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AN DANIEL SCHNEEGANS

   

[29. Jan. 1810]     

Herrn Schneegans              
Hinter den Mauern bei dem
Gasthof zur Stadt Wien       
in
                        Straßburg

Ich wollte schon sehr lange an Sie schreiben, lieber Freund! deswegen ließ ichs so lange anstehen, und Sie halten mir es freundlich zu gut. Die schönen Gemählde kamen mir in den Weg, ich wollte nicht aussehen, wie einer dem man etwas schenken muß, wenn er thun soll, was ihm unbeschenkt schön anstände; deswegen eilte ich nicht. Man muß überall mit der Pflicht die Wohlanständigkeit zu gesellen wissen. Doch, den Scherz zur Seite — ich vermag die Freude, die Sie mir durch die Gemählde geschenkt haben, nicht auszudrücken. Der Gegenstand, der Künstler, der Geber, alles macht sie mir werth, der Letzte am Meisten. Empfangen Sie dafür meinen besten Dank. Ich betrachte das Bild dieses Thurmes als ob er einzig mir zum Denkmal süßer Stunden, die mir in Straßburg zu theil wurden, errichtet wäre. Möchten Sie recht bald lüstern werden, zu sehen, wie sich diese Gemählde iezt in meinem Staatszimmer zwischen oder eigentlich neben zwei Schweitzerscenen, einem Christus, einer Maria, einem flammändischen Trinkgelage, und der berliner Schauspielerinn ausnehmen.

Von unserer neuen Staatsorganisirung werden Sie wohl gehört haben, die viel Gutes enthaltet, doch wollte jemand einen Druckfehler im Wort vermuthen, und schicklicher Orkanisirung lesen. Mir hat der Orkan nur das Gewand ein wenig verschoben; es läßt mir aber gut.

Herr Gevatter, Ihr seid mir noch ganz im Rückstand mit euerm allerersten Beitrag zum Hippel Drippel. Es sind ietzt schon sechs Monate, voll Aehren und Herbstlaub und Schneeflocken drüber weggegangen. Liefert ihn bald und schreibt mir recht viel schönes und liebliches von meiner guten frommen Frau Gevatter, von euern Kindern und dem unsrigen hinein, die ich nebst dem Weilerischen und Haufeischen Haus alle herzlich grüße und liebe. Treuen Sinnes

Ihr     H.                


Zwei Polymeter am gestrigen Carolusschmaus verfertigt.
1. Der Mensch sieht nie seltsamer aus, als wenn er triebweise oder in Masse abgefüttert wird.
2. Der Indianer genießt seine Mahlzeit unter dem Palmbaum, der sie giebt. Diese Lebensart, wo sie das Clima erlaubt, ist der Stallfütterung vorzuziehen.

 

 

   

Die Anschrift ist so auf dem Briefumschlag vorhanden, es sieht
so aus, dass sie für das Ankommen des Briefes gereicht hat.
Aus den Anmerkungen im Nachlass von Henriette Schneegans
ergibt sich, dass die Familie im Waisengraben, der Strasse, die vom
 Metzgerplatz/Austerlitzplatz an dessen östlichem Ausgang an der
 Kaserne vorbei in nördlicher Richtung führt, gewohnt hat.

Zu Hebels Zeit ist die "Stadt Wien" ein sehr besuchter Gasthof am
Austerlitzer Platz. Auf historischen Karten vor der Napoleonischen Zeit
heißt er Metzgerplatz, 1875/76, bei der Veröffentlichung der Hebelbriefe
durch Henriette Schneegans, hatte er den alten Namen zurück erhalten
(dies vermutlich nach dem Sturz Napoleons 1815). Der Gasthof wurde
zu unbekannter Zeit, aber vor 1875 geschlossen, abgerissen
und durch ein Privathaus ersetzt.

 

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