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AN FRIEDRICH WILHELM HITZIG

   

[30. Januar 1813]         

Nun ist es keine Zudringlichkeit mehr, o Zenoides, wenn ich alsgemach mich wie ein Blutigel mit vierhundert Saugspitzen an dich ansetze, und dich fast zu tod frage. Ist die Nabelschnur, die zerrissene, mit der du an das theure Rötteln angewachsen warst geheilt? Oder abgesehen von dieser Wunde, wenn sie noch bisweilen zuckt und nachblutet, wie gefällt es euch allmählig in Schopfheim, und legt sich nach und nach die neue Umgebung warm und lind an euch an, wie ein Federbett, wenn man ruhig drinn ligen bleibt, und nicht unaufhörlich strampft, weil man lieber in einem andern läge, das seine Duhle schon hat. In welchem Zimmer wohnt ihr in welchem schlaft ihr zu theuerst? In welchem studirst du, und schreibst du, wills Gott, viel Briefe an mich, umgeben von deinen tausend schönen Siebensachen und dem heiligen Proteus, dessen Heiligthümer du nun nach Sch.[opfheim] getragen hast, wie die Rhodiser nach Maltha? Seid ihr und die Kinder gesund? Nimmt dich die Canzel und die Kirche gut an, und dein Wort die Gemeine? Um die Befreundung deines Herzens mit der Gegend will ich dich noch nicht fragen, biß die Bächlein wieder rinnen und die Schmalzblümlein ersprießen und in der lauen Frühlingsluft die Storchen durchs Thal ziehen. Die Natur gibt eine billige Ausgleichung. Um was die Bergumgebung im Sommer interessanter ist, ist sie im Winter unfreundlicher.

Wenn der Ueberlauf der hiesigen Winterbelustigung nach dem Wiesenthal flöße, ich glaube, ihr würdet alle toll. Wir sinds. Lezten Sonntag Theater, Montag Redoute im Comödienhaus und Ball beim Franz. Gesandten. Dienstag Comödie. Mittwoch Ball im badischen Hof. Donnerstag Grundlegung des neuen Museums und Schmaus im Alten von 110 Gedecken, Freitag Theater, Ball beim baierischen Gesandten und im Museum. Ich elender Mensch, wer will mich erlösen von dem Leibe dieses Todes. Daneben sind alle Gassen voll trauriger Rekruten, alle Häuser voll Hinquartirungen, und so viele Herzen voll Trauer und Ungewisser Erwartungen.

Der Hoforganist Haag, Bruder des hiesigen Schullehrers und der Nachtigall in Basel meldet sich um Steinen, und wünscht von mir eine Empfehlung an dich. Es thut mir wohl, daß ich durch dich wichtig werde, und dafür angesehen bin, wenigstens durch meine Freunde etwas zu vermögen. Ich kann ihm keine bessere Empfehlung geben, als daß er mit Schneider von Steinen dem ich bereits ein Zeugniß ausgestellt habe in einem günstigen Decret vom 3ten May 1811 miteinbegriffen und genannt ist. Schneider scheint zwar seit iener Zeit mehr Applikation bewiesen zu haben, soll aber, was du wissen mußt, keine Hoffnung haben, und Haag ist wenigstens Ursache, nicht daß ich dir schreibe, aber daß ich dir früher schreibe, als es vielleicht ohne ihn geschehen wäre.

Was treibt denn der Witlinger, von dem ich seit seiner Abreise keinen Sylbenlaut vernommen habe. Er weiß, daß ich an seinem Wohl und seiner Zufriedenheit mit seiner Welt und mit sich Antheil nehme, und läßt mich nichts davon erfahren. Ists recht? Aber wer kann dem Oberländer leichter verzeihen als ich, wenn ihm das U[nter] L[and] frühe in den Schatten zurücktritt.

Ich lege dir die Innschrift in den Grundstein des Museums (von Sander) bei. Seine Rede wird wohl nicht gedrukt werden. Der Bau wird auf 70,000 Gld. kommen, während der Feind schon in Berlin stehen soll.

Lust und Wonne bey euch paar' sich!
Spät dein theures Haupt enthaar' sich
Proteus schirme und bewahr' dich!

Herzlich Euer redl. Freund                                                               Hbl.

 

 

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