zurück "Einige Gedanken, wie die bisherige Einrichtung der Lektiones des Pädagogiums,
 insbesondere in Rücksicht der zweiten Klasse nach den Umständen könnte
abgeändert werden." 

 

    [Hebels Denkschrift zur Verbesserung des Unterrichts am Lörracher Pädagogium von 1790]


Es wird nach der bisherigen Einrichtung der zweiten Klasse von dem Präzeptorats Vikarius Unterricht ertheilt:
 

      in der Religion
im Schreiben
im Rechnen
in der Geometrie
in der Geographie
in der deutschen Sprache
in der lateinischen Sprache
wöchentlich
         "
         "
         "
         "
         "
         "
   2 Stunden
 2     "
 2     "
 2     "
 2     "
 2     "
 
            a. Etymologie
      b. Syntax
      c. Justin und Repos lectio analytica
      d. Ciceros Br. u. Phädr. lectio stataria
      e. noch einmal Repos und Millers Chrestom. lectio cursoria
      f. Übersetzungen aus dem Deutschen ins Lateinische
         1 St.
         1 St.
         4 St.
         2 St.
         2 St.
         2 St.
   
     

   zusammen

        12 St.   12     "  
      in der griechischen Sprache  
hinzu kommt eine Repetitionsstunde
      2      "  
  1      "
       

   zusammen

  26 Stunden    
   


(Die Geschichte in 2 Stunden und noch zwey lateinische Autoren: Ovids Klagelieder und Katons Disticha in lectione poetica lehrt der Diakonus Vikarius).
 
Um nun für die Realschüler Zeit zu gewinnen, und sonst einige Verbesserungen anzubringen, könnten vielleicht folgende Veränderungen getroffen werden.

   

1. Das Schreiben und Rechnen könnte dem Lehrer der 3. Klasse ganz überlassen werden. 
2. Das Lateinische, so sehr es für Studierende eine Hauptaktion (Hauptfach) ist und so langsam es auch mit Erlernung

 
 desselben bisher zuging, könnte in weniger Zeit mit besserm Erfolg betrieben werden, wenn nur die Hindernisse, die
   es bisher erschwerten, weggeräumt würden, d. h.
a. Wenn man die Jugend, eh das Lateinische angefangen wird, zu einem etwas reiferen Alter gelangen ließe.
 
            Da bey einem Jüngling, der als Student in dem Gymnasium will angenommen werden, ein Alter von 16 völligen
 
    Jahren erfordert wird, so sollte billig ein verhältnismäßiges Alter bey der Annahme und den Promotionen an dem
    Pädagogium beobachtet werden. Rechnet man auch nach der bisherigen Einrichtung für den Kursus in der ersten
    Klasse drei, und in der andern zwey Jahre, so wäre es nicht nöthig, daß ein Knab früher als nach dem eilften Jahr
    die zweite Klasse besuchte.
b. wenn auch für dieses Alter nicht zuviel gefordert würde.
 
            Mehrere Lektionen der ersten Klasse, z. B. Horaz philosophische und gerichtliche Schriften und mehr anderes
 
    sollten eigentlich dem Gymnasium überlassen bleiben. Geschähe dieses, so könte gleichförmig der Lehrer der zweiten
    Klasse und der in der dritten etwas herabstimmen, und es wäre genug, wenn die Tertianer, die nach Sekunda
    promoviert werden sollen fertig und mit Verstand deklinieren, komparieren, konjugieren, und etwas ganz leichtes
    übersetzen könten.
c. wenn dagegen die Schüler in den zur Erlernung der Lateinischen Sprache nöthigen und dienlichen Vorkenntnissen
 
    länger und zweckmäßig unterrichtet würden und wie viele Zeit bliebe hiezu übrig bis ins 11te Jahr? Ich rechne dahin
    a. jede Kenntnis überhaupt, welche Namen sie haben mag, in wiefern sie den Verstand übt, aufhellt und bereichert;
        insbesondere aber
    b. allgemeine Gramatik, für das Alter kurz und faßlich eingerichtet, und Bekandtschaft mit der Büchersprache, beides

        durch mehrere Übung und Kultur der Muttersprache erreichbar. Nicht in der lateinischen Sprache als lateinischen
        ligen die Hindernisse ihrer leichten und geschwinden Erlernung, vielmehr sollte sie wegen ihrer großen
        Regelmäßigkeit eine der leichtesten seyn, sondern darin, daß die Jugend in einem Alter, wo man ihr alles so
        einfach als möglich machen sollte, die Gramatik, die im Grund in allen unsern gebildeten Sprachen die nemliche
        ist, und den eigenen Bau der Büchersprache insbesondere an einer noch ganz unbekandten Sprache lernen und
        üben soll. Der verschlungene Gang eines Perioden, die Berbettung und Einschaltung der Sätze, die Stellung der
        Wörter, eine Wendung, oft eine einzige Partikel und andere Eigenheiten der Büchersprache, die sind es, welche
        es oft allein schwer machen, Stellen eines Buches zu verstehen, nicht weil es ein lateinisches Buch ist, das der
        Schüler lesen soll, sondern weil er überall noch zu wenig gelesen hat. Und wie oft, wenn er iedes lateinische
        Wort, mit einem teutschen, das er in seinem Wörterbuch fand, treulich und gewissenhaft vertauscht hat,
        versteht er erst den Sinn der letztern nicht einmal, wenn es nicht glücklicherweise Ausdrücke des gemeinen
        Lebens sind, fühlt es nicht einmal, wenn er von mehreren Ausdrücken gerade den unschicklichsten oder gar
        von mehreren gerade die falsche getroffen hat?
     c. Allgemeine Begriffe und Bekandtschaft mit der Materie die in dem Autor abgehandelt wird. Nichts kan der Jugend

         verdrießlicher seyn, und die Erlernung der Sprache mehr hindern, als wenn sie Sachen lesen und übersetzen soll,
         wovon sie keinen Begriff hat, die also weder ihren Verstand beschäftigen noch ihre Aufmerksamkeit binden, und
         nichts zweckwidriger und hinderlicher, als wenn man erst bei jedem Wort stehen bleiben und begreiflich machen
         muß, was praetorium, castra metari, vineae et testudines, was consul, aedilis, tyrannus etc. sey. Hierzu wäre
         zugleich sehr dienlich und erforderlich
     d. wenn in Absicht der Autoren selbst eine vortheilhafte Wahl getroffen würde. Ich rechne dahin

         a. weniger Autoren zu gleicher Zeit. Der Zusammenhang eines ieden wird durch das beständige Abwechseln in
             einer Woche nur zerstückelt, der Verstand verwirrt, die Aufmerksamkeit zerstreut, und erwarten kann man
             ohnehin nicht, daß ein Knabe schon die eigenthümliche Verschiedenheit ieder Schreibart und iedes Autors
             bemerken soll, eh' er  e i n e n  ganz versteht. Und was wäre sonst für ein Zweck erreichbar.
         b. stetere Übergänge vom leichtern zum schwerern.

         c. die Wahl solcher Autoren, die einen für die Jugend faßlichen und angenehmen Gegenstand bearbeiten.

                 Diese zwey Erfordernisse b. u. c. können schwerlich anderst, als durch Einführung solcher Lesebücher

             erreicht werden, die von Gelehrten unsrer Zeit absichtlich für die Jugend entweder aufgesetzt oder
             gesammelt sind. Denn darf es Erweisens, daß die römischen Schriftsteller nicht für sie geschrieben haben? 
             Oder darf man erwarten, daß 12jährige Knaben in Teutschland ein Buch verstehen,, und mit Vergnügen lesen
             sollen, bey dessen Verfassung sich der Schriftsteller  vor 1800 Jahren römische Männer, Zeitgenossen und
             oft Augenzeugen der Begebenheiten dachte. Ich kenne eine einzige Bedenklichkeit, daß da Ohr des Schülers
             in neuern Schriften nicht früh genug an reine latinität gewöhnt werde. Diese Einwendung kann aber an einer
             Schule gerade am wenigsten gelten, wo man doch auch 5 Jahre lang das N. T.* übersezt, eh' man zu einem
             ächt griechischen Schriftsteller übergeht. Auch wäre es wohl ein demüthigender Vorwurf für unser
             pädagogisches Zeitalter, wenn wir keine Lesebücher auftreiben könten, die wenigstens so rein von Schlaken
             des ehrenen Zeitalters als Justin, so frey von Archaismen als Phädrus, so verwahrt von Spuren der
             Eilfertigkeit als selbst manche Briefe des Cicero an seine Vertrauten, endlich so unentstellt von unrömischen
             Lesearten, als unsre gewöhnlichen Schulausgaben der lat. Autoren sind.
          d. gänzliche Verbannung der poetischen Schriften aus der Sekunda.

     Nach diesen Voraussetzungen schiene es genug zu seyn, wenn wöchentlich
 
     a. nur eine Stunde der lateinischen Gramatik insbesondere

     b. 8 Stunden dem Lesen u. Uebersetzen der Autoren u.

     c. etwa eine den sogenannten exeroitiis extempor. gewidmet würde.

     Würden nun als denn die Schüler der 3. Klasse wohl vorbereitet geliefert, so müßte alles gefehlt seyn, wenn der

     Lehrer der zweiten sie in zwey Jahren nicht so weit fördern könte, daß der der ersten in weiteren drei Jahren dem
     Gymnasium tüchtige Jünglinge liefern könte.
     3. Für die  d e u t s c h e  Sprache hingegen wären sowohl um der Realschüler willen als wegen der Studierenden,

     weil die lateinische Lektion auf die teutsche gebaut würde, vier Stunden wöchentlich nicht zuviel.
     4. Für die griechische Sprache sind 5 Jahre (2 in Sec. u. 3 in Prima)** nach dem was bey Annahme an das
 
     Gymnasium scheint gefordert zu werden, offensichtlich zu viel, da schon Sekundaner den Johannes ganz und
     einen Theil eines andern Evangelisten ohne Mühe durchgebracht haben; vielleicht könte also diese Sprache
     ganz für die erste Klasse verspart oder oder wenigstens nur im letzten halben Jahr getrieben werden.
     5. Die Repetitionsstunde könte ganz weg bleiben.

     

Diesem nach wäre die Ertheilung folgende:
in der Religion wöchentlich
in der Geometrie
in der Geographie
in der deutschen Sprache
in der lateinischen Sprache
in der griechischen Sprache
Alsdann blieben zu einer Lektion für die Realschüler, z. B.

       Naturgeschichte oder Mechanik p. p. noch übrig

 
 2 Stunden
2       "    
 2       "    
 4       "    
10       "    
  1       "    
 
 5       "   
 
     

zusammen wiederum      

  26 Stunden    
       
J. P. Hebel

 

 

 
    "Der Kirchenrat würdigte die Denkschrift keines Federstriches, es wurde ihr eine stille Bestattung
in einem Aktenfaszikel bereitet, wo sie sich recht wohl konserviert hat" (Karl Herbster).

 

 

 

 


 

                  *   N. T. = Neues Testament
                        **  Die Sekunda (Zweite Klasse) zerfiel in eine Unter- und Oberstufe, die Prima (Erste Klasse)
                       hatte Unter-, Mittel- und Oberstufe, so dass der gesamte Lehrgang beider Klassen 5 Jahre umfasste.
   

 Der o. a. Text wurde wiedergegeben nach der Erstveröffentlichung durch Karl Herbster, Lörrach
in der Zeitschrift "Markgräflerland", Jhrg. 1931, Heft 3, S. 65ff

 
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