zurück zur Briefübersicht

 

   

AN FRIEDRICH WILHELM HITZIG

   

D. 13ten Mai 1814      

Schon lange hätt ich dir geschrieben, o Zenoides, wenn ich wieder eine Handhabe
an dich hätte erfassen können, ein weggelaufenes Trum eines Fadens unserer Correspondenz, die einst auf so vielen goldenen Spulen lief, und so fläthig. Wie freundlich bist du, und wie gut, daß du mir wieder einen in die Hand hinunter spinnst, und zwar voll Perlen. Ein Surrogat für das wichtigste, was ich durch diesen langen Stillstand, in der Zeit, wo die Pfeile des Tages flogen und die Pestilenz im Finstern schlich, zu entbehren schien, ohne welches auch der Stillstand nicht so lange hätte beharren mögen, gewährte mir von Zeit zu Zeit KR. Sander durch Nachricht, daß du gesund seist, und die Zeitung. Ey, wie freut es mich an, daß meine liebe fromme Freundinn eine vornehme Ordensdame geworden ist, eine Hospitaliterinn, eine Teutschherrinn, eine Tempelfrau, und daß sie einen welthistorischen Namen bekommen hat, und tröstet mich ihr Name und ihre Gaben in meinen Leiden um meine Heimath, wenn ich lese, daß noch iemand im Wiesenthal ein entbehrliches Stücklein Tuch oder ein Büeßlein zu verschenken hat, und Liebe und Mitleiden. Möge die lezte zurückschlagende Welle der großen verheerenden Völkerfluth noch fridlich und schnell über euch weggehen, ich will nicht einmal sagen über uns, obgleich bereits hier 50,000 angesagt sind. Sie wirds, und ich umfasse schon mit neuer potenzirter Liebe euch und alle Geretteten und Getrösteten, die in meinem Herzen eingepfarrt sind, wie Wiedergelandete aus einer Sündfluth, wie Zurückgekommene aus dem Schutt von Goldau oder aus dem Bauch des Gletschers von Grindelwald. Du hast mich durch deine heitern Ansichten von der Zeit und ihrer Zukunft wieder ein wenig aus der Indolenz, in die ich mich aus Mißmuth künstlich eingehüllt hatte, heraus galvanisirt. Es sind ein par Frühlingsstralen in meinen politischen Igelsschlaf hineingefallen. Aber ich weiß nicht. Ringer hättest du ein Steinlein in den Pilatussee geworfen, und den schlafenden Landvogt geweckt. Ists permittirt, wenn Europa mit zusamengerafter lezter Kraft seine bluttriefende, voll gefressene zu aller Rache reif gewordene Feindinn besiegt, um die Lorbern und Früchte des Sieges, und sich, zu den Füssen der Besiegten niederlegen zu können, und ihr die schönsten Triumphe zu bereiten, die sie ie noch gehabt haben. Müssen wir nicht mit Wehmuth hinüberschaun, und wünschen, daß der Freund Feindesgnade an uns hätte beweisen mögen, und noch möchte", wenn er wieder kömmt? Ist um Warheit und Freiheit, um Recht, um Rache um Ehre gekämpft worden, oder war es eine große Schach-Parthie? Womit hat sich dieser Krieg als den heiligen, wofür ihn eine Parthie ausgab, charakterisirt? Mit dem deutschen Nachtmal, das in Sodom gehalten worden? O Zenoides erkennt dein erleuchtetes Auge nicht, daß ein großes Trauerspiel aufgehört (wenn anders aufgehört) hat, und eine Posse an seine Stelle getretten ist. Warlich du hast meinen Schmerz geahnet und mich nur trösten wollen, und es ist dir nicht gelungen. Aber basta! der Landvogt ist noch gar nicht aufgestanden, er hat sich nur umgedreht, und schläft iezt wieder auf der andern Seite.

Mir ist es unterdessen gut gegangen. Man lebt hier so rosig daß man sich schämen muß in dieser Insula fortunata mitten in dem Meere von Thränen und Ungemach. Seit langer Zeit machte mir ein eingefressener Rheumatism im linken Bein viel lästigen Zeitvertreib. Ich trag ihn nach Baden. Wie wenn du auch dahin kämest, wenn die Kayserinn und Europa und Asia dort ist? Man macht mich glauben, daß ich die Direktion des L[yzeums] und der Professur verlieren und ein Canzleiherr werden soll. Bone Deus in qua nos reservasti tempora. Viele droben glauben, es sey schon. Sag doch einmal meinem Bruder dem Poet Günther in Hasel etwas beruhigendes in meinem Namen. Er schickt mir seine Poesien, und will meinen Rath, meine Gevatterschaft. Sag ihm ich sey gestorben, oder wegen unnützen Reden nach Paris abgeführt. Die bösen Gerüchte wegen Abtrettung werden von Paris aus fortdauernd widersprochen. Ich besorge übrigens, der Friede werde Deutschland nicht sehr aufhelfen. Gott zum seligen Gruß,
o ihr Lieben! Herzl. Dein

deus       

Ich werde die Professur behalten — Ziegel streichen und Stroh sammeln. Ober die Abtrettung des O.[ber] L.[andes] hat man neue Besorgnisse und neue Hoffnungen. Eigentlich zu sagen weiß man nichts. Helf Gott in Gnade.                                H.

 

 

  zurück zur Briefübersicht

Trum: Stück.
fläthig: flink.
eine vornehme Ordensdame: Am 28. Januar 1814
hatte Großherzogin Stephanie Badens Frauen
aufgerufen, durch Sammlungen zur Linderung
der Kriegsnöte beizutragen. Im Dekanat Schopfheim
hatte sich Hitzigs Frau an die Spitze der karitativen

Bewegung gestellt.
Büesslein: kleine Silbermünze.
ringer: mit weniger Mühe, leichter.
Pilatussee: kleiner See im Pilatusmassiv, in dem der
 Sage nach Pontius Pilatus den Tod gesucht haben soll.
die Kayserinn von Europa und Asia: Elisabeth Alexeiewna,
geb. Prinzessin von Baden, Gattin des Kaisers
Alexander von Ru
ßland.
Bone Deus...: Guter Gott, was für Zeiten hast du
uns erleben lassen.

nach oben