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AN FRIEDRICH WILHELM HITZIG

   

d. 11. Mertz [1807]     

Das muß wahr bleiben o Zenoides, nemlich daß du recht hast, und ich will nichts auf den Denglengeist schieben, sondern Alles auf mir sitzen lassen, in der Hofnung, daß du mit versöhnlicher Freundeshand es selber wieder von mir abnehmen und meine rosinfarbene Sünde in weisse Wolle verwandeln werdest.

Anfangs war ich eigentlich ärgerlich, daß ich auf deinen vorigen Brief voll schöner Wünsche und Hofnungen und lieber Einladung zur Rückkehr in die heimische Nähe,
nicht mit einem freudigen Ja dir antworten könnte. Dann wollte ich die ganze Freyburger Geschichte auswarten, um sie dir melden zu können, und endlich gieng es mir, wie es geht, wenn, zumal neben Geschäften und Zerstreuungen das Verschieben auf den ändern Morgen Tagesordnung wird. Doch Entschuldigungen sind ein schlechter Zins. Also statt dessen die Geschichte.

Freyburg der Ort, die Menschen mit denen ich dort umgieng, die Gegend, gefielen mir außerordentlich. Der Gedanke euch so nahe zu seyn, alle Jahre ein parmal in Wechselgängen uns sehen und haben zu können, ia auf dem Altar zusammen zu kommen, stand immer vorne in meiner Seele und gab bey jeder meiner Geheimraths Sessionen das erste Votum. Aber manches, was ich dir noch vor dem iüngsten Tage, ia vielleicht vor dem ersten des Monats Pistis noch mündlich erzählen will, ließ mich mit dem trüben Entschluß fortgehen, die Stelle nicht anzunehmen. Doch schwankte das Zünglein wieder stärker und stärker ie näher ich an Karlsruhe kam. Es schien mir hier nicht mehr zu gefallen, und wer weiß was noch geschehen wäre wenn nicht der Großherzog unterdessen durch die Erklärung, daß ich gegen seine Wünsche handelte, wenn ich gienge, und daß er mich schadlos halten wolle, wenn ich verlöhre, alle meine Deliberationen sistirt hätte. Und so blieb ich denn, wie ichs ansehe, mit Gottes Willen hier, doch hat auch das nichts geschadet, und es ist etlicher Herzen Gedanken dadurch offenbar worden. In dem Kopfe irgend Eines, der dieses Wohlwollen des Fürsten gegen mich nicht begreifen oder nicht ertragen konnte, entstand das Hirngespinnst, es sey von einer Parthie bey Hofe H. P[eterson] nach Freyburg bestimmt, diesem müsse ich Platz machen, und der G. Herz, sey ohne es zu wissen in dieses Interesse gezogen. Man sprach es laut und für gewiß. Das Cons. glaubte selbst, daß es sich mit iedem Vorschlag kompromittiren würde, und statt Einen in Vorschlag zu bringen legte es ein Verzeichniß, von vielen vor, unter welchen du auch paradirest, und überließ dem Geh. Rath die Wahl. Auch Brauer war unbegreiflich, von der nemlichen Furcht ergriffen und brachte, als ob er die Namen der Ändern hätte schonen wollen, den iüngsten, den lezten, den gegen welchen er kurz vorher selber war, Wucherer in Vorschlag. Viele staunten, und staunen noch. Aber noch größer war von andern Seiten die Betroffenheit, als Wucherer ohne die geringste Bewegung von irgend einer Seite augenblicklich angenommen wurde. P[eterson] war zu edel ie an so etwas zu denken, und regte sich auch nachher nicht, ob er gleich um ein Jahr dem W. vorgeht, und sich mit mühsamem Informiren nähren muß. Dis. wäre genug Satisfaction für mich gewesen. Allein es war mir noch eine unzweideutigere vorbehalten. Der Großh. giebt mir aus eigener Entschließung eine Zulage von 100 fl. und am Sonntag darauf, als ich ihm dafür gedankt hatte, speiste ich — letzt bitte ich die Kappe abzuziehen — mit ihm, der Frau Reichsgrävinn, Prinzen Louis, Heinrich Stilling und Hofr. Frey bey Hofe. Wer Freude daran hatte, wer nicht — war unschwer zu erkennen. Transeant haec, et inter nos quidem dicta.

Sonst geht es hier, und mir, wie immer, und der Genius gibt ie und ie etwas an bald zum Zeitvertreib, bald zum Zeitverderb, z. B. die große Charaden und Räthsel Akademie, die sich im Jenner constituirt hat und alle Abende bei Drechsler Sitzung haltet, und zu der du diesen Brief als Diplom für ein auswärtiges und Ehren Mitglied ansehen darfst, sobald du mir folgende Char. als Probe deiner Befähigung gelöst hast.

Zu einem anderen Zeitvertreib und Verderb habe ich die Redaktion des Calenders ganz übernommen, bin aber durch Masgaben des Consist. zu sehr beschränkt, und habe für dieses Jahr zu kurze Frist um ihn mit und nach Laune zu bearbeiten. Deine Rathschläge, und wenn du etwas niedliches hast, deine Beyträge, werden mir sehr willkommen seyn, und etwas aus dem Kindlein machen helfen.

So sey denn nun, Mein Bester, mit dieser langen Epistel der freundliche Verkehr und der lebhafte wieder zwischen uns angeknüpft. Deine Liebe, die dein letzter Brief ausspricht ist eine süße Zuthat in den Freuden Kelch meines Lebens, und geht an ein Herz, das sie ganz erwiedert. Mein Pathe muß auf dem Schoß der Mutter sitzen, und das Schwesterlein sie an der Hand haben, und die Frühlings Sonne muß euch freundlich anscheinen, wenn du sie alle von mir grüßest und küssest, und es darf ein Stork über das Haus fliegen. Der Himmel lasse in der Lörracher Apotheke den Eisenvitriol und Galläpfel nicht theurer werden.

Herzlich Dein Freund    arm.     

 

 

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Monat Pistis: proteischer Zyklus
(Prüfungs-Zyklus), 4.—30. November.

Transeant haec...: Das möge vorübergehen
und ist nur unter uns gesagt.
Redaktion des Calenders: Diese war Hebel laut Beschluß
des Konsistoriums am 14. Januar 1807 übertragen worden.

 

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