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AN FRIEDRICH WILHELM HITZIG

   

D. 10ten Abrillen [1807]      

Ich hätte, o Zenoides, ein par frohe Tage in Straßburg und einen sehr interessanten halben auf dem künstlichen Belchen daselbst zugebracht, wenn es mir nicht zu oft und zu schwer eingefallen wäre, daß es die nemlichen Tage seyen, die ich nach meinem Plan an einem andern Ort, wo es auch nicht bitter ist, nemlich in der Nähe des natürlichen Neuenweger Münsterthurms, das heißt bey euch lieben Landsleuten, Gevattern und Freunden hatte zubringen wollen. Ich wollte nemlich straks nach dem Examen auf meinem Freudenschimmel nach Straßb[urg] reiten und von dort das Elsas hinein und über die Basler Bruck retour nach Weil und Rötteln traben. Weniger hielt mich davon ein Krampfhusten ab, den ich schon im Winter unversehrt nach Freyburg und zurückgetragen habe, als vielmehr ein heftiges Zahnweh, das sich nach der Carwoche mit einem Geschwür endigte. Wo soll ich dich nun suchen, wenn wieder ein rosenfarbener Feriencyclus anbricht. Traurig ist mir der Gedanke, daß es vielleicht nicht mehr in R[ötteln] geschehen soll. Die weite, heitere, schöne Umgebung harmonirt dort so schön zur innern frohen und heiligen Geistesstimmung als Hof um den Tempel der Freundschaft und Freude, und ieder Baum im Wiesenthal, ieder Bach und Tensch, ieder Rebstecken war Zeuge und Vertrauter, wo nicht Erinnerungstafel einer frohen Stunde. Aber, werde Euch nur zu Theil, was Ihr wünschet, und spreche Gott seinen Segen dazu, so wird mir schon ieder Ort, wo ich euch finde, ein zweites Rötteln werden. Meinen Brief v[on] Straßb[urg] wegen Tannenkirch wirst du erhalten haben. Was ich dir schrieb ist Sanders Rath. Allerdings fehlt es nicht an Competenten, auch ältern, mit denen du dich iedoch wohl in die Wagschalen legen darfst. Einige Schwierigkeit wird Hirthes machen, der nun, da das Paedagogium anderst organisirt werden soll, nicht mehr dort bleiben kann. Tannenkirch wird freilich nicht an ihn kommen, aber vielleicht wird man bey dieser Promotion suchen einen annehmlichen Platz für ihn leer zu machen, und es ist mir nicht wahrscheinl[ich], daß er nach Rötteln gehen würde. Vielleicht nähme er Hohenwettersbach an, es wird ungleich, aber immer zwischen 900—1500 fl. geschätzt.

Ewald war in diesen Ferien hier und predigte am Ostermontag in der reformirten Kirche. Ich war nicht mehr hier. Die Kirche soll sehr leer geblieben seyn. Gegraben ist das Fundament der neuen Stadtkirche. Die alte wird die Freude nicht erleben, den Schwesterthurm der Jüngeren zu sehen. Sobald die Glocken von Frauenalb im Reformirten Kirchenthurm werden aufgestellt seyn, wird man sie abbrechen. Man hofft allgemein auf nahen Frieden. Es sprechen dafür Briefe aus Polen. — Die große Räthselakademie hat ihre Wintersitzungen aufgehoben. Die Ferien dauern bis d. 1. Dezember. Nur hie und da fällt noch ein verspätetes Räthsel wie eine Schneeflocke aus einer Abrillen Wolke. Z. E.

Man kauft mich theuer, legt mich dann auf Stroh.
Verliert man mich, so ist man selber froh,
lauft mir nicht nach. In zweifelhafter Wahl
kauft man mich lieber noch einmal.

Hofrath Volz war an Brustbeschwerden sehr krank. Iezt wieder besser. Wird iedoch nicht lange leben. Wer von 9 bis Nachm[ittags] um 2 Uhr auf der Canzlei arbeiten und dann noch vor dem Mittagessen auf dem Heimweg im Vorbeygehen ein Collegium bis
4 Uhr lesen kann und von 5 — 8 Charaden macht, sollte ewig leben — aber eben das tödet.

Ich umarme und küsse euch. Gott lasse es euch wohl gehn.

Herzlich Dein    J. P. Parm.             

 

Wie ich höre, verkauft mich Haas in Basel für 6 Livr. in Gyps. Kaufe ihm doch (aber ia auf meine Rechnung) ein Exemplar für mich ab. Es ist ganz baslerisch, daß er ohne mein Wissen Handel mit mir treibt und daß ich mich selber bey ihm kaufen muß, wenn ich mich haben will, statt daß er mir mit Ehren und ohne Schaden einige Abgüsse hätte zuschicken wollen.

 

 

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