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AN FRIEDRICH WILHELM HITZIG

   

Während, o Zenoides, die Fortsetzung des Katech[ism] in den Händen Sander's und Ewald's ligt, schreibe ich meine Beob[achtungen] zu den Bemerkungen, die ich dir mit den ihrigen und dem M[anu]sc[ri]pt selbst nachsenden werde. Sie lesen iedoch die meinigen nicht. Diese bleiben unter uns. Ich theile dir darinn meine Ansicht über verschiedene Gegenstände nicht als die bessere, sondern nur als eine zweite zur Prüfung mit. Darüber sind wir einverstanden. Die Arbeit schreitet mit Interesse, mit Lebendigkeit und Wärme fort. Die Anwendungen sind köstlich. Sie und der Reichthum an Sprüchen machen das Werklein zum einzigen seiner Art. Was ich ihm noch wünschen möchte, wäre mehr Einfachheit und Faßlichkeit des Stils. Du wirst einiges darüber in meinen Bemerkungen finden, womit ich dir iedoch nichts sagen wollte, was du nicht weist, aber dich an einiges erinnern, woran du vielleicht weniger dachtest, während deine ganze Seele auf die Sache selbst gerichtet war. Prüfe doch den Gedanken und seine Möglichkeit, die Antworten in die Form absoluter Sätze zu stellen, zu welchen die Fragen nur das sind, was in andern Lehrbüchern die Ueberschriften der Paragrafen; Einige Beispiele wirst du in meinen Bemerkungen finden. Oft läßt es sich durch Widerholung der Frage in der Antwort bewirken, die ohnehin zweckmäßig ist.
Z[um] B[eispiel]: Wo hat uns Gott seinen Willen geoffenbart? Antwort: Gott hat uns seinen Willen geoffenbart in der Vernunft etc. Ich habe nichts über die ganz unbequeme Trennung der provisorischen Seeligkeit nach d[em] Tod und der definitiven nach dem Gericht gesagt. Es läßt sich hieran nichts ändern. Wir haben die Vorstellung der Urchristen halb und doch nicht ganz aufge[ge]ben. Dort ist alles consequent und richtig. Der Geist ist ohne Körper keiner Thätigkeit und keines Genusses fähig. Er kehrt in den Hades — Hölle — zurück und vereinigt sich in der Auferstehung wieder mit dem Körper zu neuem Wirken. Aber wir dürfen den Hades nicht mehr in den Catechism. aufnehmen und dürfen doch auch die Auferstehung und das Gericht nicht weglassen.

Du hältst eine Aenderung des Eingangs ebenfalls für räthlich. Ließe sich nicht mit der Religion geradezu anfangen, die ia doch der Gegenstand und Innhalt des ganzen Werkes ist? Also: a Begrif der Rel[igion], b ihre Quellen, c Unterschied der äußern und Innern (Religiosität), d Wichtigkeit und Segen α der äußern, objektiven oder der Lehre, β der innern. Es würde dies freilich noch manche Aenderung auf dem ersten Bogen des M[anu] sc[ri]pts nöthig machen, aber ich glaube zum Vortheil. Denn gerade hier scheinen mir die meisten Widerholungen zu sein. Nach der Einleitung müßte iedoch die Lehre von der h. Schrift als der Hauptquelle in einem eigenen Abschnitt behandelt werden. Herders Frage: Was ist Catechismus? scheint mir iezt so unzweckmäßig, als wenn einer, der ein Compendium schreibt, zuerst mit seinen Lesern ausmitteln wollte, was ein Compendium sey. Beides sind ia nur Formen, die dem Leser oder Lehrling vor Augen gelegt werden.

Ohne Zweifel wird der Ausdruck Religion schon auf dem Titelblatt genannt werden. Z. B. Unterricht über die chr[istliche] Religion in Fragen und Antworten. Dann knüpfte sich die vorgeschlagene Einleitung unmittelbar an den Titel, und die Fr[age], was Catechismus sey, wäre auch beantwortet.

Dreuttels Berufung nach M[annheim] steht noch im weiten Feld. Der G[roß]H[erzog] ließ zum zweitenmal an Medikus in Triest schreiben. Wohl dem, der einmal ist, wo er bleiben kann und bleiben kann, wo er ist. Der Himmel, der über Auggen steht, wölbe sich immer heiterer und schöner für euch Theure, und wenn er eine Wolke bringt, so sey es nur zum Schatten. Ich liebe euch herzlich und bin ewig dein Freund

Parm.              

D. 18. Apr[il 1821].

 

 

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