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Das Feuerwerk

(vermutlich für Pfarrer Günttert Ende der 1790er Jahre gedichtet)

 

Es fliegen brennende Spatzen umher,
Sie zwitschern und schnappen und schlucken
Ringsum die feurigen Mucken;
Die feurigen Mucken sind nicht mehr.
Zu den fernen
Himmelssternen
Steiget der Raketen Bahn;
Seht die wackern,
Sie zerflackern,
Zünden neue Sterne an.
Paff!
Die Petarde zerknallt, Es wirbelt der Rauch,
Es atmet der glühende Hauch,
Daß alles vor Schrecken zu Boden fallt.
Fort spinnt es und strömet und kracht
In die rings umgebende Nacht,
Der Schwarzwald im Vogesus widerhallt.

Zu den fernen
Himmelsternen
Wandelt der Raketen Bahn;
Ledas Sohn besteigt den Schimmel.
Feurio ertönt im Himmel.
Seine Balken brennen an.

Es trommelt der Tambour am Firmament:
«Feurio, es brennt, es brennt.
Heran, die löschenden Eimer heran!»

Zu den fernen Himmelssternen
Steigen die Raketen an;
Blitz und Wetter, Welch Geschmetter,
Feuerfunken um und an!
Schwärme, schwärme,
Schnurre, schnurre,
Feuerräder, spinnt!
Hurre, hurre, hurre!
Lavaströme, rinnt!

Was hüpfen für lockre Gesellen heran,
Ohne Fleisch, ohne Bein,
Zu schauen der feurigen Räder Schein?
Die nächtlichen Geister hüpfen heran,
Sie sagen: «Die Räder spinnen
Für uns zu leuchtenden Linnen,
Bald ziehn wir die feurigen Hemden an.»

Zu den fernen
Himmelssternen
Wandelt der Raketen Schein;
Sie zerflackern und gebären
Töchterlein.
Laßt nun die Fontänen fließen,
Sich ergießen!
Flute, flute, Flammensee!

Von den schwarzen Himmelsbogen
Hergeflogen
Schneit ein feuriger Schnee.
Sie läuten von nah, sie läuten von fern
«Feurio! Feurio!» von Stern zu Stern!
«O helfet löschen, was löschen kann!»

Laßt sie stürmen, Eimer tragen,
Spritzen führen, Trommel schlagen!
Sprudle, sprudle, Flammenquell!
Lavaströme, rinnet,
Feuerräder, wirbelt schnell,
Feuerrädlein, spinnet!
Haspelt, ihr Geister,
Gesellen und Meister,
Eh' der leuchtende Faden zerrinnt!

Noch trommelt der Tambour am Firmament,
Das ganze System des Kopernikus brennt
«Feurio! Feurio»
Es flackert der Tierkreis lichterloh
«Feurio!»
Schon rinnet der Glast vom Äther her
Hinab in die irdische Atmosphär.
Der Morgen erwacht
Im Schöße der Mitternacht.
Schon erhellen sich Berge und Flur umher.

Seht ihr den Kirchturm im Widerschein?
Seht ihr der Häuser und Scheunen Reihn?
Die Ähren schwanken,
Die Reben wanken
Bis in das liebliche Dorf hinein.
Was reitet querfeld im Trott daher
durch die Nacht in des brennenden Himmels Schein?
Ein Pfarrer reitet ins Dorf hinein;
O wenn's doch, o wenn's doch mein Christian wär'!

 

 

 

Diese Gedicht gehört zu den am wenigsten beachteten und reflektierten Werken Hebels, obwohl es geradezu kongenial und ergänzend zu seiner großartigen "Vergänglichkeit" steht. Die zentrale Thematik des "Feuersturmes", hier eindrücklichst beschrieben, wirkt einerseits wie eine Vorahnung und andererseits wie eine eine "Verdichtung" der ähnlichen Situation in den beiden letzten Strophen der Vergänglichkeit:

 "...und mit der Zit verbrennt die ganzi Welt.
Es goht e Wächter us um Mitternacht...
Drob rötet si der Himmel...
stoht im Blitz und Welt im Glast...
und endli zündet's a, und brennt und brennt...
Der Belche stoht verchohlt...
und zwische drinn isch alles use brennt...

 

Nach Zentner sollte dieses Gedicht Ende der 90er-Jahre entstanden sein, die Vergänglichkeit wurde in der ersten Auflage der alemannischen Gedichte 1803 veröffentlicht - es ist aber nicht ausgeschlossen, dass sie in einem unmittelbaren zeitlichen Zusammenhang entstanden sind.

 

 

   
 

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