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AN FRIEDRICH WILHELM HITZIG

   

Lieber Zenoides!                                                                [27. Oktober 1809]

24 Tage hindurch, so lange Mad. Hendel hier war, schwelgte ich dismal in einem Genuß, der mir vor einem Jahr schon minutenweise unbezahlbar war. Sie gab dismal ihre mimischen Darstellungen öffentlich, dann die Jungfr. v. Orleans, Medea, die Grävinn Orsina in Emilia G[alotti], die Phädra zweymal,.  und am Montag ein Deklamatorium. Ihr Umgang aber ist eine immerwährende Sitzung der Akademie d. Künste, der goldenen Lebensweisheit, und des Frohsinns.

Der Montag war nicht nur mein, sondern des ganzen Oberlandes Ehrentag. Sie hatte schon während ihres Hierseyns fast alle Tage die all. Gedichte mit mir gelesen. Die gramatikalische Aussprache lernte sie anfänglich schwer, weil sie immer andere Dialeckte einmischte und immer mit dem Sinn davon flog. Die höhere, charaktermahlende fand sie sobald iene Schwierigkeit besigt war, durch ihren Takt und die Gesetze ihrer Kunst selber und stellte den Charakter der Oberländer, wenn sie nicht luxurirte, oft zum Staunen treu und treffend dar. Unter den Stücken, die sie deklamiren wollte stand von den all. Gedichten nur Hans und Verene auf dem Zeddel. Sie trug es in Gegenwart des Hofes und Adels, des F[ürsten] von Thurn und Taxis mehrerer Fremden, die wegen dem Kayser hier waren und mehr als 600 Personen verschiedener Stände unter beständiger Begleitung des allgemeinen Beyfalls vor, der am Ende in ein so lautes und langes Klatschen ausbrach, daß sie hoffen konnte dem Publikum mit einer Repetition gefällig zu seyn, und fieng von neuem an: Es gfallt mer nummen eini. — Aber als iezt nach dem Zeddel eine Scene aus Makbeth folgen sollte, hielt sie einige Sekunden still, schaute mich (ich saß im Parquett in den vordersten Reihen) eine Weile lächelnd an, als die eine Spitzbüberey im Sinn hat, und begann mir selbst überraschend „z'Fryburg in der Stadt" etc. Auch dis vortreflich, und fast mit noch größerem Beifall, weil es unerwartet war. Aber nun denke dir ein Weib, das im stolzen königlichen Bewußtseyn alles thun zu dürfen, was es will, auch wirklich alles thut, was sie will —
in der Stelle

Minen Auge gfallt — —
gel, de meinsch, i sag der Wer.

dreht sie sich nach mir, lächelt nach mir, sagt

es isch kei Sie, es isch en Er

und deutet auf mich. — Eine Schauspielerinn auf dem Theater, und ein Kirchenrath im Parquett!!! Hätte nicht das Publikum, wenn es auch nur einige Achtung für meine Person und mein Amt hat, iede andere mit dem Zeichen der Indignation auf der Stelle bestrafen müssen. Nichts! Das Klatschen dauerte so lang und laut daß sie den Schluß Vers nicht mehr anbringen konnte, und statt für den Beyfall stumm zu danken, that sie es laut, und sagte, daß sie dieses Glück (ich will aus Bescheidenheit nicht alles nachschreiben, aber das schönste) ihrem Freund Hebel zu verdanken habe, durch dessen Gegenwart sie begeistert sey. Meine Fassung kann ich nicht begreifen, wenn sie nicht selbe durch geheime Künste auf mich wirkte. Während alle Logen und Gallerien auf mich schauten, schaute ich auf sie, und nickte ihr einen leichten anständigen Dank. In solchen Abentheuern treibt man sich herum. Nach dem Akt holte ich sie in den Culissen zu einer großen Abendgesellschaft ab. Denn obgleich ieden Augenblick der Kayser erwartet wurde, wollten doch alle Eingeladenen lieber bey der gepriesenen Künstlerinn seyn, als die Ankunft des Helden sehn. In diesem Saal hielt ich eine Balkonsthüre (ohne Balkon) für ein Fenster, weil sie zum Behuf der Illumination eine leicht eingeschobene Blendung hatte, lehnte mich, wiewohl schon einmal gewarnt, um die Pfeife auszublasen an die trügliche Brustwehr. In einem Nu lag Brustwehr Lampen und Licht zerschmettert unten auf der Gasse, und ich, ich weiß nicht durch welch Wunder noch mit der schwereren Hälfte des Körpers im Zimmer obgleich der Kopf, der weit in der Luft und Nacht drausen schwebte, um 12 Uhr auch nicht mehr leicht war. In 4 Wochen kommt M. Hendel noch einmal auf 14. Tage um hier die Kayserinn Kunigunde v. Werner, ein neues Stück, das noch nirgends aufgeführt und noch nicht gedruckt ist, zum erstenmal zu geben. Werner hat die Rolle der Kayserinn für sie gedichtet, und die Ausgabe bekommt ihr Portrait.

Daß der Kayser nicht kam, weißt du, warum, weiß ich so wenig als du. Man gibt so widersprechende Ursachen davon an, daß alle im Unwerth bloßer Erfindungen dastehen.

Sicherer ist's, daß iezt die neue Organisation losbricht. Ein Beweis daß man iezt weiß, wie man dran ist. Reitzenstein ist Cabinetsminister, Marschall Conferenzminister, Banquier von Türkheim in Straßburg Finanzminister (alles gut), das Land wird in 11 Präfekturen getheilt.

Iez, bhüetich Gott der Her
en anderi Cheeri mehr!

H.           

Nach. Heute, Freitags, halten wir die verunglückte Illumination des Cirkels für uns, wie man einen Braten, wenn der Gast nicht gekommen ist, den andern Tag selber frißt.

 

 

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Abendgesellschaft: im Hause des Hofarztes Karl August Seubert, Kayserinn Kunigunde: „Kunegunde die Heilige, Römisch-Deutsche Kaiserin", ein romantisches Schauspiel von Zacharias Werner.
Die geplante Aufführung kam nicht zustande.

daß der Kayser nicht kam: In Karlsruhe hatte man
Napoleon erwartet und den Schloßplatz entsprechend
ausgeschmückt. Der Kaiser umging jedoch die badische
Residenz und kehrte am 24. Oktober im Rastatter Schlosse ein.

 

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