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Die gute Mutter    (1813)
 
Im Jahr 1796, als die französische Armee nach dem Rückzug aus Deutschland jenseits hinab am Rhein lag, sehnte sich eine Mutter in der Schweiz nach ihrem Kind, das bei der Armee war, und von dem sie lange nichts erfahren hatte, und ihr Herz hatte daheim keine Ruhe mehr. „Er muß bei der Rhein-Armee sein", sagte sie, „und der liebe Gott, der ihn mir gegeben hat, wird mich zu ihm führen", und als sie auf dem Postwagen zum St. Johannistor in Basel heraus, und an den Rebhäusern vorbei ins Sundgau gekommen war, treuherzig und redselig, wie alle Gemüter sind, die Teilnehmung und Hoffnung bedürfen und die Schweizer ohnedem, erzählte sie ihren Reisegefährten bald, was sie auf den Weg getrieben hatte. „Find ich ihn in Colmar nicht, so geh ich nach Straßburg, find ich ihn in Straßburg nicht, so geh ich nacher Mainz." Die andern sagten das dazu und jenes, und einer fragte sie: „Was ist denn Euer Sohn bei der Armee? Major?" Da wurde sie fast verschämt in ihrem Inwendigen. Denn sie dachte, er könnte wohl Major sein, oder so etwas, weil er immer brav war, aber sie wußte es nicht. „Wenn ich ihn nur finde", sagte sie, „so darf er auch etwas weniger sein, denn er ist mein Sohn." Zwei Stunden herwärts Colmar aber, als schon die Sonne sich zu den Elsässer Bergen neigte, die Hirten trieben heim, die Kamine in den Dörfern rauchten, die Soldaten in dem Lager nicht weit von der Straße standen partienweise mit dem Gewehr beim Fuß, und die Generale und Obersten standen vor dem Lager beisammen, diskurierten miteinander und eine junge weißgekleidete Person von weiblichem Geschlecht und feiner Bildung stand auch dabei und wiegte auf ihren Armen ein Kind. Die Frau im Postwagen sagte: „Das ist auch keine gemeine Person, daß sie nahe bei den Herren steht. Was gilt's, der wo mit ihr redet, ist ihr Mann." Der geneigte Leser fängt allbereits an, etwas zu merken, aber die Frau im Postwagen merkte noch nichts. Ihr Mutterherz hatte keine Ahndung so nahe sie an ihm vorbeigefahren war, sondern bis nach Colmar hinein, war sie still und redete nimmer. In der Stadt im Wirtshaus, wo schon eine Gesellschaft an der Mahlzeit saß, und die Reisegefährten setzten sich auch noch wo Platz war, da war ihr Herz erst recht zwischen Bangigkeit und Hoffnung eingeengt, daß sie jetzt etwas von ihrem Sohn erfahren könnte, ob ihn niemand kenne, und ob er noch lebe, und ob er etwas sei, und hatte doch den Mut fast nicht zu fragen. Denn es gehört Herz dazu, eine Frage zu tun, wo man das Ja so gerne hören möchte, und das Nein ist doch so möglich. Auch meinte sie, jedermann merke es, daß es ihr Sohn sei, nach dem sie frage und daß sie hoffe, er sei etwas geworden. Endlich aber als ihr der Diener des Wirts die Suppe brachte, hielt sie ihn heimlich an dem Rocke fest, und fragte ihn: „Kennt Ihr nicht einen bei der Armee, oder habt Ihr nicht von einem gehört, so und so?" Der Diener sagt: „Das ist ja unser General, der im Lager steht. Heute hat er bei uns zu Mittag gegessen", und zeigte ihr den Platz. Aber die gute Mutter gab ihm wenig Gehör darauf, sondern meinte es sei Spaß; der Diener ruft den Wirt. Der Wirt sagt: „Ja, so heißt der General." Ein Offizier sagte auch: „Ja, so heißt unser General", und auf ihre Fragen antwortete er: „Ja so alt kann er sein", und „Ja so sieht er aus, und ist von Geburt ein Schweizer." Da konnte sie sich nicht mehr halten vor inwendiger Bewegung, und sagte: „Es ist mein Sohn, den ich suche"; und ihr ehrliches Schweizergesicht, sah fast ein wenig einfältig aus vor unverhoffter Freude und vor Liebe und Scham. Denn sie schämte sich, daß sie eines Generals Mutter sein sollte, vor so vielen Leuten, und konnte es doch nicht verschweigen. Aber der Wirt sagte: „Wenn das so ist gute Frau, so laßt herzhaft Euere Bagage abladen ab dem Postwagen, und erlaubt mir, daß ich morgen in aller Frühe ein Kaleschlein anspannen lasse, und Euch hinausführe zu Eurem Herrn Sohn in das Lager."

Am Morgen, als sie in das Lager kam, und den General sah, ja so war es ihr Sohn, und die junge Frau, die gestern mit ihm geredet hatte, war ihre Schwiegertochter, und das Kind war ihr Enkel. Und als der General seine Mutter erkannte, und seiner Gemahlin sagte, „das ist sie", da küßten und umarmten sie sich, und die Mutterliebe und die Kindesliebe, und die Hoheit und die Demut schwammen ineinander und gössen sich in Tränen aus, und die gute Mutter blieb lange in ungewöhnlicher Rührung, fast weniger darüber, daß sie heute die Ihrigen fand, als darüber, daß sie sie gestern schon gesehen hatte. - Als der Wirt zurückkam, sagte er, das Geld regne zwar nirgends durch das Kamin herab, aber nicht 200 Franken nähme er darum, daß er nicht zugesehen hätte, wie die gute Mutter ihren Sohn erkannte, und sein Glück sah; und der Hausfreund sagt: „Es ist die schönste Eigenschaft weitaus im menschlichen Herzen, daß es so gerne zusieht, wenn Freunde oder Angehörige unverhofft wieder zusammenkommen, und daß es allemal dazu lächeln, oder vor Rührung mit ihnen weinen muß, nicht ob es will."

 
 
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Bild: Original-Illustration aus dem "Rheinländischen Hausfreund"



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