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AN GUSTAVE FECHT

   
 

 

 

... da war ich sehr düster und gedrükt. Iezt wünschte ich nur eine Stunde wieder bey Ihnen zu sein, nur alle Tag eine Stunde, Vormittag eine, u. Nachmittag eine, ausgenommen am Sontag, zwey  am Montag drei, am Dienstag vier, am Mittwoch fünf u. am Donnerstag sechs, oder gleich alle Tage zwölf. Mein Gemüth ist Ihnen nie näher, als wenn ich weit von Ihnen bin, und ich habe immer etwas mit Ihnen zu plaudern, bis ich einmal hinauf komme, alsdann hab ich nichts.

   Auch bin ich seitdem viel munterer im Geschäft. Heut Vormittag hab ich alles aufgearbeitet. Ists möglich? Und hab heute nichts mehr zu thun, als diesen Brief zu schreiben, u. einen ...

 

[November 1812]

*Anfang November 1796*
 
*Der übrige Brief ist außer dem folgenden Bruchstück,
das eine halbe Seite füllt, nicht mehr vorhanden*

*...*  Das nebenstehende Bruchstück wurde erstmals von W. Zentner 1921 veröffentlicht. Die Schreibung war wieder "modernisiert" und zweimal Wörter umgestellt, verm. weil dem Zeitgeist angepasst, dazu ist die Datierung nicht von Hebel, sondern spekulativ.

A. Braubehrens vermutet, dass sich Zentner auf eine Abschrift stützte und diese nicht mit dem in Karlsruhe vorhandenen Original abgeglichen hat - seiner Aussage nach würde schon die Handschrift zeigen, dass die zeitliche Einordnung mit Sicherheit falsch ist. Der fehlende, vermutlich von G. Fecht selbst abgerissene, Teil des Blattes könnte mit einer sie verletzenden Ausführung Hebels zusammenhängen, auf die er im Dezember 1812 nochmals eingeht:
...Ich weiß nicht, ob Sie mich verstehn, aber ich votire, Sie sollen mir sagen, womit ich Sie betrübt habe, damit ich mich rechtfertigen oder bessern kann. Ein Wort ist mir unterdessen wohl eingefallen, aber es ist so böse und unwürdig, daß ichs nie schreiben und Sie nie denken könnten. Und nein, ietzt schweig ich nimmer, biß dieses Carthago zwischen uns zerstört ist, es sey dann, wann Sie mir's befehlen, denn auf Bitten und gute Worte gebe ich nichts, und Ihr Weigern soll mich nicht müde machen...
Da Gustaves Briefe nicht erhalten sind, wird dies nicht mehr aufzuklären sein, aber zusammen mit dem Schriftbild ergibt sich eine hohe Wahrscheinlichkeit, dass das Fragment vom November 1812 stammt.

 

 

... 107. fl 21 kr ge ... Anno 1799. Der Monat ... deutlich ausgedrückt. Das Wort sieht so aus: ** u. es fehlt ein Strich, daß man nicht weiß, solls April heißen, oder September. Aber es wird wohl April seyn. Dis vor ausgesezt betrüge der Zinß für 12. Jahre u. 7. M. 67 fl 42. kr, woran ich 44 fl bezahlt habe. Es wäre also noch zu bezahlen

                Capital        
       107 fl 21.
                Zins                    23 fl 42.
                Summe:            131 fl
   3.

Ich bitte aber den H. Pf. es nachzurechnen, obs richtig sey. Die Süßinn ist sehr froh u. dankt mir ganz entsetzlich.
Ich bin in diesem Augenblick sehr gesund, oft sogar auch hei- ...

 

*...* Zentner hat weiterhin nicht gesehen oder einfach unbeachtet gelassen, dass Hebel auch die Rückseite des Blattes beschrieben hatte - siehe nebenstehenden Text.

** (hier folgt in zwei Ansätzen die Nachzeichnung des Wortes)

Die Rede ist offenbar von einer Schuld, entstanden im Jahre 1799, vermutlich im April, und zu verzinsen für 12 Jahre und 7 Monate, also bis zum November 1812. Schuldner ist möglicherweise der jüngere Bruder Gustaves, Carl Wilhelm Fecht. Jedenfalls ist in zwei anderen Briefen des Jahres 1812, vom 23. Mai und vom 21. Juni, von einer anderen nun zu tilgenden Schuld dieses Bruders die Sprache, die gleichfalls im Jahre 1799 in Karlsruhe aufgenommen war und, wie die Rechnung ergibt, ebenso mit 5% verzinst werden sollte.

 

     

Vor allen anderen ist es Gustave Fecht gewesen, die Hebel angezogen hat. Das Leben hat dieser Liebe zwar keine Erfüllung gebracht, aber an die „liebste Jungfer Gustave", später die „teuerste Freundin", hat Hebel seit dem Wegzug nach Karlsruhe bis kurz vor seinem Tode die neben denen an Hitzig schönsten Briefe geschrieben. Vom respektvollen „Sie" zum vertraulichen „Du" sind diese Briefe niemals vorgedrungen - eine seltsam reizvolle Mischung von Nähe und Distanz. Die oben angeführte fragmentarische Briefstelle gehört zu den in der Literatur am meisten zitierten Briefstellen überhaupt, weil sie vielleicht ein Schlüssel zum Verständnis ist, warum es nie zu einer engeren Verbindung bzw. zu einer Heirat der beiden kam, das persönliche Verhältnis nie aus seiner Ambivalenz heraus fand.

Tatsache ist, daß Hebel auch 1812, zum allerletzten Male, im Oberland gewesen war und dort Gustave gesehen hatte; zweiundfünfzigjährig, inzwischen fest verwurzelt in Amt und Würden in Karlsruhe und wohl auch über die entscheidende Klärung seiner Beziehung zu Gustave hinaus.

Der letzte Brief, den wir von Hebels Hand besitzen, ist jedoch an Gustave Fecht gerichtet. Waren die bisherigen Briefe mit mannigfachen Versicherungen der Liebe, Treue und Ergebenheit unterzeichnet, dieser endet mit den Worten „Ewig — Ihr Hebel".

 

 

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Quellen:

Das obere Bruchstück nun ausgeführt
in der Fassung von A. Braunbehrens, nicht von W. Zentner;
das untere Bruchstück nach A. Braunbehrens,
beide aus seinem Artikel in der Zeitschrift
"Das Markgräflerland", Februar 1983

 

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