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AN FRIEDRICH WILHELM HITZIG

   

[Mitte—Ende Januar 1805]          

Deinen Brief an Brauer und den seinigen an dich, so wie deinen an midi, habe ich gelesen o Zenoides! Ich werde dich auf den Sommer eines Tages auf den Belchen bescheiden, um die Sache von höherem Standpunkte und in reinerem Medium mit dir
zu besprechen. Einsweilen nur so viel.

Ich verlange die Offenbarung auch nicht zu verstehn, so lang ich sehe, daß sie niemand versteht, oder was das nemliche ist, daß sie so viele und ieder anderst versteht und nicht der geradeste Menschenblick und heiligste Christussinn im Menschen, sondern das größte Grübler und Düftlertalent, Combinations und Calculationsgeist (nicht einmal viel Bekanntschaft mit dem Genius der alten Zeit und Welt) dazu gehört um unter viel probablen Deutungen des dunkeln Wortes die probabelste auszubringen. Selbst der ächteste Jünger des Herrn, der in der Apokalypse forscht, erhält von seinem Christus und Bibelsinn nur die Tendenz dazu, weiter hilft er ihm alsdann nichts mehr, kann ihn irre führen sogar, und seine weitern Fortschritte und das Glück und Unglück womit er sie macht hängen nur von seinem weltlichen Scharfsinn ab. Ich glaube aber, wenn etwas in der Apokalypse verborgen ist, und wenn es erkennbar ist vor der Zeit, daß es ein Geweihter mit einem eigenen in ihm verborgenen Divinationsorgan entdecken müsse, und daß er nicht nöthig haben werde daran zu studiren, sondern daß es ihm klar wird vor den Augen stehen, wenn es ihn Gott will wissen lassen. Denn ich sehe die Offenb. weder wie ein Räthsel an, das der göttliche Geist noch zum Beschluß der Bibel anhängt, damit wir die Kräfte daran versuchen und darüber herumzanken sollen, noch glaube ich gerade, daß sie uns gegeben sey, daß wir an sie wie an ein Weltbarometer schauen sollen, wenn wir gern wissen möchten, obs noch lang so bleiben wird wie es ist.

Aber wozu ist uns denn die Apok. gegeben? Das verständliche daran, wie an der ganzen Bibel zur praktischen Anwendung zB. Sey getreu bis in den Tod etc. das Unverständliche — vielleicht uns zu nichts. Eine Weissagung kann zweimal, und muß einmal klar und deutlich seyn. Vor der Erfüllung schon, wenn sie zur einsweiligen Beruhigung oder noch in rechter Zeit zur Warnung gegeben ist. Nach der Erfüllung wenigstens, wenn sie ienen Zweck nicht hat, sondern erst nachher beweisen soll, daß die Begebenheiten nicht ein Zufall, oder eine Erscheinung des gewönlichen Weltlaufs sondern unter einer besondern Direktion der Gottheit zu einem bestimmten Zweck sich ereignet haben.

Vor der Erfüllung sind die apokalyptischen Weissagen nicht klar und deutlich. Das kann niemand sagen. Der Theil derselben, der schon erfüllt seyn soll, ists durch die Erfüllung auch nicht worden. Denn da müßte alles ohne Laternenlicht vor den entzauberten Augen stehn. Daraus folgt entweder, daß nach der Ewald Brauerischen Vermuthung noch nichts erfüllt ist, oder daß die Aufklärung erst am Ende zu erwarten steht, wenn alles erfüllt ist, und bis dahin weiß ich meines Orts zu warten.

Gleichwohl hat die Offenb. wie du schreibst so viel wundersam Anziehendes. Das hat sie, 1) wegen dem religiösen Interesse wie die ganze Bibel, 2) als präsumtives Buch der Weissagung, 3) hauptsächlich wegen dem hohen orientalischen Geist und Geschmack der darinn herrscht. Denn alles Hochorientalische heimelt uns an, als wenn wir schon dort gewesen wären, weil wir alle dort daheim sind. Ist es nicht so mit dem hohen Lied. Nach europäischen Begriffen ist es der Antipode des gesunden Geschmacks, und doch bleibt es das hohe Lied, oder wie es sich selber nennt, das Lied der Lieder, das man immer wieder lesen mag, und wird noch, wie der Stern der Liebe am Abendhimmel glänzen, wenn alle Scheinwürmlein die der gesunde europäische Geschmack gebohren hat, ausgeschimmert haben und ausgestorben sind.

Aber das Alles wollt ich dir nicht sagen sondern wegen dem Brief an Brauer dich noch einmal fragen. Ich hab es ganz vergessen, was es eigentlich ist und was ich ihm sagen soll.

Eccard grüßt dich. Volz bleibt wieder bey uns, und sezt die Bearbeitung des Handels fort. Er sagte am Donnerstag zu Eccard, er werde die Relation mit den Worten schließen: Mir hast du Arbeit gemacht in deinen Sünden, und hast mir Mühe gemacht mit deinen Missethaten. Eccard lächelte und bat ihn, nun fortzufahren.

Mad. Voß läßt mir sagen, daß eine Recension der allem. Gedichte von Goethe nächstens in der Jenaer A.L.Z. erscheinen werde. So hoch mir Goethe's Name tönt, so hätt' ich sie doch lieber von Voß selber gesehn. Auf Pfingsten kommt die 4te Ausgabe, wenn Maklott seines Sinnes bleibt, mit Kupfern. Ich werde vielleicht das Idiotikon vermehren am Text nichts ändern. Gott befohlen

Dein                     

 

 

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