zurück Predigt am zweiten Pfingsttage 1794
     

Wohlthätig, o Gott, und wunderbar sind die Einrichtungen der Schöpfung, durch welche du von Anbeginn für die irdischen und geistigen Bedürfnisse deiner Geschöpfe in ihrer großen unübersehbaren Zahl und in ihrer unaussprechlichen Mannigfaltigkeit so zureichend und väterlich gesorgt hast. Und deine Kinder nährest und sättigst und kleidest du, führest uns mit sorglicher Hand von der Wiege bis ans Grab, hast Ruhe für Müde, Balsam für schmerzende Wunden, und läßt es keinem an Freuden fehlen, wer nur Sinn hat, an deinen Werken und Wohlthaten Freude zu finden. — Und doch konntest du uns noch etwas besseres geben, und hast auch das Beste und Seligste, was du Geist von unbegrenzter Vollkommenheit dem endlichen Geiste im Gewande der Sterblichkeit mittheilen konntest, nicht versagt, hast Wahrheit und Erkenntniß und Hoffnung, die sich nicht wie Speise und Trank aus irdischen Formen erzeugt, durch das Wehen deines Geistes vom Himmel gesendet, unter den Menschen verbreitet, erhalten und gesegnet. Daß wir dich, o Vater, erkennen, die wohlthätigen Absichten, zu denen du uns oft auch unter harten Prüfungen führest, verstehen, daß wir durch Glauben und Liebe uns dir und der Glückseligkeit, die bei dir ist, nahen, und einst, wenn unsre irdische Laufbahn sich in ein Grab verliert, mit dem Trost der Unsterblichkeit an seinem Abgrund stille stehen, und unsrer nahen Verherrlichung uns freuen können, — dankbar, o Vater, erkennen wir in diesem Glück auch die Verheißung deines Sohnes: der Geist der Wahrheit, welchen ich euch senden werde, wird euch in alle Wahrheit leiten. O laß uns seine Nahe und seine lebendige Kraft stets inniger und seliger empfinden in dem Trost des Glaubens, in dem Eifer der Liebe, in der Andacht des Gebetes, in Geduld und Hoffnung. Laß uns auch heute durch sie gerührt zum Dank für deine Liebe, zum Preis deiner wunderbaren Regierung, und zur willigen Befolgung deiner Absichten erwecket werden. Wir stehen darum in einem stillen V. U.

Text: 1. Korinther 2, 6 - 10

6 Wovon wir aber reden, das ist dennoch Weisheit bei den Vollkommenen; nicht eine Weisheit dieser Welt, auch nicht der Herrscher dieser Welt, die vergehen.
7 Sondern wir reden von der Weisheit Gottes, die im Geheimnis verborgen ist, die Gott vorherbestimmt hat vor aller Zeit zu unserer Herrlichkeit,
8 die keiner von den Herrschern dieser Welt erkannt hat; denn wenn sie die erkannt hätten, so hätten sie den Herrn der Herrlichkeit nicht gekreuzigt.
9 Sondern es ist gekommen, wie geschrieben steht (Jesaja 64,3): »Was kein Auge gesehen hat und kein Ohr gehört hat und in keines Menschen Herz gekommen ist, was Gott bereitet hat denen, die ihn lieben.«
10 Uns aber hat es Gott offenbart durch seinen Geist; denn der Geist erforscht alle Dinge, auch die Tiefen der Gottheit.

 

Es ist oft sehr schwer, christliche Zuhörer, wenn wir durch fremde Anleitung und Unterstützung zu gewissen Fertigkeiten und Vollkommenheiten gelangt sind, jedesmal wahr und billig zu beurtheilen, wie weit wir, uns selbst überlassen, durch Anwendung und Uebung unsrer eigenen Kraft würden gekommen seyn. Aber seltener fehlen wir durch allzubescheidene Schätzung unsrer eigenen Kraft, als durch allzugeringe Meinung von dem Verdienste unsrer Wohlthäter, die uns eigene Kraft kennen und gebrauchen lerhrten. Dies ist bei vielen Menschen der Fall, und wird es immer mehr, selbst in der Religion, wenn wir die Wohlthat der Bekehrung schätzen, durch welche Gott dem menschlichen Geiste zu Hülfe kam, als er Jesum den Lehrer der Wahrheit vom Himmel sendete, und durch die Weihe seines Leibes die Apostel Jesu Christi zu Lehrern entfernter Zeitgenossen und später Nachkommen heiligte und ausrüstete, und durch allmächtige Kraft und wunderbare Leitung die heilige Wahrheit bis auf unsere Zeit hinab erhielt, verbreitete und verherrlichte. Wir sind so leicht zu dem Anschauen derselben gelangt, sie liegt größtentheils so einfach, natürlich und allverständlich vor uns, der Verstand findet sie so richtig, das herz fühlt sich dabei so menschlich und wohl, sie harmoniert so ganz mit der Natur und mit unsern geistigen Bedürfnissen, sie wird durch so viele Erfahrungen des Lebens bestätiget, wir sind auch schon so lange her in ihrem Besitze, der menschliche Verstand hat sie schon so mannigfaltig bearbeitet, angewendet, sich zu eigen gemacht, daß es oft fast scheint, als ob vernünftige Menschen ohne Dazwischenkunst himmlischer Belehrung wissen müßten, wie sie weise, gut und glücklich leben, wie sie aus unglücklichen Verirrungen sich zurück finden, und im Drang der Leiden und im Schauer der Menschlichkeit am Grabe sich trösten müssen. O es giebt Menschen, die es in allem Ernste glauben, die sich ärgern könnten, daß Fischer und Zöllner mit ihrer lauten Predigt von Gott und Tugend und Unsterblichkeit dem menschlichen Forschen so eilig zuvorgekommen sind, und die über uns lächeln, daß wir Wahrheit, die uns von allen Seiten her ungerufen entgegen leuchtet, Wahrheit, deren Gefühl in jeder Seele verborgen liegt, Wahrheit, das selbsterrungene Eigenthum jedes vernünftigen denkenden Geistes als eine Wohlthat von verachteten Israeliten annehmen mögen. Sie haben in dem milde verbreiteten Schimmer einer strahlenden Sonne Wege gefunden, Gegenstände erkannt, Aussichten entdeckt, und wähnen nun, weil sie ihre Augen nie zu der Quelle des wohlthätigen Lichtes selber erhoben, daß sie ihre Entdeckungen durch die Schärfe ihres Blickes in einer finstern sternenlosen Nacht wohl auch hätten machen können. Lasset uns gerecht seyn, meine Freunde, die Dienste unserer Wohlthäter, die uns auf den Weg der Wahrheit leiteten, nicht verkennen, und den treuen sichern Stab, den sie uns auf einen mühevollen irrlichen Pfad mitgaben, nicht undankbar auf die Seite stellen. Davon wir aber reden, sagt einer der eifrigsten von ihnen, — das ist Weisheit bei den Vollkommenen; nicht eine Weisheit dieser Welt, auch nicht der Obersten dieser Welt, welche vergehen; sondern wir reden von der heimlichen verborgenen Weisheit Gottes, welche Gott verordnet hat vor der Welt, zu unserer Herrlichkeit.

Wir wollen nach Anleitung dieser Stelle von den Verdiensten reden, welche die Apostel Jesu Christi um die Erleuchtung unsres Geistes haben, und von ihnen unsern Blick zu dem ewigen Wohlthäter erheben, von dem alle gute Gabe und alle vollkommene Gabe herabkommt, dem Vater des Lichts. Wenn uns, andächtige Zuhörer, die Erkenntniß und der Gedanke an einen allesvermögenden, allesumfassenden, treu und ewig bleibenden Gott mit reichem Troste und seligen Empfindungen erfüllt, wenn uns das Bewußtseyn durch kindlichen Gehorsam seinen Beifall zu besitzen, theurer und heiliger ist, als alles, was die Erde uns geben oder nehmen kann, wenn die Tugend uns innerlich belohnt, und Ruhe und Friede und manche Freude und mancher Segen von aussen in ihrem Gefolge uns umgibt, wenn uns in den Trübsalen des Lebens der Glaube tröstet, daß eines Vaters Hand uns durch gewählte Prüfungen zur Vollendung führet, wenn dem Sterbenden der Schimmer der Ewigkeit des Todes Schreckensgestalt wohlthätig verschleiert, und wenn endlich alle diese Ueberzeugungen Gefühle und Stimmungen nur Wirkung erkannter, angenommener, in Ausübung gebrachter Religionslehren sind, so ist es das erste Verdienst der Boten Jesu Christi um die Menschheit: sie haben Wahrheiten der Religion, welche der Menschensinn wohl auch einmal finden konnte, auf die er am Ende fast , nothwendig verfallen mußte, zur frühern und gewissen Bekanntschaft gebracht. Der größte Theil der Belehrungen Jesu Christi ist allerdings höchst einfach und natürlich, aber nichts desto leichter zu finden. Es gehört ein reiner, frommer, unverdorbener Kindersinn dazu, sie zu fassen und zu verstehen , der unter allerlei falschen Richtungen des menschlichen Geistes frühe verloren gieng, und unter den mühsamsten Untersuchungen, und dem tiefsten Forschen und der ausgebreitetsten Gelehrsamkeit sich am seltensten wieder findet. — Gott ist die Liebe, — Gott ist der rechte Vater über alles, was Kinder heißt im Himmel und auf Erden. Menschlichkeit, o Mensch, ist dein heiligster Schmuck; sie in dir zu veredeln, ist dein würdigster Beruf; sie zu üben, deine erhabenste Größe. Wie, möchten wir fragen, kann eine Wahrheit, die so einheimisch in dem Menschen selber liegt, ihm unbekannt und unbemerkbar bleiben? Kann die erste geistige Wahrheit, daß Gott die Liebe sey, sie, die in strahlenden Zügen durch alle Sinnen in die Seele leuchtet, eine heimliche verborgene Weisheit seyn? Nein sollten wir sagen, und doch hatte sie keiner in ihrem ganzen großen Sinne verstanden. Jahrtausende künstelten die Menschen an dem Begriff von Gott und an dem Lehrgebäude ihrer Pflichten, und entfernten sich immer mehr von dem liebenswürdigen Urbild. Ganze Geschlechter waren schon ausgestorben, und hatten das Vermächtniß ihres Nachdenkens und ihrer Erfahrungen den Nachkommen hinterlassen; und doch, als Christus auftrat, und mit reinen edlen Zügen ein Bild der Gottheit entwarf, den Menschen mit seinem Schöpfer in das liebe trauliche Verhältnjß des Kindes zu dem Vater setzte, und Liebe und Menschlichkeit aus der Tiefe des menschlichen Herzens herauf rief, verwunderten sie sich der neuen Lehre, die noch kein Mensch so verkündigt hatte. Und was berufen wir uns auf ferne Zeugnisse? Leben nicht noch ganze Geschlechter, die auch von Vater und Sohn an Adam hinaufreichen, und doch die erste heiligste Wahrheit, die ihnen einmal unglücklich verloren gieng, schon seit Jahrtausenden suchen, und noch nicht wieder gefunden haben. O es gehört nebst vielen andern Mühen und Verirrungen auch das zum Schicksal der Sterblichen, daß sie das Leichteste und Natürlichste am mühsamsten suchen müssen und am spätesten finden. Sie entdecken alles Ferne eher als das Nahe, bringen den künstlichsten, gezwungensten Irrthum eher heraus, als die einfachste Wahrheit. Ihr Gang geht nun einmal durch mannigfaltige Irrwege zum Ziel, durch Nebel der Täuschung zum Schauen des Lichtes. Dank sey also der ewigen Liebe und Vorsehung, daß sie uns jene Wahrheiten, die uns zu Menschen machen, die uns auf die erste Stufe fortschreitender Erkenntnisse und Veredlung erheben mußten, aus dem sich alle Keime der Tugend, der Lebensfreude und Hoffnung entwickeln, freundlich zuführte , und durch sie viele Tausende beglückte und die Vervollkommnung des menschlichen Geschlechtes wohlthätig beschleunigte, wenn auch schon vielleicht nach vielen traurigen Erfahrungen ein glücklicher Zufall unsre Vorfahren oder Nachkommen den kostbaren Fund hätte machen lassen.

Es ist zweitens das Verdienst der Boten Jesu Christi: sie haben höhere Wahrheiten, die ohne ihren Eifer das Eigenthum einzelner glücklicher Menschen geblieben wären, zur allgemeinen Bekanntschaft gebracht. Wir wären ungerecht, wenn wir nicht gestehen wollten, daß große, edle Menschen aller Zeiten und Völker wie ausgezeichnete Lieblinge der Gottheit in Weisheit und Tugend unter ihren Zeitgenossen wandelten; wenn wir nicht gestehen wollten, daß viel Kraft, Wahrheit zu finden, viel Gefühl für Rechtschaffenheit und Tugend, viele edle Triebe, Entschließungen und Thaten aus der menschlichen Natur sich entwickeln, und unter sorgfältiger Pflege gedeihen können. Aber es gehört zur Bildung solcher Menschen so vieles, — Erziehung durch Menschen, wie sie nicht jedem zu Theil werden kann, — große Anlagen des Verstandes und feinere Gefühle des Herzens, — Muße zum Denken, Prüfen und Wählen, wie sie nicht jedes arme Menschenkind im Gedränge zeitlicher Bedürfnisse, unter der Last von schweren Geschäften und Sorgen gewinnen kann, — und über alles die Umstände, die keinem Sterblichen zu Gebote stehen, aber über ihn eine unwidersprechliche Herrschaft ausüben durch ihr verborgenes Zusammenwirken oft die unerwartetsten Wunder hervorbringen, oft die gerechtesten Vorsätze und Hoffnungen vernichten. Es gehört so viel zur Bildung so glücklicher Menschen, daß sie ohne jenes Erbarmen des göttlichen Geistes immer nur als seltene Ausnahmen unter einem allgemeinen traurigen Gesetz sich verloren hätten, und das Gesetz hieße: Die Menschen sollen ihren Schöpfer suchen und nicht finden, leiden ohne Trost, unbekannt bleiben mit ihrer Bestimmung, und am Ende des Lebens erst durch kostbare Erfahrungen lernen, wie sie hätten leben sollen.

Das wollte der ewige Vater der Menschen nicht; zum drückenden Gefühl, daß sie elend seyen, gab er ihnen Vernunft und Besinnung, zum ewigen Schmachten den Durst nach Vollkommenheit nicht. Mögen Weise und Schriftgelehrte die verstecktesten Wahrheiten auf ihrer verborgenen Spur verfolgen und erhaschen, mögen sie Länder und Meere und die Sterne am Himmel mit Namen nennen, und durch langes Streben und Forschen zu dem mühsam erworbenen, wohlverdienten Besitz mancher Vortheile gedrungen seyn; — aber was Menschen gut und edel macht, was sie zu frommen Gefühlen erwärmen, ihr Herz dem Schöpfer und der Tugend gewinnen, sie zeitlich froh und ruhig und ewig glücklich machen sollte, an der wohlthätigen Weisheit sollten alle Theil nehmen können, wie sie alle das Recht haben, sich an einer Sonne zu wärmen und aus der immer offenen Hand ihres schaffenden Vaters Speise und Freude zu nehmen.

Darum entläßt Jesus, ehe er in seine göttliche Herrlichkeit zurückkehrte, seine Jünger mit dem menschenfreundlichen Auftrage: Gehet hin und prediget das Evangelium aller Kreatur. Wer glaubt und sich zu meiner Lehre bekennt, der soll selig werden. — Das dankt ihr mit gerührter Seele einem wohlthätigen Erlöser, arme Menschen, welche die Natur nicht bestimmt hat mit leichtem unbefangenem Geistesblick ins innere Heiligthum der Wahrheit einzudringen. Die ihr im Drang der Bedürfnisse des Lebens, in der Mitte einer Familie, die um Nahrung und Kleider schreit, andre Dinge zu thun habt, als Meinungen zu prüfen, und das Gold der Wahrheit von den Schlacken des Irrthums zu scheiden, und durch traurige Umstände, deren ihr euch nicht zu schämen habt, zur Erde niedergebeugt, manches leichte, sanfte, frohe Gefühl nicht kennt, das andern Menschen, Glauben, Vertrauen, Liebe, Tugend, Hoffnung und Muth in vorübergehenden Leiden so leicht und natürlich macht, — ihr fühlt das Bedürfniß der Belehrung und des Trostes vom Himmel, bekennet euch gerne unter die Vormundschaft des Geistes Jesu Christi, und verstehet den heiligen Sinn der Worte: Gott will, daß allen Menschen geholfen werde, und alle zur Erkenntniß der Wahrheit kommen.

Es ist drittens das Verdienst der Gesandten Jesu Christi: sie haben uns über höchst wichtige Angelegenheiten der Menschheit, wo alle Vernunft und alles Gefühl nur wünschen, ahnden und hoffen konnte, durch die Predigt des Evangeliums Jesu Christi freudige Gewißheit verschafft. Am Ende ist doch ein sehr großer Theil des eigenen vernünftigen Denkens nur Meinung, Wahrscheinlichkeit in einem niedern oder höhern Grad, — die uns am leichtesten überzeugt, und uns am unwidersprechlichsten scheint, wenn wir ihres Einflusses zu großen Entschließungen und ihres Trostes in zweifelhaften bangen Auftritten des Lebens am wenigsten bedürfen, aber am schüchtersten sich hinter Zweifeln verliert, und am gefälligsten nach unsern Neigungen schmiegt, wenn sich in unsrer Brust der große Kampf zwischen bestürmender Sinnlichkeit und männlicher Tugend entscheiden , oder des Geistes freie erhabene Größe in hartnäckigen Schwierigkeiten, unausweichbaren Gefahren, tief empfundenen Leiden und Sorgen, Erwartungen einer trüben undurchschaulichen Zukunft sich zeigen soll. Dann, armer Sterblicher, halte dich am schwankenden Halm, der mit dir zur Erde sich biegt, wann dein zitterndes Knie dich nicht mehr zu halten vermag. Dann suche Heiterkeit und Wärme an dem Flämmchen, das im Sturme der Leidenschaft erlosch. O es ist zweierlei, — gegen eine väterliche Vorsehung im Himmel nichts einzuwenden, wenn das Glück allen unsern Wünschen zuvorkommt, — und sie durch Muth und Vertrauen zu ehren, wenn alle Hoffnungen des glücklichen Erdenkindes auf einmal scheitern, wenn alle Stürme des Unglückes nur ihn zu treffen scheinen, und jede erwünschte Stille nur ein größeres Ungewitter vorbereitet, und kein Schöpfer seine Klage zu hören scheint. Es ist eine andre Lage des Lebens, in welcher wir den Glauben an Unsterblichkeit auffassen, und eine andre, in welcher wir ihn mit aller Stärke der Ueberzeugung aus der Seele herauf rufen und fest halten sollen. Dort war das Grab noch so ferne hinter den Rosen des Lebens versteckt, die Kraft des Lebens noch so stark, der Wunsch zu leben noch so heiß; der Jüngling im mächtigen Gefühl der Stärke und Kraft wäre zu bereden, daß selbst sterben unmöglich sey, wenn ihm nicht täglich die Leichenglocke das allgemeine Gesetz der Natur verkündigte. Hier ist alles gar anders. Das Gefühl der hinsinkenden Natur widerspricht zu laut dem geistigen Hoffen des Verstandes. Dem müden Pilger am Ende der Laufbahn wäre der Ruf eines einzigen, der vor ihm dahin wandelte, tröstlicher, als Ermunterung derer, die ihm nachfolgen und nicht fühlen was er. — Aber kein Todter antwortet seiner Klage, in den Gräbern ists fürchterlich stumm. Doch du rufest mit freundlicher Stimme, Getödteter und Erstandener: Ich lebe und du sollst auch leben. Aus deinem Munde nehmen wir den Trost der ewigen Fortdauer von dem, der tödtet und lebendig macht, und singen deinen Boten den Triumphgesang der Unsterblichkeit nach: Der Tod ist verschlungen in dem Sieg. Tod, wo ist dein Stachel? Hölle, wo ist dein Sieg? —

Es ist viertens das Verdienst der Apostel Jesu Christi: sie haben über eine höchst wichtige Angelegenheit, über die Verhältnisse der gefallenen Menschheit mit ihrem Schöpfer, und über den Rathschluß Gottes zu ihrer Rettung, den die Vernunft nicht kennt, befriedigende und erfreuliche Auskunft ertheilt. Es ist ein Wort, — fraget die ganze Schöpfung, — sie antwortet euch nicht. Fraget den zürnenden Donner, wenn er zwischen dem Feuer des Himmels daher fährt, er sagt es euch nicht. Fragt die allgemeinen Gesetze der Natur, unter denen der Gute mit dem Bösen leidet, und der Böse mit dem Guten erquickt wird, — ihr verstehet sie nicht. Fraget den Unglücklichen, den die Rache seiner längst vergessenen, vielleicht schon beweinten und abgelegten Missethaten auf unbekannten Wegen erhascht, er weiß es auch nicht. Fragt das zagende Gewissen und die angstvollen Mienen des sterbenden Zweiflers, sie verkündens euch nicht. — Und es ist doch je gewißlich wahr, und einso theures werthes Wort, daß Jesus Christus gekommen ist in die Welt, die Sünder selig zu machen.

Von dieser Art sind die Wahrheiten, christliche Zuhörer, mit welchen die ersten Bekenner Jesu Christi, die Zeugen seiner Niedrigkeit, seines frommen Lebens, seines Todes und seiner Verherrlichung, in eine Welt voll Irrthum ausgiengen, um hier die tiefste Unwissenheit zu erleuchten, und dort den verschrobensten Dünkel der Weisheit zur Kindeseinfalt zurückzuführen; hier das erstorbene Gefühl der Menschlichkeit zu wecken, Barbarei und Laster zu besiegen, und dort die erkünstelte gleissende Heuchelei durch die Predigt der frommen Herzenstugend Jesu Christi zu beschämen; — den Juden, welche Zeichen forderten, und den Griechen, welche nach Weisheit fragten, nur Jesum zu verteidigen, den Gekreuzigten. — Arme schwache Werkzeuge, einst unerfahrenen Kindern gleich an Fragen, Zweifeln und Traumen. Aber uns hat es Gott offenbaret durch seinen Geist, der alle Dinge erforschet, selbst die Tiefen der Gottheit. — Einst schüchterne Schafe, kaum von dem Schooße ihres guten Hirten zu entwöhnen; jetzt entschlossen in den Versammlungen der Weisen, und vor den Thronen der Könige und vor dem Blutgerichte ihrer Verfolger zu bekennen: daß in keinem andern Heil, und kein andrer Name den Menschen gegeben sey, darinnen sie sollen selig werden, als der Name Jesu. — Es ist ihnen ein großes Werk gelungen, sie haben fruchtbaren Samen ausgestreuet, und deine Pflege, Geist der Wahrheit, hat seine Keime entfaltet, und edle Frucht, Weisheit, Tugend, Menschlichkeit, milde Sitten, Himmelssinn, Himmelsfreude zum großen bleibenden Segen der Menschen aus ihnen groß gezogen.

O laßt auch uns, Freunde, bei dieses Geistes Lehren für unsre Schwachheit Kraft, für unsre Zweifel Aufschluß, für unsre Trauer Freude suchen. — Und wenn in euern Herzen durch der himmlischen Wahrheit stilles verborgenes Wirken schon reines Gefühl und Ruhe und Friede wohnet, und eures Geistes Kraft zur männlichen Reife gediehen ist, laßt uns dann diese treue mütterliche Erzieherin desto herzlicher lieben und desto dankbarer verehren, unter dem Geräusche und den Zerstreuungen des Lebens, unter den Weisen und Thoren, für ihre sanften Belehrungen ein offenes Ohr und eine offene Seele behalten, in den Stunden der überraschenden Versuchung an ihre Warnungen, und in der Nacht des Leidens an ihre Verheißungen denken. Sie führe euch durchs Leben, ihr letzter Segen folge euch ans Grab, und froh müsse es euer Geist in der Ewigkeit erfahren, daß Gottes Verheißung Ja und Amen ist.

Amen.

 

 
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