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AN FRIEDRICH WILHELM HITZIG

   

[Ende Dezember 1811]        

Nun aber auch gute Nacht, und ein schlechtes Testimonium auf die Wanderschaft dem liederlichen Jahr, dem alten, das zwar so viel süße Trauben, aber so wenig freundliche Briefe zur Reife brachte, und immer die schönen Blüthen und Knöpfe und angesetzte Früchtlein abfallen ließ im kalten Nebel der Geschäfte und im Mehltau der Liederlichkeit, und das boshaft in die kurze Zeit meines Weilens bey euch euern geschäftreichen Herbst und seine Regentage stellte, und mich ohne deinen Abschiedskuß und ohne deinen Brudersegen wieder fortschickte, o Zenoides, und iez selber den Bündel machen muß, wo nichts mehr drinn ist, als Treber und Aepfelbutzen, ausgerupfte Sauborsten, ausgepreßte Citronen, Hünerfedern, Tabacksasche, zerbrochene Porcellanscherben, Eierschalen, Bohnenfäden, rasirte Bärte, abgeschnittene Nägel und 20,000 Centner Makulatur, unter anderem so Gott will des Pf. Conrads Predigt.

Jez darfst du wieder ein wenig ausschnaufen Zenoides von den Preioden, und den Taback nach drucken mit dem Zeigfinger. Brenn di nit! Ein anderes Werk auf dem entgegengesetzten Pol, dem positiven, wie wohl man sagen kann die Predigt steh im Indiferenzpunkt, und beide nicht im nemlichcn Jahr, noch minder im nemlichen Brief nennen sollte, wenn man nicht eben auch und mit Fleiß nach verbranntem Hörn, Haar oder glumsenden Lichtputzen süßes Rauchwerk anzündete und mit weit geöffneter Nase tränke, ist Ittners Obelisken Schrift: Piae memorie C. Fridr. Magni Badarum Ducis. die du durch Hr. v. Ittner in F. kennen wirst, oder kennen lernen und lesen, wo nicht auswendig lernen, wo nicht unter dem Haselnußbaum aufrichten must. Und so einen Mann macht man zum Kreisdirektor, und nicht wenigstens zu unserem. Ich weiß nicht ob ich etwas so klassisches aus neuer Zeit gelesen habe —, an quid-quam post antiquitatem antiquius.

Die Feyertage vergiengen hier unter täglich wechselnden Cele-brationen des Stephanienfestes, die du aus den Zeitungen kennst. Am Christabend, als dem Vorabend wurde zum ersten mal das Geläut des neuen katholischen Kirchthurms hier angestimmt und losgelassen, das ich 22 Jahre vorher in St. Blasien gehört hatte, und das mir in seinen dumpfen und hellen Tönen unaufhörlich die Furcht und Hoffnung schwangere Sentenz läutete: „Was kann in zwey Dezennien sich ändern. Wie wirds in den nächsten 22 Jahren aussehen?" Doch Jung datirt ia iezt den Anfang des seligen Jahrtausend schon auf 1816. Dann hören wir nur noch das Silbergeläute des Neuen Jerusalems auf seinem sapphirenen Kirchthurm das über alle Lande ertönt, und die Todten die in dem Herrn sterben hörens auch, und es muß ein festliches Auferstehungsgewimmel anzusehen seyn von Rötteln herab durch das Wiesenthal, und ein schönes Einklingen der Morgengesänge in die Harmonika der Glocken anzuhören, ein süßes: Gloria sey dir gesungen. Zürne mir nicht über den frommen und heiligen Seher in deinem Unglauben. Eigentlich hören wir alle schon lang läuten und wissen nicht wo, und lesen das Mene, Teckel. Peres am Himmel, an allen Wänden, in allen Zeitungen und könnens nicht deuten.

Der Maskenball am Stephansabend selbst war sehr reich und glänzend. Aber die Idee dazu vielleicht nicht ganz glücklich, und für ieden der nicht zum Voraus wußte, was es seyn soll, ebenfalls ein Mene Tekel, das heißt etwas unverständliches. Die Oper soll sehr gut exequirt worden seyn. In der Redute erschien die Großherzoginn selb 8 in den verschiedenen Oberländer, Breisgauer und schwarzwälder Trachten, als Marggräver Maidli eine Fräulein v. Menzingen, Schwester meiner zwei Hurlibause. Die G. H. schien es darauf anzulegen dem Publikum eine Freude und einen Dank für die Theilnahme damit zu geben. Aber das Publ. war hinwieder artig, und wich dem Dank aus. Hof und Adel abgerechnet war fast niemand da. Die Carlsruher scheinen ehrlich zu sein, sie vermummen sich nicht, sie zeigen sich, wie sie sind.

O Philistaea!

Obige zwey Schönpflästerchen meines Briefes *), oder totale Mondesfinsternissen waren schon da als ich das Blatt umwendete und bedeuten nichts, i. e. den Zipsiheben. Ich habe sie nur nachher mit kleiner verzierender Nachhülfe zu Cometen umgeschaffen.

Was für ein Desegelisgeinet ist in den guten Meichelt gefahren, daß er sich so beurkundet. Am ganzen Tableau ist nichts für mich erquicklich als das Fenster der Pfarrstube, wo ich magisch hineinschaue und euch liebe Seelen in euerm freundlichen Hauswesen und Hauskirchlein beobachte, ein Guckkastenloch in schöne Idyllen. Ich schicke dir den Hortus Magni Ducis Carlsruhanus v. Gmelin. Kaufe ihn also nicht. — Springe froh in's Neue Jahr hinüber. Oder schlaft sanft hinüber, und träumt schön, und euere schönsten Träume erfülle euch der Himmel. Gute Nacht liebe Herzen.

J. P. H.                   

 

 

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*) Zwei Tintenkleckse

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