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Zu Hebel's Ehrengedächtnis vom Adjunkten
des Rheinländ. Hausfreundes
 

   


Christoph Friedrich Kölle wurde von Hebel in
»Des Hausfreunds Vorrede und Neujahrswunsch« 
 
im Jahre 1811 als »Adjunkt« eingeführt.
 
 

Er schrieb diese biographische Laudatio für die von
Albert Preuschen, dem Sohn des Schopfheimer Diakons
 
und Karlsruher Hofdiakons August Gottlieb Preuschen,
 
1843 bei C. F. Müller herausgegebene Gesamtausgabe
 
 der Werke Hebels.
   
 

   

Seinem vieljährigen Freunde,

Herrn Staatsrat Nebenius.


Kölle.


Sie forderten neulich mich, den Adjunkten unseres unvergeßlichen Freundes Hebel auf, das niederzuschreiben, was meinem, glücklicher Weise ziemlich treuen, Gedächtnisse aus einer Zeit sich eingeprägt hat, in welcher Hebels Kulmination und meine Krystallisation (28. bis 50. Lebensjahr) zusammentrafen.

Dieses soll in Nachfolgendem geschehen, und ich kann die lange ruhende Feder mit nichts zu neuem Dienst berufen, was mich mehr ansprechen könnte, als gerade dieser Gegenstand. Die Gespräche mit Ihnen, der Aufenthalt im wohlbekannten, aber doch so gänzlich veränderten Karlsruhe, der Anblick von Hebels Denkmal, die so gewaltig umgestaltete Grundlage des politischen und sozialen Lebens, ja die Hitze, welche an die des Kometensommers von 1811 mahnt, sie brachten durch Erinnerungen und Kontraste eine Stimmung in mir hervor, wie man sie in unsern Jahren nur selten fühlt, und welche am sichersten dadurch beschwichtigt wird, daß man sich ihre Gründe selbst klar macht, sich zum Niederschreiben zusammennimmt, und das geistige Gleichgewicht dadurch wieder zu erlangen sucht, daß man das, was uns betrifft, behandelt, als ob es einem Andern angehörte.

Wenn ich durch den Gegenstand genötigt werde, mehr von meiner Person zu reden, als diese verdienen dürfte, so soll dieses wenigstens nicht breiter gegeben werden, als die Sache selbst fordert, nur ohne Ansprüche auf künstlerische Verhandlung.

Ich stelle mich in Gedanken mit Ihnen vor Hebels Grabhügel, und bitte Sie, die letzten Lebensjahre unseres Freundes und deren geistige Erlebnisse dem anzureihen, was ich von ihm zu sagen weiß.

Mit Beginn des Krieges von 1809, wurde ich von München nach Karlsruhe versetzt als Württembergischer Legationssekretär nach wie vor, in so fern aber zu wichtigerm Posten berufen, als ich einen unwissenden, trägen, und noch dazu jeden Sommer abwesenden Gesandten zu ergänzen hatte, folglich sechs Monate unter seinem Namen, sechs andere als Geschäftsträger (Hebel pflegte zu sagen: als Träger zum Geschäft) so ziemlich Alles zu tun und zu verantworten hatte, was der Gesandtschaft oblag.

Ich verließ München höchst ungerne, und mein guter Vater tröstete mich durch das Geschenk eines Pferdes, welches auch in den ersten Tagen meines Aufenthaltes in Karlsruhe tüchtig bewegt wurde, um die Umgegend zu rekognoszieren. Da begegnete mir im Hardtwalde ein Mann im grauen Frack, die Hände unter den Schößen, und blickte mich im Ausweichen mit blitzenden Augen beinahe spöttisch an.

Die Mischung von Gutmütigkeit und Schalkhaftigkeit fiel mir auf, und ich wurde das Gesicht lange nicht los, ungeachtet ich zur Schande meines Lieblingsstudiums — der Physiognomik — gestehen muß, daß ich nicht auf Hebel verfiel. Ich mußte anerkennen, daß ich einer ungewöhnlichen, bedeutenden Persönlichkeit nahe gewesen sei, aber das Vorherrschen des Gemütlichen, Sehnsüchtigen in den alemanischen Gedichten ließ mich eher einen schmächtigen, hageren Mann in Hebel erwarten, zudem war er ja Kirchenrat, auch dürfte es nicht überflüssig sein, zu bemerken, daß damals der Reichtum und Überreichtum an Bildnissen, wie wir jetzt ihn sehen, noch keineswegs vorhanden war. Den rheinischen Hausfreund kannte ich noch nicht.

Denselben Abend wurde das aus einer Lesegesellschaft erwachsene Museum durch Rede, Gesang und — wie es sich von selbst versteht — durch Speise, Trank und Tabacksrauch eingeweiht. Eine meiner ersten Bekanntschaften in Karlsruhe war der Geheime Sekretär Bouginé, ein sehr geistreicher, vollkommen originaler Mann, eine Art Behrisch. Wir waren uns schnell nahe gekommen, er führte mich ins Museum ein und stellte mich unter andern auch dem Kirchenrat Hebel vor, an welchen ich mündliche Grüße von einem Erlanger Universitätsfreunde, dem Geheimrat Rheinwald aus München zu überbringen hatte.

Rheinwald war ebenfalls einer von den Menschen, wie man sie nur Einmal im Leben zu treffen das Glück hat. Gründlicher Gelehrter, geübter Geschäftsmann, vertraut mit den geheimsten Angelegenheiten des pfälzischen Hauses, dabei Lebemann erster Größe, haßte er Baden, weil es sein liebes Mannheim erworben hatte, und ich hatte oft die alemannischen Gedichte, welche ich leidenschaftlich liebte, wider ihn zu verteidigen. Doch meinte er, ich sollte den Schwarzrock von ihm grüßen, was denn auch in bester Form geschah.

So saß ich nun dem Graurock von demselben Abend bei einem Glase Wein gegenüber, und er konnte bald bemerken, daß ich die alemannischen Gedichte alle auswendig wußte. Rheinwalds vielfach bedeutende Persönlichkeit, seine Vorzüge und Schwächen interessierten Hebel um so mehr, da beide durch sehr auseinander gehende Lebenswege äußerlich vollkommen, innerlich aber eigentlich gar nicht einander entfremdet waren.

Von jeher war ich so glücklich, schnell mit den Leuten bekannt zu werden. Damals aber war ich jung, sehr lebenslustig und weich gestimmt, wie einer, welcher viel Liebes eben hat verlassen müssen. Hiezu kam noch das Bedürfnis, mich für den Verlust des größeren Kreises, aus welchen ich gerissen worden war, in engerem Kreise möglichst zu entschädigen, und den neuen, damals höchst sonderbar durchschnittenen Boden, auf welchem ich zu stehen hatte, möglichst schnell und klar zu erkennen. Dieses aber ist nur dadurch möglich, daß man gescheiten Leuten nahe kömmt.

Daher bemühte ich mich, so liebenswürdig zu sein als möglich, und war wirklich nach wenigen Wochen so fest gewurzelt, daß ich in die gesetzgebende Kommission des Museums erwählt wurde, worauf ich nicht wenig stolz war, nicht bemerkend, daß ich nur darum erwählt worden sei, um Andern die Kastanien aus dem Feuer zu ziehen. Ich führe diesen Umstand nur deshalb an, weil er dazu dient, meine Stellung überhaupt zu bezeichnen, dem Kreise gegenüber, in welchem ich mich bewegte.

Wenn ich in wenigen Wochen mit Hebel so vertraut wurde, wie wenige, und bei solcher Altersverschiedenheit kaum Einer, so verdankte ich es vorzüglich dem Anregenden und doch noch dankbar Aufnehmenden meiner Lebensstufe. Zutätig, von Geschäften keineswegs überhäuft, für Zeit und Ort ziemlich unabhängig, fühlte ich mich von der unlieblichen politischen Gegenwart abgestoßen. Dabei war ich wißbegierig, schon ziemlich umhergetrieben, anekdotenreich und starker Tabakraucher. So wurde ich sein Schüler und Freund, täglicher Genosse und Vertrauter seines innern Lebens. Gleiche Not und ein Übereinstimmen in den Hauptsachen, bei verschiedenem Alter und Lebensgang, machte uns einander notwendig.

So viel, ja zuviel von mir, es war aber nötig, mich ad causam et ad processum zu legitimieren. Ich will nun versuchen, ohne strenge Ordnung die einzelnen Züge hinzuwerfen, welche zur Vervollständigung seines Bildes, zur Geschichte meiner Adjunktur und zum Verstehen der Schwiegermutter im Hausfreund dienen dürften.

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Über seine Kinderjahre sprach Hebel selten, nur erinnere ich mich, daß er die Abhärtung seiner Füße gegen Nässe und Erkältung dem Umstand zuschrieb, daß er als Knabe stets barfuß gegangen sei.
Einmal hatte er seinen Gespielen eine wichtige Entdeckung mitzuteilen. Er hatte den gefürchteten Kaminfeger in dessen Sonntagskleidung erkannt und gefunden, daß es ein »Herr« sei, weil er einen Zopf trage. Als Knabe begrub er Schmetterlingspuppen in Holzkistchen in die Erde und machte auf jedes Grab ein Kreuzchen.
Mit der größten Pietät äußerte er sich über den Geistlichen, welcher er zuerst das Genie des Knaben entdeckte und dessen künftigen Lebensweg anbahnte. Das Idyll, wo er ihn als Prediger über das »Hephata tue dich auf« darstellen wollte, und dessen Anfang er mir vorgelesen hat, scheint leider verlorengegangen zu sein. Es begann mit der, durch herrlichen Sonnenschein hervorgerufenen Versuchung, die Kirche zu schwänzen. Er geht mit der Gerte in der Hand in Jacke und Mütze ins Feld. Die Kirchtürme des Tals sehen sich an und fordern sich wechselseitig auf, mit dem Läuten anzufangen, endlich beginnt einer, die andern fallen ein und den Knaben treibt eine unwiderstehliche Gewalt in die nächste. So weit las er es mir vor.

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In Erlangen hielt er sich zu den Mosellanern. Der nachherige G. R. Rheinwald, dessen ich oben erwähnt habe, war Senior. Hebel mußte sich schlagen. Rheinwald sekundierte und gab ihm mit feierlichen Worten den Degen in die Faust, Hebel gestand, es sei ihm nicht sehr heldenhaft zu Mute gewesen. Er kam mit unbedeutender Wunde am Arm davon.

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Auf der Heimreise, ich glaube, es war sogar bei dem Eintritt in's Philisterleben, wurde er in Seegringen, damals Anspachischem Grenzort, für einen Israeliten angesehen, und ihm Passierschein, Leibzoll oder etwas Ähnliches abgefordert. Daher spielt so manche ergötzliche Szene des Hausfreundes in Seegringen.

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Das Examen wurde nicht zum Besten bestanden. Hebel mußte sich zum zweiten stellen, bestand nun vortrefflich in diesem, wurde Vikar bei einem fabelhaft schmutzigen und rohen Pfarrer, — er nannte mir nie dessen Namen, — mußte sich einige Zeit hindurch umätzen lassen, war etwas verliebt, aber keineswegs innerlich befriedigt, in den Jahren, welche seiner Anstellung in Lörrach und Karlsruhe vorangingen.
Die leidige Wehrverfassung Deutschlands bei Beginn des Revolutionskriegs steigerte oft Hebels Witz bis zum Sarkasmus. Er erzählte auf höchst ergötzliche Weise, wie temporibus illis ein Unteroffizier einem lässig marschierenden Soldaten zugerufen habe: »Fläthi« und wie dieser geantwortet habe: »Fläthi genug für sechs Chrützer.« Auch das Schimpfen der Elsässer und Badener Vorposten im Binnenwald, nachdem die Badener dem Landsturm ein paar alte Kanonen abgenommen hatten, und sie sich »Kirchendieb« und »Kanonendieb« zuriefen, liebte er mit den homerischen Helden zu vergleichen.

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In jene Zeit fiel auch eine Geistererscheinung, welche er in einem Hause mehr gefühlt als geschaut hat, das dergleichen Spuck schon oft erlitten hatte. Er erzählte mir die Geschichte nie umständlich, erwähnte die Tatsache aber mehrmals, ohne in der Frage überhaupt ein entscheidendes Votum dafür oder dagegen abzugeben.

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Über die religiöse Überzeugung eines so gefeierten Predigers, eines so würdigen Prälaten zu reden, ist etwas Mißliches, aber ich würde es für Verrat an Freundespflicht halten, wenn ich verschweigen würde, was er mir hierüber sagte. Ihm war die sittliche Seite der Religion unendlich mehr wert als die dogmatische. Nur in jener fand er Supernaturalismus, übersetzte beständig die morgenländische Anschauungs- und Ausdrucksweise in unsere kältere, vernünftigere, war tolerant gegen anders denkende, und konnte die Redaktion des Rheinländischen Hausfreundes nicht charakteristischer schließen, als er es tat, wegen der zwei Monstranzen.
Gäbe es viele praktische Christen, wie er einer war, so würde es bald auch um das wissenschaftliche Christentum besser stehen.

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Dem Regentenhause war er recht von Herzen ergeben, obgleich die politischen Zustände, wie sie 1806 und nachher sich gestalteten, ihn keineswegs anmuteten, was bei seiner Geistesrichtung und seinem Lebensgang auch nicht anders sein konnte.
Carl Friederich war ihm persönlich sehr gewogen, und sprach oft mit ihm bei zufälliger Begegnung. Einmal hatte Hebel versäumt, sich rasieren zu lassen, und ging in den Hardtwald, um den ungebührlichen Bart Niemand sehen zu lassen. Wie es ihm zu geschehen pflegte, vertiefte er sich in allerlei Gedanken, und dachte nicht mehr daran, daß er ungeschoren sei. Da begegnete ihm der Markgraf und fragte freundlich, ob er wohl von einer Reise komme? Hebel verneint es, und als er, höflich entlassen, weiter schlendert, denkt er darüber nach, warum der Markgraf habe glauben können, er komme von einer Reise? Da greift er sich an den Bart, wie man zu tun pflegt, wenn man nachsinnt, und verstand nun die Frage.
Bezeichnend ist, daß er in der herzlichen Gesundheit, welche er seine Eisenschmelzer ausbringen läßt, zwar den Markgrafen in den Kurfürsten, diesen aber in den späteren Ausgaben nie in einen Großherzog verwandelte.
Ich mahnte ihn daran, er gab vor, das Silbenmaß lasse es nicht zu. Ich konnte indessen wohl bemerken, daß er einen andern, leicht zu erratenden, Grund hiebei hatte. Ich verstand ihn zu gut, als daß ich weiter in ihn gedrungen hätte, und der Sache wurde weiter nicht mehr erwähnt.

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In die ersten Monate meines Aufenthalts fiel der Tiroler Aufstand. Die badische Garde und die Husaren zogen gegen denselben aus. Ich kam auf den Gedanken, ihnen ein fliegendes Blatt mit Soldatenliedern nachzusenden, und fertigte das Jäger- und das Dragonerlied, Hebel die zwei andern; Uhland's »Ich hatt' einen Kameraden« kam leider zu spät. Der Zensor, Hebels Schulfreund, konnte nicht umhin, sein tiefstes Bedauern zu äußern, daß dieser mit solchen Lappalien die edle Zeit vergeude.
Da Hebel wegen seines Artikels über den Tiroler Aufstand im rheinländ. Hausfreund oft und hart angegriffen worden ist, so mag hier bemerkt werden, daß jener von Oben veranlaßt war, der Aufstand aber wegen Unzeitigkeit, fanatischen Beimischungen und Zerstörung des wirklich Bessern, was Bayern in Tirol eingeführt und Österreich nachher durch Beibehaltung anerkannt hat, als ein Rückschritt erschien, und die kerndeutschen Gemüter unter uns mit Bedauern erfüllte, wie eine Blüte im Spätherbst. Ob die Folgezeit unsere Ansicht gerechtfertigt habe oder nicht, mögen Andere beurteilen.

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Einmal, als wir, wie gewöhnlich, im Museum kneipten, und den Tabaksrauch in Ringen ausstießen, welche brotlose Kunst Hebel ungemein ergötzte, kam die Rede auf norddeutsche Dichter und die größere Strenge im Reimen, deren sie sich beflissen. Ich bemerkte, daß Claudius im berühmten Rheinweinliede hievon eine höchst merkwürdige Ausnahme mache. Hebel lächelte und zwar auf eine einzige Weise mit einer Art Vaterfreude und versetzte: »Da drinne sitzt der Verfasser und Kompositeur der beiden Melodien.« Ich schaute erstaunt in's Nebenzimmer, wo Kirchenrat Sander einsam eine Zeitung las. »Der« - fuhr Hebel fort - »der und kein Anderer hat es gedichtet und komponiert zu einer Hochzeit in Pforzheim, wo er Diakonus war; die Leute waren reich und hatten trefflichen Rheinwein im Keller. Das Lied gefiel so, daß sie es dem Wandsbecker Boten anonym zusendeten, dem einzigen Morgenblatt jener Zeit; so druckte es Claudius ab. Mich freut's, daß Ihr das Oberland herausgefühlt habt.« Der zu früh verstorbene Doktor Sander, Neffe des Kirchenrats, bestätigte mir in Paris 1834 diese Notiz und fügte bei, daß eine Hochzeit in der Familie Wohnlich diesem herzlichen Liede den Ursprung gegeben habe.

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Dieser Sander wollte mit Hebel in den ersten Jahren der Revolution eine Zeitung herausgeben. Hebel hatte bereits zugesagt, es fanden sich aber Bedenklichkeiten, vorzüglich wegen Sanders Persönlichkeit, dessen melancholisches Temperament sich im Äußern scharf ausprägte, und der bei der strengsten Rechtlichkeit der Milde ermangelte, welche einem Zeitungsschreiber — namentlich in jenen Zeiten — nicht abgehen durfte. Die »Badischen Blätter« zogen ihm daher, trotz der anerkannt guten Absicht, manche Verdrüßlichkeiten zu.

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Durchführung von Schnurren, ungeheuern Absurditäten u. dergl. waren unter uns an der Tagesordnung, und wenn Bouginé sie sarkastisch und mit Menschenverachtung behandelte, so war dagegen Hebel nie verletzend, und mäßigte mit freundlichem Abschließen oft unsers wildes garstiges Treiben, obgleich er die Philister von Herzen verachtete und sie Scabine und ewig Gestrige, ja Vorgestrige zu nennen pflegte. Aber auch der neumodische Utilismus widerte ihn an, und als ich einst den Bleithurn als den Ort bezeichnete, von welchem aus man vielen Gemeinden mittelst eines Telegraphen zugleich predigen könnte, malte er die Sache mit unbeschreiblicher Laune aus und hielt lange an ihr fest.

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Das Knaben Wunderhorn ergötzte Hebel ungemein. Er ließ die drei Bände in einen zusammen in Schweinsleder binden und in den Rauch hängen, um es nachher recht con amore genießen zu können. Ich schlug ihm vor, aus diesem Buch und den übrigen Sammlungen deutscher Volkslieder eine Centurie in alemannischer Mundart zu bearbeiten. Er hatte bereits mehrere, u. a. den Bettelvogt von Heidelberg angezeichnet; wie so vieles andere aber, so blieb auch dieses ungetan, was um so mehr zu bedauern ist, da es die Zeit nützlich und angenehm ausgefüllt haben würde, in welcher die poetische Produktionskraft sich seltener zu äußern pflegt.

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Einst erzählte ich ihm, daß ich in wechselseitigem Unterricht bei meinem portugiesischen Kollegen in Paris, La Costa da Macedo, spanisch gelernt, aber von diesem, einem Portugiesen, eine schlechte Aussprache mir angewöhnt habe. Nun war des Spottes kein Ende, daß ich portugiesisch statt spanisch erlernt habe. Gleiches Schicksal hatte Hebels alter Freund, Hofrat Gmelin. Hebel behauptete, dieser habe ihn versichert, die giftigen Unkräuter werfen stets vor dem Reifen des Getreides ihre Samen ab. Als nun Hebel einst bei einer Prüfung dieses als Beweis der göttlichen Weisheit angeführt hatte, soll ihn Gmelin gefragt haben, wer ihm dieses Zeug weis gemacht habe? Desgleichen blieb eine ergötzliche Geschichte unvergessen, wie die Gelehrten Karlsruhes um einen Laubfrosch versammelt gewesen seien, welcher nach dem Vorgeben des Eigentümers die Stunden anquäcken sollte. Der Lehrer nahm eine schöne Präsentuhr eines der gelehrten Herren mit vor die Türe, um nicht zu frühe einzutreten und doch allen Rapport mit dem wohl unterrichteten Tier zu unterbrechen, und kam nicht wieder. Diese Geschichte war Hebel besonders lieb, und er erzählte sie auf eine Weise, welche gewiß keiner vergessen wird, welcher das Glück hatte, sie zu hören.

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Das norddeutsche Wesen sprach ihn nicht an, und er wies, als Normal-Oberdeutscher, dasselbe auf eine Weise ab, welche ihm sonst nicht eigen war. Seine Freunde waren alle »da droben«, Ittner, Pfarrer Jäck, Goldschmied Haufe in Straßburg, Zschokke in Aarau. Selbst mit dem Freiburger Jacobi war er nicht eigentlich befreundet. Mit Göthe [!] wäre er in drei Tagen, mit Zelter dagegen in einer Stunde vertraut geworden. Es mußte wenigstens ein bißchen Bodenerde an dem Menschen hängen geblieben sein, der ihn anmuten sollte.

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Das Schauspiel in Karlsruhe wurde neu organisiert und Mittell aus Dessau Regisseur. Hebel sollte den Prolog zur Eröffnung machen, kam aber nicht dazu. Da fertigte ich denselben, er war höchst mittelmäßig, wurde aber sehr applaudiert, ungeachtet es sich eigentlich nicht ziemen wollte, daß der Sekretär einer auswärtigen Gesandtschaft als Hofpoet fungiere. Dieses verschaffte mir einigen Einfluß auf das Bühnenwesen, welcher manchem Übelstand abhalf, und auch mir persönlich des Belustigenden und still Vergnüglichen Vieles brachte. Hebel war unerschöpflich in Scherzen über die »W. Meisters Periode«.

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Hebel übersetzte mehrere protestantische Kirchenlieder metrisch gereimt in's Lateinische; u. a. Gellert's »Wie groß ist des Allmächt'gen Güte.« Als einst der päpstliche Innografo mir klagte, es fehle an neuen und guten Texten, schrieb ich aus Rom an Hebel und er sandte mir sogleich eine saubere Abschrift. Der Innografo meinte aber, da stehe nichts darin von den Heiligen, für deren Feste er besondere Gesänge wünsche. Hebel bedauerte sehr in seinen Briefen, daß ihm die Ehre nicht widerfahre, in der Peterskirche gesungen zu werden.

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Jagemann aus Weimar kam aus Rom zu uns, und wurde von Hebel eben so mächtig angezogen, als er diesem gefiel. Er schenkte ihm ein mit dem Abputz der Paletten gemaltes Bild eines wüsten Gesellen, eines Doktor Glöckle, welcher sich in Rom den Ehrennamen il porco tedesco erworben hatte. Hebel ließ einen Rahmen von Eichenrinde mit 4 Eicheln in den Ecken fertigen und hing das Bild in seinem Schlafzimmer auf. Ob es aus Vorliebe für den gelehrten Vagabunden oder aus Dank gegen Gott, daß er ihn bei nicht unähnlichen Anfängen habe fallen lassen, geschehen, wage ich nicht zu entscheiden. Zu einer Warnungstafel war er zu gesetzt.

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Als Marie Louise durch Baden dem napoleonischen Brautbette entgegenging, mußte Hebel die Inschriften zu den Ehrenpforten verfertigen, was er sehr ungerne tat. Das Germaniae memor bei Kehl schlug ich ihm vor, er nahm es mit Freuden an.

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Als im Jahre 1811 eine zweite Freimaurerloge in Karlsruhe sich bildete, welcher neben mehreren seiner genauem Bekannten und gebildetem jüngeren Männern, auch ich mich angeschlossen hatte, mochte er wohl bemerken, wie sehr erwünscht auch sein Beitritt wäre. Teils mag es die ungebührlich große Verbreitung des Bundes in Frankreich, teils die Furcht gewesen sein, daß politische Strebungen in dieser Zeit diesen Verbündeten nicht fremd bleiben könnten, welche ihn in stille beobachtender Ferne hielt. Wohl war der Anfang unseres Unternehmens phantastisch, aber die Tendenz tüchtig, der Vorschritt erfreulich, das Ende ehrenvoll. Hebel bedurfte in seiner Lage eines derartigen Vereines weniger als dieser sein bedurfte.

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Überhaupt war damals ein jugendliche Aufstreben in Karlsruhe und eine große Anzahl begabter und origineller Menschen der verschiedensten Art, der sonderbarsten Lebenswege, Ausländer wie Inländer; und ganz Karlsruhe hatte damals noch ungleich mehr wie jetzt den Charakter einer Kolonie. Daher war das beständige Umbilden im Innern, der Druck des nahen Frankreichs, das Kontinentalsystem und so vieles Andere unter einer wohlwollenden und nachsichtigen Regierung leichter ertragen als anderswo. Man befand sich in einem improvisierten Staat, in einer improvisierten Stadt, beinahe wie in einem Lager, und gewöhnte sich, Alles als Zeitfrage zu behandeln, während man in tüchtiger Gesinnung an dem festhielt, was kein Deutscher lassen soll und lassen wird.

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Einst besuchte mich ein Jugendgespiele und Universitätsfreund, Doktor Albert le Bret, damals Professor in Stuttgart, in Karlsruhe. Beim Abschied schenkte ich ihm 2 Jahrgänge des rheinländ. Hausfreundes, welcher damals außerhalb Badens noch so gut wie unbekannt war. Er blickte etwas spöttisch den Bauernkalender an, ich aber versicherte ihn, er werde sich desselben erfreuen und mir für die Gabe dankbar sein. Um neue Exemplare bittend, erzählte ich dieses Hebel. Le Bret las unterwegs, las in Stuttgart in Daneckers Gesellschaft, wo auch Cotta, Wangenheim etc. etc. nie fehlten, daraus vor, und nach wenigen Tagen kam ein Brief von Cotta an Hebel, worin um eine Sammlung, in Cotta's Verlag herauszugeben, unter ungewöhnlichen Lobsprüchen dringend gebeten wurde. Hebel frug mich um Rat, ich stimmte auf 100 Dukaten Honorar, diese sollten zu einer Pariser Reise in meiner Begleitung verwendet und »die Reise eines deutschen Handwerksburschen nach Paris« bei dieser Gelegenheit geschrieben werden. Hebel ging ein, wählte den Titel »Schatzkästlein« und freute sich sehr auf die Reise. Umgehend sendete Cotta mit seiner Einwilligung eine Abschlagszahlung in Anweisungen auf Karlsruher Schuldner. Hebel rief aus: »Macht mich der Mensch noch zu einem Manichäer!« Dennoch tat es ihm wohl, wenn der Famulus des Lyzeums den Auftrag des Einkassierens mit Erfolg betrieb, und er erzählte nicht ohne Freude, daß heute 47 fl. eingegangen seien. Natürlich ging dieses Geld mit dem Übrigen die gewohnten Wege; aus der Reise, folglich auch aus der Reisebeschreibung wurde nichts, die Freude am Hausfreund aber gesteigert, vor allem wegen der allgemeinen Teilnahme, welcher er in ganz Deutschland erregte.

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Mit der Schwiegermutter hat es folgende Bewandtnis. Im Hause meines sehr werten Freundes des Hofschauspieler Reinhard in München, wo auch der geniale Hofbibliothekar Joseph Scherer täglich einsprach, hatte ich die Händel-Schütz oft gesehen und bewundert, aber Scherer gewarnt, welcher Heiratsgedanken hegte, und meine Warnung in schwacher Stunde der Geliebten verraten hatte.
Diese kam, nachdem sie mit Scherer gebrochen, nach Karlsruhe, suchte sogleich mich auf, und erkannte aufs liebenswürdigste die Richtigkeit dessen an, was ich Scherer gesagt hatte. So blieben wir gute Freunde ohne näheres Verhältnis; meine Stellung bezeichnen die Strophen, welche in ihrem Album von mir stehen.
Auf Hebel hatte sie es ganz eigentlich angelegt, und die Monate, welche sie in Karlsruhe verlebte, möchten leicht die glücklichsten in Hebels Leben gewesen sein, obschon er ihre Abreise mit wahrhaft philosophischem Gleichmut zu tragen wußte, und über sie, so gut als über andere, einen guten Witz hinunterschluckte.
Die Händel hatte eine Tochter von 17 Jahren, welche ich nie gesehen habe, deren Miniaturbild mir aber gewaltig gefiel. Nun hieß es sogleich: die müssen Sie heiraten! und so figuriert die Händel als Schwiegermutter im Hausfreund, was ich, um kritische Untersuchungen der Nachwelt zu ersparen, diese hiemit unverhalten haben will.
Hebel gab sich viel Mühe, die alemannische Mundart, behufs der Deklamatorien, der Händel einzustudieren, was oft allerliebst anzuhören war. Sie lernte sie vortrefflich für das Ausland, für ein geübtes Ohr aber ungenügend, wie das im Wesen aller Dialekte liegt.

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Fabelhaft unsinnige Rätsel gehörten zu unserer täglichen Belustigung an der Wirtstafel im Gasthof zum Erbprinzen. Tieck, damals sehr gichtkrank, speiste daselbst. Unser tolles Treiben bewog ihn, anderwärts sein Mittagsmahl zu suchen, da hörte er aber stets dieselben Rätsel, welche inzwischen in Umlauf gekommen waren, und kapitulierte demnach mit uns, wir sollten es bis zum Nachtisch unterlassen, was aber schlecht gehalten wurde, indem der oder die, wem etwas recht Tolles durch den Kopf ging, unwillkürlich auflachte und nun nicht umhin konnte, den Vertrag zu brechen. In jenen Tagen fertigte Friedrich Müller (auch dieser wie so viele meiner näheren Bekannten auf tragische Weise aus kurzer Laufbahn abgetreten) die treffliche Zeichnung von Hebel, welche aber in den Schultern deshalb verzeichnet ist, weil die Zeit nur und kaum zum Kopf reichte. Sie gibt den Mann wieder, wie er freudig aufgeregt am meisten Er selbst war. Denn sonst konnte er wohl eine priesterlich demütige oder verdrießlich nachdenkende Miene machen. Seine tüchtige Baßstimme, durch kurz abgeschnelltes Räuspern unterbrochen und in gewissen Akkorden sogar heiser klingend, folgte allen den schnell wechselnden Äußerungen seines lebendigen Geistes willig.
 

Einmal, als er mir seinen »Bergmann von Falun« vorlas, überwältigte ihn der Gegenstand bis zum Zittern de Stimme bei feuchten Augen.

         

Der etwas schiefe Hals gab ihm durchaus nichts kopfhängerisches. In seiner Kleidung war er eher nachlässig, aber nicht unreinlich; im Essen mäßig, den Wein liebte er, daher trank er ihn mit Maß. Sein Geräte war einfach, man erkannte überall die Junggesellenwirtschaft. Er liebte viel Bewegung im Zimmer und außerhalb, und seine körperlichen Leiden erforderten diese; doch konnten seine genauesten Bekannten nur erraten, daß er unwohl sei, er klagte nie, war aber stille, und eher weicher als gereizter denn gewöhnlich. Den Geistlichen zeigte er nie zur Unzeit, wie es leider zuweilen auch die Vorzüglichsten dieses Standes tun. Es lag in seinem Wesen ein ruhen auf sich selbst, eine Einigkeit mit sich selbst, seiner Lage und mit der Welt überhaupt, wie ich sie nur noch bei Einem Menschen getroffen habe, und dieses war ein Gärtner. Auch Hebel liebte die Botanik mit Leidenschaft. Er war wohltätig ohne allen Prunk, wohlwollend wie wenige, und der Natur der Menschheit in ihren reinsten und uranfänglichen Beziehungen näher als irgend ein Mensch, welchen ich in meinem vielbewegten Leben näher kennen gelernt habe.


Und das rechne ich zu den schönsten Geschenken, welche die Alles leitende Macht mir zu so vielen anderen gegeben hat, das ich Freund und Vertrauter dieses trefflichen Mannes gewesen bin.



Stuttgart, August 1842.








 

 
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