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 Laudatio von Ulrike Längle,
zur Verleihung des Hebelpreises 2008 an Arno Geiger

   


Das Glück in unheroischen Zeiten

Ich beginne mit der Französischen Revolution: Das Jahr 1789 war für Johann Peter Hebel ein Jahr der vergeblichen Gesuche: Im Februar wurde seinem Ansuchen um eine Pfarrei nicht entsprochen, am 6. Dezember bewarb er sich beim Markgrafen von Baden persönlich um die Stelle des Prorektors am Lörracher Pädagogium, ebenfalls umsonst. Stürmische Bewegung in der Weltgeschichte läuft mit einer Flaute im persönlichen Leben parallel.

Ganz anders bei Arno Geiger, denn mit der Französischen Revolution hat sozusagen seine literarische Laufbahn begonnen: In seinem Debütroman von 1997, „Kleine Schule des Karussellfahrens", der im Revolutionsjubiläumsjahr 1989 spielt, schließt der Autor die Liebesabenteuer seines Anti-Helden Philipp Worovsky mit den Wechselfällen der Französischen Revolution kurz. Philipp reflektiert an einer Stelle:
„Jetzt fühlst du dich wahrhaft trostlos. Denn du weißt nichts und mußt an die Comtes der Revolution denken, die versucht haben, dem Leben Aug in Aug mit der Guillotine ein Bonmot abzugewinnen, einen dieser eindringlichen Sätze, den Schriftsteller als Motto für ihre Bücher verwenden: BEEILT EUCH, DIE STIEFEL KÖNNT IHR MIR LEICHTER AUSZIEHEN, WENN ICH TOT BIN / UND ICH, DER ICH NOCH SOVIEL IN MEINEM KOPF HATTE!
„Du denkst an die Comtes, denen nichts eingefallen ist" (S. 24).
Anders als seiner Figur ist Arno Geiger seither sehr viel eingefallen. Auch wenn dieser erste Roman vor allem durch seine spielerischen Qualitäten besticht - Franz Haas hat es in der „Neuen Zürcher Zeitung" so ausgedrückt: „Geigers brillantes Romandebut [...] ist ein großes Kompendium von sprachlichen Kunststücken, die aber nicht nur künsteln und sich selbst gefallen, sondern pausenlos eine Erzählung vorantreiben, eine skurrile Fabel und zugleich eine atemberaubend gewöhnliche Geschichte." -, auch wenn uns Arno Geiger hier als eine Art Taugenichts entgegentritt, steckt in diesem Zitat doch auch ein Bild für die existentielle Situation des Schriftstellers. So wie Scheherazade durch ihr Erzählen nichts Geringeres als den Tod immer weiter hinausschiebt, so ist sich auch Arno Geiger bewußt, daß es für einen Schriftsteller darum geht, ANGESICHTS DER GUILLOTINE zu schreiben, in einer Situation, in der es auf jedes Wort ankommt, auch wenn der Tod nicht unmittelbar in Form des Fallbeils droht. Formale Sorgfalt und Präzision der sprachlichen Formulierung sind von Anfang an Kennzeichen von Geigers Schreiben, ganz so, als ob er sich die Mahnung des „Rheinischen Hausfreundes" an das Söhnlein seines Verlegers zu Herzen genommen hätte: „Du sollst dich bemühen, all deinem Werk und Tun das Siegel des Vollkommenen zu geben, daß zuletzt kein anderer Mensch das nämliche in seiner Art so gut machen kann als du."
Mit gerade noch neununddreißig Jahren ist Arno Geiger, geboren am 22. Juli 1968 in Bregenz, einer der jüngsten Hebel-Preisträger bisher. Soviel ich sehe, war nur ein anderer Vorarlberger, Michael Köhlmeier, bei der Preisverleihung 1988 etwas jünger, nämlich achtundreißigeinhalb. Geiger hat in den vergangenen zehn Jahren bereits fünf Prosabände publiziert, alle im renommierten Münchner Hanser-Verlag: Nach der „Kleinen Schule des Karussellfahrens" von 1997 folgten die Romane „Irrlichterloh" (1999), „Schöne Freunde" (2002) und „Es geht uns gut" (2005) sowie der Erzählband „Anna nicht vergessen" im Jahr 2007. 2001 hat er gemeinsam mit Heiner Link das Drama „Alles auf Band oder die Elfenkinder" veröffentlicht. Das Rüstzeug für seine Art zu schreiben hat er sich unter anderem auch durch ein Studium der Germanistik, Vergleichenden Literaturwissenschaft und Alten Geschichte in Innsbruck und Wien angeeignet.

Junge Männer wie er selbst sind auch die Hauptfiguren seiner ersten beiden Romane, der schon erwähnte Verehrer der französischen Revolution Philipp Worovsky ebenso wie Jonas Kreuzer, ebenfalls eine Art Schelm oder Taugenichts, Tagträumer und Frauenverehrer in „Irrlichterloh". Er hat nur solange studiert, wie das Stipendium reichte, arbeitet seither tagsüber für eine Schilderfabrik, für die er Hausnummern und Verbotstafeln entwirft und lebt in der Nacht seinen Anarchismus aus, indem er Graffiti auf Verkehrsschilder sprüht und sich dadurch Herzklopfen und den Thrill, ein verfolgter Künstler zu sein, verschafft: „Deshalb investiert Jonas seine tagsüber unnützen Talente in die Verbrechensspezialität, Verkehrsschilder, diese Insignien der Unzweideutigkeit, zu erweitern, zu vereinfachen, sie mit Zeichen zu versehen, die niemand je zuvor ge­sehen hat oder jeder schon einmal in einem gänzlich anderen Zusammenhang.
Vergangene Nacht hat er östlich des Tiergartens besenberittene Hexen in Stop- und Fahrverbotsschilder eingepaßt und anschließend, bis zwei Streifenpolizisten auf ihn aufmerksam wurden, Geschwindigkeitsbegrenzungen reduziert, auf 17, 32 und 32 1/2" (S. 12).
Ein „perfektes Sprach- und Zeichenspiel" ist auch dieser Roman, konstruiert aus Elementen von Road-Movies, Relativitätstheorie, Slapstick-Komik a la Woody Allen und literarischen Anspielungen. Geigers frühe Romanfiguren sind Einsame, die Leichtigkeit vortäuschen und durch die Massenwelt einer fiktiven Großstadt taumeln, die hinter der Liebe herjagen und sich mit Ironie und großen Sprüchen über Wasser halten, wie zum Beispiel: „Die toten Punkte des Lebens erweisen sich manchmal als Kanaldeckel, die ein Entkommen ermöglichen" (S. 38).

Mit seinem dritten Roman „Schöne Freunde" von 2002 hat Arno Geiger eine neue Ebene seines Schaffens erreicht. Stand bei ihm bisher das „Wie" des Schreibens im Vordergrund, so ergibt sich hier eine kunstvolle Balance zwischen einer Parabel über den Abschied von der Kindheit und das Erkennen größerer Lebenszusammenhänge und einer präzis-poetischen, spröden Sprache. „Schöne Freunde" ist ein „Textkonzentrat, das zu genauer Lektüre zwingt": Ein Ich-Erzähler, dessen Name Carlo Kovacs nur an zwei Stellen erwähnt wird, sonst heißt er immer „der Junge" oder „der Kleine" oder „kleiner Idiot", weil ihn seine „schönen Freunde" für beschränkt halten, dieser Carlo Kovacs, der in einem Dorf wohnt, das vom Bergbau lebt, erzählt vom Ende her nach einer Katastrophe vom Leben in diesem namenlosen Dorf, wo er vor dem Bergwerks­tor zusammen mit einem Ziehharmonikaspieler Almosen sammelte. Durch ein Grubenunglück mit vielen Toten wird diese Idylle zerstört, der Direktor verläßt das Dorf mit der Liste der Toten auf einem Schiff, gefolgt von Carlo und dem Akkordeonspieler. Als Glanzpunkte eingesprengt in den düsteren Erzählfluß sind kleine Novellen von jeweils ein paar Seiten, die meisterlich von Glück und Unglück erzählen, etwa das Porträt des „Sprengmeisters Binder", in dem dieser von sich und seinem Sieg bei einem gigantischen Wettessen berichtet, durch den er aber die Liebe seiner Frau verliert oder die Geschichte der „Aufräumerin Huthanen", die ein einziges Mal zu spät zur Arbeit kommt, nämlich als sie entdeckt, daß sie betrogen wird, weil ein Hotel die Bergschuhe ihres Mannes, den sie auf einer Kur glaubt, mit der Post zurückschickt. Wer bei diesen knappen und vielschichtigen Menschenportraits, meist von Angestellten und Arbeitern im Bergwerksbetrieb, die mit großer Empathie, aber auch mit Sinn für abgründige Komik geschrieben sind, an Johann Peter Hebel denkt, geht sicher nicht fehl. Geigers formale Disziplin besticht auch hier durch die souveräne Anordnung des Geschehens und die Klarheit der Prosa, die dennoch eine faszinierend befremdliche, parabelhafte Atmosphäre schafft. Als Beispiel seien nur die immer wieder fast rituell zitierten Namen der bei dem Unglück Getöteten erwähnt, deren vollständige, vom Direktor geführte Liste den Roman beendet. Der Klang dieser Namen - Karl Abs, Hailil Adali, Bela Barothy, Isaak Binder, Georg Blemenschitz, Stanislaus Cyganiewicz, Nino Equatore, Wenzel Goldbach, Otto Huhtanen, Jan Martinson, Kurt Zehe, um nur einige zu nennen - in einem Roman, der an keinem bestimmten Ort und in keiner bestimmten Zeit spielt, eröffnet von ferne einen altösterreichischen Echoraum, der allerdings durch ein paar skandinavische Elemente verfremdet wird.

Unerwartet und erstaunlich in seiner konkreten sozialen und historischen Veran­kerung und in der Vielzahl der Figuren und Erzählperspektiven erscheint der Entwick­lungsschritt zu Geigers nächstem Roman „Es geht uns gut", für den er 2005 den ersten Deutschen Buchpreis erhalten hat. Es ist dies ein Familien- und Geschichtsroman aus Österreich, der zeitlich vom Jahr 1938 bis ins Jahr 2001 reicht. Geiger erzählt aber nicht einfach chronologisch drauflos, vorwärts oder zurück. Von der eingangs erwähnten Guillotine hat er die Technik der scharfen Schnitte gelernt: ausgehend vom Jahr 2001, in dem der junge Philipp Erlach, ein erfolgloser Schriftsteller, zur Strafe die alte Familienvilla in einem Wiener Nobelbezirk erbt und zu dem die Erzählung immer wieder zurückkehrt, ist das Buch in 21 Kapitel gegliedert, die jeweils einen Tag in den Jahren 1982, 1938, 1945, 1955, 1962, 1970, 1978 und 1989 schildern. Souverän springt der Erzähler vom Fluchtpunkt des Jahres 2001 immer wieder in die Vergangenheit dieser österreichischen Familie zurück, die in dem Haus ihre Spuren hinterlassen hat.

Wie Arno Geiger das bewältigt, mit welcher Einfühlungsgabe und Sprachkraft er die Mentalitäten von drei Generationen vorführt, hat die staunende Bewunderung der Kritik erregt: „Wie kann ein Mittdreißiger soviel Verständnis aufbringen für die mentale Gemengelage seiner so grundverschiedenen Protagonisten aus drei Generationen? Wie schafft er es, die unterschiedlichen sprachlichen Register zu finden, mit denen er das Weltbild des autoritären Großvaterpatriarchen und seiner kultiviert resignierten Frau ebenso angemessen zur Sprache bringt wie die Ansichten der rebellischen Mut­ter und deren liebenswert unebenbürtigem Schlamperdatsch von Mann samt beider Kinder, die im Bewußtseinshorizont der siebziger Jahre aufgehen? Es ist ein Rätsel und grenzt an ein Wunder - zumal bei einem Österreicher, dessen schreibende Kol­legen uns oft durch einen in die Ewigkeit verlängerten postpubertären Haß auf ihr Land irritieren. Doch Arno Geiger versagt sich die griffigen Polemiken und fügt dem nicht endenwollenden Lied vom ach so faschistischen Österreich nicht noch eine weitere scheppernde Strophe hinzu. Man könnte sagen, mit diesem Roman ist die österreichische Literatur nach 1945 endlich erwachsen geworden.", meint etwa Tilman Krause in der „Literarischen Welt".

Nicht in einem literarischen Kraftakt, sondern unspektakulär und geradezu geruhsam geht Geiger auf die Vergangenheit zu, indem er private und öffentliche Geschichte miteinander verzahnt, etwa in der Figur des Großvaters Richard, Jahrgang 1900, eines Christlichsozialen, der in gutbürgerlichen Verhältnissen lebt und seine Gattin mit dem Kindermädchen betrügt, dem es 1938 gelingt, in die Unauffälligkeit unterzutauchen und dessen Stunde nach dem Krieg gekommen ist, als er Minister wird, die Unterzeichnung des Staatsvertrages allerdings wegen eines akuten Eiterzahnes ver­säumt und der von seinen Parteifreunden in den sechziger Jahren dann einfach aufs Abstellgleis geschoben wird. Zu den berührendsten Szenen des Buches zählen die Schilderungen des Lebens dieses im Alter zunehmend hinfälligen und vergeßlichen Großvaters mit seiner Frau Alma, einer Bienenzüchterin.
Die Geschichte, die große, offizielle und die familiäre, ist bei Arno Geiger in zwei Bilder gebannt: einmal in das Brettspiel „Kennst du Österreich?", das der Sohn Peter in der Nachkriegszeit erfindet und ohne Erfolg vertreibt und dann in das von Taubendreck verschmutzte, verstaubte, mit Andenken erfüllte Haus der Großeltern, das Philipp erbt. Er, der Enkel, der beschädigte Familienverweigerer, tritt in keine große Tradition ein: Er verläßt am Schluß die Villa mit den zwei Leiharbeitern aus der Ukraine, die er zum Ausmisten angestellt hat und fährt mit ihnen zu einer Hochzeit in deren Heimat - ein weiterer Geiger'scher Taugenichts, Spätentwickler, Tagträumer in der langen Reihe seit Philipp Worovsky. Man kann hier, in diesem unheroischen, spielerischen und dennoch präzisen Herangehen an die Geschichte, eine Verwandtschaft zu Hebel entdecken, über den Robert Minder folgendes geschrieben hat:
„Hebel ist alles andere gewesen als ein Oskar Matzerath. Er war kein Trommler und kein Tambour, der Reveille schlägt; in seiner behutsam vorgehenden, freundlich zurückhaltenden, stets scharf beobachtenden Art ist er eher ein Vorläufer von Hans Castorp, und in seiner Vorliebe für die Zukurzgekommenen, ja die Gesetzesübertreter, die den Herren ein Schnippchen schlagen, ein geheimer Bruder des Felix Krull, Hermes und nicht Mars zugehörig."

In Arno Geigers letztem Buch, dem Erzählband „Anna nicht vergessen" von 2007, gibt es eine kleine, rätselhafte Erzählung „Neuigkeiten aus Hokkaido", in der eine Person, ob Mann oder Frau wird nicht klar, an einen Partner Briefe schreibt und darin seltsame, scheinbar unzusammenhängende Begebenheiten aus Japan berichtet: über einen Mann, der einen Hund, der ihn immer anbellte, stranguliert und grillt, über ein Baby, das einen Brand in einem Haus überlebt, weil es ins Badezimmer gekrochen ist und dort vor den herabstürzenden Teilen sicher war und das später auf die Feuerwehrakademie gehen und lehren soll, wie man sich im Brandfall verhält, über ein Paar, das zu den Flitterwochen in die USA flog, aber mangels Sprachkenntnissen die ganze Woche im Hotel verbracht hat und noch einige mehr. Diese Erzählung endet mit den Worten: „Ich weiß, es gibt im Leben steile Berge und freundlicher geneigte Landschaften. Aber ich klettere gerade auf einen der steilen Berge. Vielleicht kannst du meine Situation verstehen. - Ja. - Wenn ich erst einmal oben auf dem Berg bin, werde ich auch auf ebenen Feldern gehen können. Daran glaube ich." (S. 148).
In diesem Bild steckt versteckt auch ein poetologisches Programm: Erst wenn man sein Handwerk versteht, wenn man als Autor wie Arno Geiger die steilen Berge der Romane erklommen hat, kann man sich der kleinen Form widmen. Denn die kleine Form ist schwer, obwohl sie oft unterschätzt wird, wie auch Hebel mit seinen Kalen­dergeschichten oft unterschätzt wurde. In den zwölf Erzählungen dieses Bandes nun zeigen sich zwei Eigenschaften des Autors Arno Geiger, die ihn zu einem würdigen Kollegen von Johann Peter Hebel machen: Einfachheit und Sprachartistik. Und dazu noch die Fähigkeit zum Unernst, zur komischen Übertreibung, zum Humor.
Arno Geiger erzählt auch hier von Menschen, die sich auf dem absteigenden Ast befinden, die die Kurve nicht gekratzt haben, die sich nicht in der Liebe, sondern in dem Zustand nach der Liebe befinden, wo Ehen zerstört und Beziehungen aufgelöst werden: sei es Ella, die alleinerziehende Mutter der Titelgeschichte, die mit ihrer Toch­ter Anna nicht klarkommt und ihr Brot als von den Ehefrauen bezahlter Lockvogel für potentiell untreue Ehemänner verdient, sei es der Kontrollfreak, der seiner Freundin, die ihn verlassen will, hinterhertelefoniert, sei es der Ehemann, der die gemeinsame Wohnung in der gleichnamigen Erzählung als „Feindesland" empfindet. „Alle ihre Klientinnen sind so, so wie sie selbst, auf der stimmungsmäßigen Talfahrt" (S. 8), heißt es in der Titelgeschichte. Geigers Thema in diesem Buch ist, wie er es in einigen In­terviews klargestellt hat, nicht der große historische Bogen, wie in seinem Roman „Es geht uns gut", sondern der Alltag, der Mikrokosmos, die Flüchtigkeit des Daseins.

Diesen Alltag, der immer historisch verortet ist, bringt er mit sorgfältig recher­chierten Details ins Spiel. Für einen Marsmenschen, der lesen könnte und der nach dem Weltuntergang dieses Buch in die Hand bekäme, würde sich aus den zwölf Texten auch ein Bild des Zustands mitteleuropäischer Seelen zu Beginn des 21. Jahrhunderts und ihrer Beziehungsstrukturen ergeben: Keiner und keine glaubt mehr an die Liebe, alle arbeiten nur an ihren Beziehungen, die Begabteren treiben es in Nebenzimmern, während die Katze auf dem Küchentisch operiert wird oder zwischen Buchpaletten, während wildgewordene sozialistische Genossen Schießübungen veranstalten, wie in der satirischen Udo-Proksch-Geschichte „Sonntagshunde".
Als Erzähler schlüpft Arno Geiger in die verschiedensten Rollen: Manchmal gibt er sich traditionell, wie in „Koffer mit Inhalt" oder in „Abschied von Berlin", dann aber läßt er auch einzelne Figuren in Monologen räsonieren, wie die Wienerin, die sich über ihren Untermieter, einen Schriftsteller, beschwert, oder die Frau, die ihrem treu­losen Geliebten nach Australien Tonbänder schickt (die Geschichte spielt 1973, damals war Telefonieren noch unerschwinglich teuer). Ein besonderes Glanzstück erzähleri­scher Raffinesse ist „Das Gedächtnisprotokoll", wo aus einer Inventarliste einer durcheinen rachsüchtigen Gärtnergehilfen durch Brandstiftung zerstörten Döblinger Villa gleichzeitig das Psycho- und Soziogramm der Villenbesitzerin ersteht.

Ich kehre zur Französischen Revolution zurück. In der „Kleinen Schule des Karussellfahrens" läßt Arno Geiger sein alter ego Phi­lipp Worovsky einmal, in Anlehnung an die Cahiers de doleances, in denen der Dritte Stand zur Revolutionszeit seine Beschwerden vorbrachte, über seine, also unsere Zeit sagen: „Art. 2 Daß dieselbe Zeit reichlich, aber beschränkt ist, ihr Boden undankbar, wodurch ich fortwährend und chronisch unterfordert bin, was umso bedauerlicher ist, als mich die Natur mit der rauhen Physiognomie der Freiheit ausgestattet und mit Talenten begabt hat, die es mir jederzeit ermöglichen würden, mich über die flüchtigen UnGelegenheiten zu erheben, die sich in Revolutionszeiten einstellen" (S. 55).
In der Erzählung „Natürliche Schwankungserscheinung" in „Anna nicht vergessen" stellt sich eine offenbar gebildete Wiener Magistratsbeamtin, die für die Verwaltung der Streumittel im Winter zuständig ist, die Frage: „Glauben wir an das Glück? Das Glück, von dem Freud sagt (eine Stimme, keine unbedeutende), daß es im Schöpfungsplan für den Menschen nicht vorgesehen sei" (S. 213).

Wir, die Leserinnen und Leser von Arno Geiger, die (gottseidank) in solch unheroischen und unrevolutionären Zeiten leben, wissen, daß das Glück auch darin liegen kann, Geschichten erzählt zu bekommen, in denen die Condition humaine im Alltag aufblitzt.


ULRIKE LÄNGLE, geb. 1953 in Bregenz, studierte Germanistik und Romanistik in Innsbruck und Poitiers. Die Literaturwissenschaftlerin, Schriftstellerin, Kritikerin und Übersetzerin ist seit 1984 Leiterin des Franz-Michael-Felder-Archivs (Vorarlberger Literaturarchiv) in Bregenz. Sie hat zahlreiche Werke zur österreichischen Gegenwartsliteratur publiziert.

 
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