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AN FRIEDRICH WILHELM HITZIG

   

Ich stelle mir den Glas bezogenen Spiegel der Erinnerung vor die Augen, und bin bey Euch Ihr lieben Theuren, und wo geschwind? Zwar überall gerne und wunderfroh, doch weil mir soeben die Morgensonne über den Spiegel streift, am liebsten im grünen weichen Lehnsessel am Ofen, während Sir Hauspatron von seinem Ruhesitz delogirt, seitwärts am wirthlichen Tisch vor seiner Folioausgabe von Caffetassen sitzt und den Text mit Brodbröklein durchschießt, und weiterhin das fromme Weiblein sanft und still aus seinem Oktavtäßlein eine Musca domestica Lin. mit dem silbernen Löffelein herausfischt, oder vielmehr herausmuckt, und die Morgensonne, die vom Hünerberg ebenfalls zuschaut, die leichten Knasterwölklein illuminirt, und die Wiese rauscht, und auf dem Boden lang gestrekt der Hylax knurrt. — Selige Minuten für mich, und nun auch verweht, schöne heraus gefallene Helglein zwischen den konceptpapirenen Blättern im Buch des Lebens. — Dank für Euere Freundschaft Ihr Lieben, und alles Blaue und Liebe was den Augen und Herzen wohlthut.

Unterdessen habe ich in Hertingen den gesegneten Kramer gemessen, und in Hügelh[eim] den Nachsommer meiner Oberländer Freuden genossen, und von Spec. Wagner äußerst freundschaftlich behandelt, und bis nach Emmendingen begleitet ein Loch in den Kopf bekommen, aber nur in den meerschaumenen, und bin in Ottoschwanden mit dem meinigen in den Wolken gesteckt, und habe die Tabackspfeife an dem Sirius angezündet, dann im Namen desMarggrav von der Herrschaft Lahr, durch ein Nachtlager in Dinglingen, und Tags darauf, was das gescheidteste war, von einer Retourschaise die nach KRuhe fuhr, Besitz genommen, bin Sonntags am 20sten post 3nitatem in CR. angekommen, habe von Sandern, der gestern nachkam, das infame Schlauchthier wieder in meine Gewalt bekommen, und rauche iezt die erste Pfeife aus dem fruchtgewachsenen, moosbekleideten, heißgebohrten Tabacksrohr und dem Kerngedrehten, Rißverwahrten, Ringumwundenen Mundstück.

Wichtige Vaterländische Entdeckungen unterdessen. Gmelin kommt von einer Untersuchungsreise zurück und bringt die Beobachtung mit, daß in der Stadt und Gegend v. Baden der Magnet stark inklinirt, deklinirt, vibrirt, also Eisen, geschmolzenes, vulkanisches, rare rare Oechslein besonders von herrlichem Feldspat, Adularia, ungeheuren Granit, wenn er diesen Namen noch verdient, mit zollstarker Cristallisation von Quarz, Feldsp[at] und Gl[immer] und 3 neue Min[eralien] die ich aber noch nicht gesehen habe. Ich werde an seiner Freundschaft melken, auch für dich.

Gott befohlen lieber Zenoides! Ich grüße und küsse Euch, und bin mit dem Sinn der Freundschaft und Liebe

Euer redl.      H.       

Den 24ten Okt. [1801]

 

 

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musca domestica Lin.: Stubenfliege.
Helglein: kleine Heiligenbilder.
Hügelheim: Dort war Hebels Freund
Johann Wilhelm Schmidt Pfarrer.

Oechslein: Funde.
Schlauchtier: Reisegepäck.

 

 

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