zurück zur Briefübersicht

 

   

AN FRIEDRICH WILHELM HITZIG

   

den 30ten August [1807]     

Sage mir, o theuerster Pränideset, was für ein proteiischer Planet es sey, der dieses Jahr regirt, und die Trauben kocht, und die Dintenfäßer austrocknet? Das meinige hat kaum noch Flüßigkeit, daß ich dich grüßen, und dir sagen kann, daß ich noch lebe, oder eigentlich noch vegetire, und bis zu den drei Männern im feurigen Ofen hinein, und bis in den entsetzlich heißen Schoß des Proteus hinein dich liebe. Ich kenne noch ein einziges Mittel der Erquickung, wenn ich Mittags zwischen 12 und 1 Uhr in den Schloßgarten renne, mich vor ein par ausländische Bäume, in die Sonne stelle, und mir einbilde ich sey ein Afrikaner, in  Senegambia, und dieser Winter sey doch Gottlob ganz erträglich gegen sonst, weil es nicht regne. Ich will, dirs daher nicht verargen, wenn dein Dintengeschirrlein ebenfalls nahe am Eintrocknen ist. Aber schreibe mir doch um Gotteswillen, was ich dem Stöber schreiben soll, der mich entsetzlich bombardirt, oder schicke mir lieber etwas für ihn. Oder hast du es vielleicht ihm unterdessen selber geschickt? Es scheint die elsasser poetische Ader sey schon völlig versiegt, und nun sezt sich dieser durstige Blutsauger an uns. Er nimmt sogar mein Sommerlied aus dem Calender auf und hat mir ein par Räthsel abgeschwäzt. Allemannisches bekommt er nichts. Aber „des Riedligers Tochter" bringt die Iris.

Bald kommt auch unser neuer Calender. Aber er enthält einen erschröcklich albernen Artikel über den Krieg. Er war schon gedruckt eh der Frieden erfolgte. Napoleon hätte mir keinen schlimmem Possen spielen können, als den Frieden von Tilsit.

Bald wird euch für alle Drangsalen der Witterung eine freuden- und traubenreiche Weinlese trösten, ihr gesegneten des Herrn. Mein Herz ist wenigstens dabey, wenn ihr froh und glücklich seid. Hast du nicht Lust zu Emmendingen? Ich will dir, aber aus einem egoistischen Grund nicht zusprechen. Ich möchte lieber Alles was ich liebe, in das Wiesenthal zusammen wünschen können, sollen auch ein par dutzend Milonen auswandern müßen, als zusehen, wie einer nach dem andern es verlaßt. Denn was lauf ich sonst am Ende, wenn ich wieder einmal hinaufkomme noch darinn herum wie in einer abgelaubten Winterlandschaft, wo alles nicht ein sondern ausgeheimset ist. Wenn du und Günttert weg wären, so käme ich vielleicht nie mehr hinauf, was doch auch schad seyn dürfte.

Ist die theol. Gesellsch. ganz maustod? Ich hätte noch ein par Artikel für sie in Bereitschaft ligen gehabt, z. B. „Jehova und sein Profet." die ich nun für ein andermal aufheben will.

Schon wieder ist eines Briefes Abend da, und seine finst're Nacht bricht stark herein. Eure heiße Wangen kühle der Haselbusch oder die Akazie. Meine herzlichsten Grüße an Alles Liebe im Haus.

Dein      Hebel             

 

 

  zurück zur Briefübersicht

Riedligers Tochter: Zuerst in der „Iris" für 1808, dann in
der 5. Auflage der Alemannischen Gedichte, Aarau 1821.
 
Milonen: proteisch für Spießbürger,

 

nach oben