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AN FRIEDRICH WILHELM HITZIG

   

[Ende Juli 1803]      

Ich bin dir o Zenoides auf zwey Briefe Antwort schuldig, und es ist recht schön und löblich, daß du mich so zu deinem Schuldner machst. Die Notizen die du mir im letztern von der Aufnahme des Catechism. gibst, sind mir nicht ganz unerwartet. Du weist schon, wie wenig ich selber damit zufriden bin, wie schnell ich ihn das erstemal, wie unmuthig das zweitemal bearbeitete. Aber daß er von Seite der Orthodoxie Anfechtung erleiden würde, nachdem er Brauers Prüfung ausgehalten, habe ich von den Pastoren nimmer erwartet, bey allen heiligen sieben Buchen nicht! Das beste ist, et wird so wenig als die Kirchenagende eingeführt werden. Der Zweck ist erreicht, wenn man die Leute mit der Arbeit geschoren hat. Br[auer] hat schon wieder einen neuen für die unirte Kirche projektirt. Den Unionsversuch von ihm solltest du schon lange haben und hast ihn von Walz zu gut. Brauer gab mir einige Exemplare für Oberländer Freunde und sagte mir ausdrücklich dabey, daß er dir schon eins durch W[alz] geschickt habe. Sonst hättest dus ganz neu von mir bekommen. Einsweilen kannst du den ersten Durst danach bey Günttert stillen. Schwerlich wird indessen die Union zu Stande kommen. Die Pfälzer sind lose Leute und ihre Verbrüderung kein Segen für uns. Unsern Bürgern geht beym höchsten Termometerstand, der H ... unaufhörlich mit Grundeis. Sie sehen CR. schon so gut wie zu einer verlassenen Landstat hinabgesunken, und es kommt mir auch so vor. Schlechter Schade, wenns sonst nichts war. Aber dann sinkt auch das gute Mutterland zur verwahrlosten Provinz hinab. Unser gutes Geldlein geht in die ausgehungerte unersättliche Pfalz — die Windbeutelei, die Anmaßung, der Stolz der Pfälzer ist unausstehlich. Manche Solide unter ihnen machen eine schöne Ausnahme. Aber der beste steht mit allen übrigen in der Verschwörung, sobald davon die Rede ist, der Pfalz auf unsere Kosten Vortheile zu verschafen.

Ich finde deine Rechnung ganz richtig. Vielleicht kannst du mir das Geld durch Anweisung von Lenz an Vierordt schicken; wo nicht, so bitte ich dich, es auf die Post zu geben. Maklott übernimmt eine neue Auflage der Allem. Lieder von 750 Ex. in seinen Verlag, den Bogen zu 11 fl. honorarium. Neues kommt nicht hinein. Ich habe unterdessen ein einziges neues Liedlein „der Abendstern" gemacht, Iakobi wirds in seiner Iris auftischen. Ich getraue mir kein zweites Bändchen zu Stande zu bringen. Der erste heilige Anflug des Genius ist schnell an mir vorübergegangen, und möge er nun den Prof. Fellner umwehen. Meine stille Absicht war es mit, durch die neuen Töne hie und da eine Harfe zu wecken. Aber die Fellnerische meinte ich nicht. Er schickte mir schon längst eine mittelmäßig gerathene Uebersetzung des Probegedichts, und bat mich damals um das ganze Manuskript mit dem Anbieten alles zu übersetzen und mit dem Vorschlag Text und Uebersetzung mit einander drucken zu lassen. Indessen bin ich sehr begierig auf sein Produkt, und bitte dich, mir sobald es heraus ist, oder auch einzelne Bogen davon, die etwa fertig sind einsweilen zu schicken.

Es ist mir leid, daß du durch mich in einen Berührungspunkt mehr mit dem Jünger des Denglengeistes in Kl. Kems gekommen bist. Ich weiß, was es heißt mit ihm zu thun zu haben. Gern wollt ich ihm den Kopf darüber zu recht setzen, aber man machts nur ärger, und es trüge dir wenigstens 60 Briefe von ihm ein.

Ich gratulire zur regenerirten Lesegesellschaft, und wünsche ihr mehr Gedeihen als die vorigen Versuche hatten. Ohne Zweifel dirigirt sie der Netoreck.

Duke est desipere. Ich habe vorige Woche und zwar in einer WeinKneipe zu Bruchsal nachts um 1 Uhr einen neuen Proteuser eingeweiht, den Hubertus von Harrer, der für Basseltang nach Astracan reist, ein großes Genie, ein feuriger Mensch, und eine coseselige fidele Seele. Ja der Proteus weiß es, wir waren Abends um 6 Uhr schon im dritten Wirtshaus, und dort gefiel es uns, weil wir allein waren, und blieben bis Nachts um 2 inter plena pocula und unter den stillen Flüchen der schlafseligen Wirthinn, die uns ohne es zu wissen manchen proteusischen Segen gab, Z. B. daß wir beym Teufel wären, daß sie uns nie gesehen hätte, daß wir wären wo der Pfeffer wachst, daß wir am ersten Glasvoll erstickt wären, oder auf dem Wege den Hals gebrochen hätten.

An und von den Promotionen ist nichts neues mehr zu sagen. Münzesheim hierunten, das noch unbesezt ist, kommt an einen Pfälzer, weil der Ort in die Pfalzgrafsch. gezogen worden. Man will hier wieder etwas von einem Tausch zwischen Breisgau und dem obern Fürstenthum ahnden.

Die OrganisationsEdikte sind nicht nur noch um den alten Preis zu haben, sondern es komt eine noch etwas wohlfeilere und bequemere Oktavausgabe nächstens heraus. Schreibe mir nur wie viel Exempl. und wie ich sie dir schicken soll.

Dein Gartenhaus, das ich leider diesen Herbst nicht sehen werde, weihe euch der Himmel zu einem schönen häuslichen und gesellschaftlichen Freudentempel. Ich kann vor wenigstens einem Jahr nicht ins Oberl. kommen, und hoffe wenns geschieht, wie bey allem Warten für das längere Entbehren deines Umgangs durch desto innigeren Genuß entschädigt zu werden.

Was mein Herz an guten Wünschen hat, legt es auf dich, und deine Daube, und auf das kleine girrende Däublein. Freilich, das Däublein möcht ich sehn!

 Dein red. Fr.     Hebel             


O daß ich die allem. Gedichte nie geschrieben hätte. Ich höre daß Tieck sie schön finde und übersezen wolle, und der Oberdeutsche Recensent tröstet mich für die verkannte Volkspoesie mit der nahen Herrschaft der Schellingischen Schule! —

 

 

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