zurück zur Briefübersicht

 

   

AN FRIEDRICH WILHELM HITZIG

   

1. Juni [1812]        

O wie schön muß es iez bei euch seyn Zenoides, wo es immer so schön ist, und wie ahndungs und koseselig für den auswendigen und innewendigen Menschen in dem schönen einzigen Thal voll Schmelen und Chettenblumen, lustigen Bächlein und Sommervögel, wo es immer duftet wie aus einem unsichtbaren Tempel herausgeweht, und immer tönt, wie lezte Klänge ausgelüttener Festtagsglocken mit beginnenden Präludien mengelirt und verschmolzen, und wo ieder Vogel oberländisch pfeift, und ieder, selbst der schlechteste Spatz ein Pfarrer und heiliger Evangelist ist, und ieder Sommervogel ein gemutztes Chorbüblein, und das Weihwasser träufelt unaufhörlich und glizert an iedem Halm. Da schwelgt ihr Tag für Tag und kennt vor lauter Genuß den Genuß nicht mehr, während dein armer Parmenideus alle Morgen oder Abend nach Beuertheim stoffelt und iedem Baum und iedem Milchweib einen Tritt geben möchte, und noch von den städtischen Gänslein und Gansern hören muß „das ist schön, das ist paradiesisch, da ists göttlich". Nächst dem armen Netoreck in Rüppur ist kein beklagenswertheres Huhn aus dem himmlischen Nest verscheucht worden als ich, und niemand, der euch mehr vermissen und öfter an euch denken kann, als ich, aber ich bilde mir etwas drauf ein, und gelte etwas bey mir, daß ich mich nun bis ins dritte Decennium hinein als Fremdling hier ansehe, und ein heimlich mutierendes und bruttlendes Heimweh in mir herumtragen, und weinen kann, so oft ich den ärmsten Teufel auf der Welt, einen oberländer Rekruten sehe. Doch was helfen diese Jeremiaden?

Deine erkleckliche Subscribentenlese habe ich empfangen mit Dank für deine Verwendung und mit den übrigen eingeschickt. Ihr werdet bey der Heerschau selbst gegen Carlsruhe Stolziren können, noch mehr aber gegen Mannheim, wo zwei aufgestellte Werbofficire, außer sich noch 5 Mann als Contingent gestellt haben, und vornehm die Hofnung machen, daß vielleicht noch mehrere geneigt wären.

Euer Kindlein — und du schreibst mir nicht einmal cuius generis es sey, und weist doch daß ein lateinischer Schulherr keine frühere Frage hat, — sey von dem Freund des Vaters und der Mutter gegrüßt und gesegnet, und von dem Himmel für ein schönes freundliches Daseyn geweiht. Ich beneide alle Kinder, die in dieser schlimmsten Zeit gebohren werden, denn sie haben die Wiederkehr der bessern zu erwarten, bei uns ists umgekehrt gerathen. Denn ein Menschenalter lang kann's nimmer so fort dauern, wenn auch das schöne 1000 iährige Reich, das Jung Stilling schon auf 1816 vorrückt, ausbleiben, und nicht mehr seyn sollte, als was es bereits ist, ein bald 2000 iähriger Traum. Wenns kommen soll, so wärs mir recht auf 16, denn anno 32 besorge ich nicht mehr zu leben, und fürchte, wenn ich einmal tod bin, zur ersten Auferstehung nicht sonderlich geweckt zu werden. —

Ich hab deinen lezten Brief an S[ievert] gelesen. Ich wünsche dem Sp[ezial] in Sch[opfheim] nichts Gutes und nichts Böses, sondern was er selber wünscht, ihm und Allen, von Menschen unser Recht mit Milde, und Barmherzigkeit von Gott ohne Recht. Aber wenn er Sch.[opfheim] verlieren, oder wie er sagt, selber aufgeben sollte, liebe Seele dann darfst du dich nicht entziehen, vor Menschen und mir und deinem Gewissen nicht. Ihm wäre bös succediren? — Wer könnte den Würdigsten besser ersetzen, als du, oder was der Heilloseste verdorben hat besser gut machen, als du. Ich wollte eher sagen, es sey bös, dein Vormann gewesen zu seyn, zumal wenn man sich durch Künste im Credit erhalten hat. Das Kirchspiel ist groß und beschwerlich. Dafür halten wir uns einen Vikarius. Nein der Segen, den du an diesem Plaz und in diesem erweiterten Wirkungskreis verbreiten kannst, darfst du der guten Sache nicht entziehen. Mir wäre einer meiner schönsten Wünsche entzwei gebrochen, wenn nach S.[ievert] eine andere als deine Hand den Bischofsstab einer Diöcese ergriffe, wo für mich die liebsten Punkte auf der Erde sind, und denen ich in Jeder Hinsicht unter allem Guten nur das Beste wünschen kann. Auch gehört mir in den Umfang alles dessen, was mir das Wiesenthal so werth macht daß du darinn bleibst. Besinne dich, und wenn dein frommes Herz an ein göttliches Walten in unsern Schicksalen und in den Schicksalen derer glaubt, mit welchen wir in Amtsverhältnisse kommen, so bedenke, daß diejenigen Lagen und Verhältnisse, die auf solchen Wegen an uns gebracht werden, eher den Charakter von Gottes Werk und Fügung haben, als dieienigen, welche wir uns selber auslesen.

Ich habe dir den hortus botanicus über Weil geschickt, den du vermuthlich erhalten hast. Wer ist denn der Alexander Michel Ein Franzos? in Bourg libre, weiland Singlui! Muß ich so etwas erleben! Was hältst du vom Cartoffelzucker? Die hiesigen Chemiker alles. Gmelin nichts. Doch ich will dich nichts fragen, schreibe mir was du willst, nur oft, und nur viel. Sieh ich sperre dich noch selber in den höchsten Thurm des Schlosses nicht mit Wasser und Brod sondern mit Papir und Dinte, und laß dir die Wahl. Schicke mir wenigstens alte Concepte von dem und ienem, die du nimmer brauchen kannst, nur damit ich bisweilen etwas von deiner Hand sehe. —

Der Himmel lächle heiter in euer Stüblein hinein, wo zwar selber einer ist. Aber eben deswegen. Meine besten Grüße allen deinen Lieben. Von gutem Blut und Herzen

Euer redlicher Fr.    H.           

 

 

  zurück zur Briefübersicht

Schmele: Grashalm.
Chetteblumen: Kettenblume, Löwenzahn.
 Sommervögel: Schmetterlinge.
der arme Netoreck in Rüppur: s. Brief 1811 I.
euer Kindlein: Am 6. März 1812 war Hitzig ein Sohn
Ferdinand Theodor geboren worden.

hortus botanicus: der 1811 erschienene Hortus
Magni Ducis Badarum von K. Chr. Gmelin.

Alexander Michel, Bourg libre, Singlui: wohl eine Polemik
gegen Tendenzen einer Annexion an Frankreich.

Chartoffelzucker: Infolge der über England
 verhängten Kontinentalsperre war Zucker
in Deutschland rar geworden. Man versuchte
deswegen einen Zuckerersatz aus Kartoffelmehl
zu gewinnen, der jedoch nur geringen Anklang fand.

nach oben