf den Kopf aus aller Kraft,
also daß der Heiner den Strohmann fallen ließ und einen lauten Schrei tat.
Der
Frieder aber stand unterdessen mausstill hinter einem Pfosten vor der Haustüre.
Als aber der rote Dieter den Schrei hörte, und es war alles auf einmal still,
sagte er: „Frau, es ist mir, die Sache sei
nicht gut, ich will doch hinuntergehen und schauen, wie es aussieht."
Indem er zur Haustüre hinausgeht, schleicht der Frieder, der hinter dem Pfosten
war, hinein, kommt bis vor das Bett, nimmt, wieder, wie in der vorigen
Erzählung, als sie das Säulein stahlen, des roten Dieters Stimme an, und es ist
wieder ebenso wahr. „Frau", sagte er mit ängstlicher Stimme, „der Kerl ist
maustot, und denk nur, es ist des Schultheißen Sohn. Jetzt gib mir geschwind
das Leintuch, so will ich ihn darin forttragen in den Wald, und will ihn dort
einscharren, sonst geht's zu bösen Häusern." Die Frau erschrickt, richtet sich
auf, und gibt ihm das Leintuch. Kaum war er fort, so kommt der rechte Dieter
wieder und sagt ganz getröstet: „Frau, es ist nur ein dummer Bubenstreich
gewesen, und der Dieb ist von Stroh." Als aber die Frau ihn fragte: „Wo hast du
denn das Leintuch", und lag auf dem bloßen Spreuersack, da gingen dem Dieter
erst die Augen auf, und sagte: „O ihr vermaledeiten Spitzbuben! Jetzt ist's
doch der Frieder gewesen und der Heiner, und kein anderer."
Aber auf dem Heimweg sagte der Frieder zum Heiner: „Aber jetzt Bruder, wollen
wir's bleiben lassen. Denn im Zuchthaus ist doch auch alles schlecht, was man
bekommt, ausgenommen die Prügel, und zum Fensterlein hinaus auf der Landstraße
hat man etwas vor den Augen, das auch nicht aussieht, als wenn man gern dran
hängen möchte."
Also wurde auch der Frieder wieder ehrlich.
Aber der Heiner sagte: „Ich geb's noch nicht auf." |