zurück   Der Ursprung: Hebels Quelle für Der kluge Richter

 

 

 

 

  47.

Man ist oft das Opfer seiner
Untreue.

Ein Kaufmann hatte einen Beutel mit achthun-
bert Gulden verloren. Ein Zimmermann
fand denselben, und nahm ihn mit sich. Als er
nach Hause kam, zählte er das Geld, welches
darinn war, nach, und verwahrete es sorgfältig,
 

 

  um es dem rechten Eigenthümer, wenn er sich
meldete, wieder zustellen zu können. Am folgen-
den Sonntage wurde von der Kanzel abgekündi-
get, daß ein lederner Beutel mit Geld verloren.
worden, und daß derjenige, welcher das Geld ge-
funden habe, und es wieder herausgebe, eine Be-
lohnung von hundert Gulden haben solle. Der
Zimmermann ging zu dem Priester, und sagte
ihm, daß er den Eigenthümer des Geldes zu
ihm ins Haus schicken sollte, wo er ihm sein
Geld wiedergeben würde. Der Kaufmann lief
sogleich voller Freuden hin, und holete es sich.
Als er es nachgezählet hatte, warf er dem Zim-
mermann fünf Gulden auf den Tisch, und sagte:
Hier gebe ich euch fünf Gulden; denn, was die
versprochenen hundert Gulden betrifft, so habet
      ihr euch bezahlt gemachet, weil neun hundert Gul-
den in dem Beutel gewesen. Der Zimmermann
leugnete das, verklagte den Kaufmann, und gab
das Geld den Gerichten in Verwahrung. Nach
vielen Versuchen wurde endlich die Sache ge-
schlichtet. Der Richter befahl dem Kaufmann zu
schwören, daß neunhundert Gulden in dem ver-
lohrnen Beutel gewesen. Das that er. Der
Zimmermann aber legte einen Eid ab, daß nicht
mehr, als achthundert Gulden, darinn gewesen.
Hierauf entschied der Richter die Sache folgen-
dergestalt. Da ein jeder von beyden die Wahr-
heit durch einen Eid bekräftiget, so gehöre dieses
Geld nicht dem Kaufmanne, weil er neunhundert
Gulden verloren, der Zimmermann aber nur
achthundert gefunden habe. Es solle deßwegen
   
        der Zimmermann das Geld so lange bey sich ver-
wahren, bis der rechte Eigenthümer käme, und
zuversichtlich darthäte, achthundert Gulden verlo-
ren zu haben.   Jedermann lobte diese weise
Urtheil des Richters, welches verursachte, daß der
Kaufmann selbst ein Opfer seiner Untreue ward.
   
               
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