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AN FRIEDRICH WILHELM HITZIG

   

Theuerster Zenoides.                                                                  [Mai 1800]

Gestern Nachmittag erfuhr ich von KR. Walz, daß Rötteln vergeben sey — an Dich. Aber ohne Zweifel weist dus schon. Gerne hätte ich iedem den Rang ablaufen und der erste seyn mögen, der es dir meldete. Zwar fühle ich mit dir die Dämpfung der Freude, deine Wünsche auf dem Grabe deines Vaters erfüllt zu sehn. Indessen wenns nicht anders seyn sollte, finde ich in dem Nachfolgenden auch wieder Trost gegen das vorhergehende für dich. Tröstlich und ermunternd und mit einer heiligen Weihe segnend muß dir der Gedanke seyn, an das Werk, von welchem der Edle nach eines halben Lebens Arbeit die müde Hand zurückzog, nun die deinige ersetzend anzulegen, — den Segen, den er dir in der Liebe, dem Vertrauen und dem Dank seiner Gemeinde zurückließ, in Empfang zu nehmen, und dadurch, daß du in seinem Geiste und mit seiner Liebe fortarbeitest, seine Verdienste um dieselbe im unveriährten ehrenvollen Andenken zu erhalten, von der Vorsehung bestimmt warst. — Gott segne dir den Gang über den Jabock, der zwischen da und dort rauscht, und den frischen Anhauch der reinen Lebensluft jenseits, wenn du aus dem Dunst und Schweißbad der Schule weggehst für immer, und möge dich ein freundlicher blauer Himmel unter sich in Empfang nehmen, und wenn er nicht immer blau seyn kann, so überziehe er sich wenigstens nie mit einem Gewitter.

Wie weit Bommers Aussichten offen sind, wirst du, wenigstens durch ihn, auch wissen. W[alz] sagte mir, daß die Sache noch nicht im reinen seye, und ich merkte wohl vorher etwas davon. Odio eorum, quae ipse perpessus sum, wäre mir leid für ihn, und dann auch für unsern braven Stork, wenn der unbeklatschte Akt von anno 90 zum zweitenmale sollte gegeben werden. Aber es ist mir nicht bange, denn zum Glück für ihn, und — abgesehen von ihm — leider! leider! leider! wüßte ich unter den ältern, die für diese Stelle nicht zu alt sind, so weit meine Bekanntschaft reicht, keinen, der für diesen Platz gerecht wäre. Helf Gott in Gnaden! Und dann ist ia das Prorektorat ein wohlhergebrachtes und eingeiährtes Recht der Kirchenraths-Familien, ein wahres
Gan-Erb-Lehn. Diese Freimüthigkeit, die anzüglich gegen dich und deine eigene nächste Familie scheinen könnte, erlaubt mir die Freundschaft. Du weist, wie sehr ich dir deinen ersten und zweiten Platz am Pädagogium nicht nur gönnte, sondern auch wünschte, nicht nur für dich sondern auch für das Pädagogium.

Möglich, und vor der Hand etwas warscheinlich ist es,daß Bommer die Stelle, mit einer Schmälerung der Besoldung zum Besten des Capitels erhalten werde. Es scheint, daß die Cons. Käthe, die es fühlen, wie weit er noch zurück ist, und doch gerne ihm diesen Platz zuerkennen möchten, diesen Ausweg wählen, um sich gegen den Vorwurf, ältere übergangen zu haben, decken zu können. Aber ob ers mit herabgesetzter Besoldung annehmen kann, und wird?

Nach Lidolsheim soll Rink bestimmt seyn, weil der Marggrav gerne eine Personalabgabe an ihn loswäre. Nach Dietl[ingen] Molter oder Crecelius und nach Langenalb vielleicht Mylius, der vorige Woche die Entdeckung will gemacht haben, daß er ein guter Schulmann sey und seit dem mit hochpeinlicher Aengstlichkeit besorgt, andre Leute möchtens auch meinen, und also, um die Anerkennung nicht allgemein werden zu lassen, lieber von der Schule wegwill.

Die Landcharten habe ich noch nicht erhalten, die du in deinem lezten Brief auf die Post gegeben hast, ich weis aber auch wirklich nicht, ob der Postwagen wieder in Gang ist. Fast sollte er zwar.

Grüße dein liebliches Hauswesen von wegen meiner, und nimm du dein gutes freundschaftliches Herz für mich auch nach Rötteln mit, woher dus nach Lörrach gebracht hast. Die proteische Congregation hats iezt wie die deutschen Bißthümer, deren Bischof nicht in der Hauptstadt, und bey der Chathedralkirche (bey uns im wilden Mann) sondern auf einem Zinken neben draus wohnt.

Herzlich Dein Freund armenideus          

 

 

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