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AN FRIEDRICH WILHELM HITZIG

   

[30. November 1807]         

Ich will es nicht eigensinnig für eine löbliche Tugend ausgeben, o Zenoides, wenn Andere es für eine unlöbliche halten wollen, daß ich, wo neben andern Geschäften auch viel zu schreiben im Rückstand ist, gern an die besten Freunde zulezt schreibe. Doch verrathet es erstlich gutes Zutrauen zur Geduld und Nachsicht des Freundes, zweitens Verstand von Seiten des Schreibenden, welches demnach ich selber wäre, weil ich begreife, daß sich gewisse Briefen zu ieder Stunde schreiben lassen, gemüthliche aber nur zu einer guten, die unter dem Arm keine Schulschematismen, Calender, Extractus, Protocolli, und lang verspätete Anfragen, Zumuthungen und Mahnungen von guten und schlechten Freunden hat. Nimm es so mein Bester, daß ich biß zum uneins lezten Tag des Jahres gewartet habe, ehe ich dir sage, wie wohl mir bey Euch war wie glücklich mich Euere Liebe macht, und wie schön, wie schön unsere Heimath ist. O daß ich immer in Euerer freundlichen Nähe leben könnte. Ich dachte daran mit dem Schwerdt des Glaubens einen Hieb in die Bande zu thun, die mich hier an- und eingewettet haben, und mich um Grenzach zu melden. Aber es war doch nur eine Täuschung, mit der ich mich selber geäfft und gesalbt habe, um weniger den Abstich zwischen droben und hier zu fühlen und mich wieder nach und nach daran zu gewöhnen. Noch eine ganze Woche dauerten, wegen Zufall, die Ferien fort als ich wieder hier war. Wars Wunder, daß ich mich an einen solchen fliehenden Sommerfaden hängte, um an ihm wieder hinauf zu schweben.

Noch sind hier unsere neuen Verhältnisse und Geschäfte nicht angegangen aber zum Theil wenigstens bestimmt. Ich bekomme Herodot, den ich liebe, Theokrit, auf den ich mich freue, den Plutarch, den der Teufel hole, Ovids Metamorphosen und den lateinischen Stil, behalte das Hebräische und die Rethorik, dann noch Xenophon und Anakreon in Prima und Nat. Gesch.[ichte] an der Realschule, zusamen 18 Stunden, die ich aber durch eine feine Operation auf 15 herabzusetzen weiß. Ich erarbeite mir damit in 22 Wochen drei schöne, die ich im Frühiahr wieder droben zubringen werde, eine selige Umarmung bey Euch, und einen frischen Morgenblick in den thauigen glänzenden Osten des Thals, du aber belebest unterdessen oft meine Vorempfindungen dazu, mit freundlichen Briefen und süßem Geschwätz, sagst deiner frommen Daube, wie gut ich ihr sey, erhältst bey deinem traulichen zutäppischen Mädchen den Margrov im guten Andenken, küssest mir oft den fröhlichen Pathen, und so im Frühiahr die Mucken aus dem Winterschlaf hervorgrablen, so füttere sie gut, damit ich nichts vermisse, was ins Haus gehört. Unterdessen schwebe sanft hinüber an der Hand der freundlichen Zeit in das neue Jahr des Proteus, und feire coseselig das innstehende heilige Fest des Glaubens. Ich werde an demselben bey einem einsamen Pünschlein eure gedenken.

J. P. Parm.            

 

 

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