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AN FRIEDRICH WILHELM HITZIG

   

d. 6ten Apr. [1809]*         

Da taucht auf einmal aus der Geschäfte Fluthen ein zweiter Jonas herauf mit triefenden Haaren und geschundenen Gliedmaßen, und schnappt nach Luft und nach Rötteln, ach nach den coseseligen BlüthenHainen, wo die Altäre des Proteus und der Freundschaft stehn. Gruß und Freude dir und euch Lieben allen in euern lachenden Frühling hinein, und viel Augen zum Sehn, und viel Ohr für die neuen Töne, und ein stilles heiteres Herz, in dem sich der blaue Himmel und die blüthenreiche Erde spiegle! Wenn sichs nur reimte, lieber Zenoides so könnte ich wohl mit Göcking sagen

Verdammte Versemacherey
was hast du angerichtet,
mir dieses Jahres schönen Merz
zum Guguk hingedichtet.

Doch Maklotts Setzer rühmte ia vor zwey Jahren im Taschenbuch für schöne Geister des schönen Geschlechts, daß sich die Deutschen von ieher in der ruhmlosen, (Druckfehler statt reimlosen) Dichtung ausgezeichnet haben. Und in einer Cantate auf die Vermählung des ietzigen K. von Bayern kommt der Vers vor:

weil ich denn nun gar nichts habe
was ich, euch sonst bieten kann,
seht ich, bin ein hübscher Junge
nehmt mich zum Rekruten an.

Gerade diese Cantate war es, nach welcher ich, als eben der Netoreck Gayler vorüber zog, zu der darauf gesetzten Musik eine neue Cantate für die Einweihung des neuen Lesegesellschaftshauses verfertigen mußte. Das war ein Stück Arbeit, o Zenoides, Zeile für Zeile, und oft Sylbe für Sylbe (z. B. in den Repetitionen und Duetten) den Text der Musik anzupassen, hier kein i, dort kein u oder dergleichen Diphtonge einzuschwärzen, knall und fall aufzuhören, wo die Noten einer Arie zu Ende sind, oder mit einem J. Paulischen Streckvers fortzufahren, wenn noch eine Feuerleiter voll da steht, ist [so] zu sagen, als wenn man zu einem Pärlein Hosen, eng oder weit, kurz oder lang, das Büblein zeugen müßte, dem sie anpassen sollen, statt ihm die Höslein anzumessen, wenn es da ist und sie tragen kann. Aber wozu das? Zur Versöhnung, daß ich dem Afternetoreck kein Blatt in den Schnabel gesteckt habe, weil die Wasser noch nicht abgelaufen waren. Die Lesegesellschaft obgeschehenen Einflechtens hat sich revolutionirt, und wie Frankreich zu einem Kayserthum sich zu einem Museum, oder was noch für ein Name wird erfunden werden, erhoben. Ich wüste es wohl Proteum zu nennen, wenn du dabey wärst, so aber ist es nur ein Milonium. Die Einrichtung kostet bereits 2000fl. ebenso viel beträgt der iährliche Hauszins für ein neues 4 stöckiges Eckhaus auf dem neuen Marktplatz.

So geigt der Vetter Thubal, Ada aber und Zilla tanzen, während überall eine andere Fluth nicht andringt, sondern ablauft und versochert, nemlich die Geldfluth. — Für das baslische Gutachten (nach dem Faktum) meinen Dank. Es macht dem alten Antistes Ehre. Dir wird es ein Tröpflein Balsam gewesen seyn auf das Haupt. Ich gestehe, daß ich von der schwarzen Frau im Jung nie viel mehr gefürchtet habe, als von der weißen im Schloß. Ich sah seine Geister, wie den lezten Zug Schneegänse an, wenn sie heimkehren im Frühiahr. Eben so viele derer, die noch im Schwanken waren, hat er geheilt, als kränker gemacht. Die zwey schärfsten Nägel zu seiner Kreuzigung aber müßen ihm die zwey Verdammungsurtheile des frommen Standes Basel und des orthodoxen Ministeriums in Würtemberg gewesen seyn. Es war eine Zeit, wo er sich herausziehn, und sagen konnte: Habt ihr denn nicht gemerkt, daß ich den Geisterglauben lächerlich machen, und der Hydra den letzten Hals brechen wollte. Aber geehrt sey er für den Heldenmuth, der lieber gegeiselt und verspottet und mit Fäusten geschlagen, und gekreuziget werden will, eh' er der Warheit (sey es auch nur der seinigen) untreu werden kann. Ein anderes Kind des Lichtes, oder ein Kind anderes Lichtes ist Ewald, den wir zu tief herabgesezt haben, weil er nicht so hoch stand als wir ihn im Schein der Ferne dachten. Man muß ihm gut seyn, wenn man billig ist, aber man muß eine Zeit lang mit umgegangen seyn, und ihn beobachtet haben, bis man den Mittelpunkt findet, wo alle Dissonanzen sich in eine ganz Hebens würdige Harmonie vereinigen. Er will kein Felsenmann, kein Schwärmer, kein Herrenhuther, kein Märtyrer seyn, und Spec. Kray ist ganz letz mit ihm dran. Wie man von dem großen Umfang eines Instruments spricht, das vom tiefsten Baß bis zum reinsten und höchsten Diskant ieder Betastung anspricht, so ist er ein Instrument der Sinnlichkeit im höchsten Umfang mit einem sehr moralischen Resonanzboden. Er verzehrt eine Gansleber Pastete zu viel Burgunder mit der nemlichen Innigkeit und Liebe und Warheit, mit der er auf das selige Reich Gottes wartet, ein durchschaulicher Mensch ohne Falsch und Mißtrauen, dem heiterer Umgang und Freundschaft überal Bedürfniß ist, er geizt darnach und kargt damit, ein Kind an Unbefangenheit, an Leichtsinn, an Rechthaben und Nachgeben, an Glauben und Hingeben, und Eß-Lust. Ich muß ihn dir so in den Fokus stellen, um eine Ungerechtigkeit an ihm gut zu machen, denn du weist, was ich dir von ihm geschrieben habe, als Vermuthung, eh' ich ihn so kannte, wie ich ihn wenigstens iezt kenne.

Wenn die theol. Gesellschaft noch bestünde so hätte ich ihr dismal einen Aufsatz über den Polytheismus geschrieben. Ich gestehe dir — denn eine Beicht unter Freunden ist so heilig, als die am Altar, daß er mir immer mehr einleuchtet, und nur die Gefangenschaft, oder Vormundschaft, in welcher uns der angetaufte und anerzogene und angepredigte Glauben behält, hinderte mich bisher den seligen Göttern Kirchlein zu bauen. Unser dermaliger philosophischer Gott steht, fürchte ich, auf einem schwachen Grund, nemlich auf einem Paragraphen, und seine Verehrer sind vielleicht die thörichtesten Götzendiener, denn sie beten eine Definition an, und zwar eine selbstgemachte. Ihr Gott bleibt ewig ein Abstraktum und wird nie concret. — Als man zur Zeit der Bibel nur ein paar Cubikklafter vom Weltall kannte, war es keine Kunst sich mit Einem Gotte zu begnügen, und ihn menschlich zu lieben, weil man ihn menschlich denken konnte. Und doch konnte selbst der sanktionirte Monotheism. nur mit Zwang und nie mit Glück den Götterglauben und die Anbetung derer, die uns näher sind, als der einzige, ewige unerfaßbare über den Sternen entfernt halten. Ich möchte mich gerne mit einem oder einigen Göttern dieser Erde begnügen, die um uns sind, die uns lieben und beobachten, die unsre Blüthenknospen aufthun, unsre Trauben reifen, denen wir trauen können, und die sich lediglich nichts darum zu bekümmern haben, wer für die andern Sterne sorgt, so wenig als wir. Sie sollen nicht allmächtig, nicht allweise nur mächtig und weise genug für uns seyn, nicht souverain, sondern untergeordnet einem noch mächtigeren und weisern, um den sie, nicht wir uns zu bekümmern haben. Sie sind vielleicht schon so oft erschienen, den Juden und Griechen, beiden in der Gestalt und Form in der sie ihnen erfaßbar waren, dort Engel, hier Dämonen; sie würden vielleicht auch uns noch eben so wie ienen wahrnehmbar seyn, wenn wir nicht durch den Unglauben an sie die Empfänglichkeit ihrer Warnehmung verlohren hätten. Das Organ dazu ist in uns zerstört. Wir haben ihnen keine einzige Form mehr übrig gelassen, in der sie uns erschaubar werden könnten. Doch davon einmal mündlich. Einsweilen verrathe mich dem Stand Basel nicht, wie wohl ich nicht neben Stilling zu stehen hoffe.

Nun noch neues von hier. Unser Theater ist herzlich schlecht. Vielleicht kennst du die Critiken darüber aus der Bundeszeitung. Unsere Truppen, die bisher in Pforzheim lagen, sind vor einigen Tagen aufgebrochen. Ihre Bestimmung ist, wie man sagt, nach Günzburg. Der hiesigen Stadtkirchenbau, der einsweilen erst auf 2 Seiten von den Fundamenten herauf dem Boden gleich ist, sollte ganz für dieses Jahr eingestellt werden. Iezt hat aber die Gemeinde mit Genehmigung und Caution des Staates einen Vorschuß von 20 000 fl. für dieses Jahr zusammengebracht, und ich habe iezt ein Examen mit einem künftigen Studenten.

Laß mich nichts entgelten, daß ich dir so selten schreiben kann. Das Andenken an euch und euere Liebe greift mir dafür erheiternd und tröstend in meine geschäftreichen Stunden.

H.               

 

 

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* Jahreszahl nicht von Hebels Hand,
es könnte lt. Hitzigs Nachlass auch 1808 heißen oder gemeint sein.

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