zurück zur Briefübersicht

 

   

AN GUSTAVE FECHT

   

Theuerste Freundinn!                                                           13. Okt. [1822]

Ich benutze eine gute Zwischenzeit (Sonnt, d. 13. Okt. unter der Morgenkirche), auch wieder einmal ein Brieflein nach alter Weise an Sie zu schreiben. Mit den breiten Briefen will es doch nicht recht gehen. Ich hatte viel Abhaltung. Nach Ewalds Tod übernamen Sander und ich einsweilen seine Geschäfte. Iez war Sander auch 4 Wochen fort. Seitdem hatte ich alles. Iez ists soweit auch vorüber. Aber bald fangen die Examen der Pfarrcandidaten und der Landtag wieder an, und lezterer kann dauern bis ins Frühiahr. Ich bin gottlob gesund, wenigstens auf den Beinen, und habe wieder guten Appetit.

Möchten Sie ebenfalls liebe Freundinn recht gesund seyn. Kray von Tüllingen der eben hier ist, will mir diese Hoffnung nicht ganz befestigen. Doch sagt er, daß er kürzlich nicht bei Ihnen gewesen sey, was ich ihm wohl glaube. Aber ich erkundige mich immer bei allen, die aus dem Oberland kommen. Dagegen erkundigt sich bei mir, so oft sie mich sieht, die Fr. Staatsräthin Reinhard. Ich lege einen Gruß von ihr ein. Die Augenblicke sind mir immer sehr werth. Ich habe sonst niemand mehr, mit dem ich so von der alten Zeit, von Ihnen und den theuren Verstorbenen reden kann. Zwar kann ich mir immer den guten Günttert noch nicht tod denken. Er leibt und lebt mir noch in dem Pfarrhofe. Ich vergesse gar oft, daß er nicht mehr ist. Wie nimmt der gute Herr Lepper seine apostolische Sendung auf? Ich glaube wohl, daß es ihm graust. Aber ein halbes Jährlein ist bald vorüber, und man wird es ihm gewiß zum Guten gedenken. Wegen Weil hat der Großherzog noch nichts von sich gegeben. Kray will sich in Mannheim betten. Aber es sind ältere da. Er sieht sehr solid aus, wenn er hier ist und wenn er nicht neben dem Stadtpfarrer Eisenlohr steht, der auch hier ist. Der neue Erzbischof war ebenfalls hier. Aber es will mit der Sache nicht recht vorangehn. H. von Wessenberg wird wohl noch einmal zum Landtag kommen. Wenn mich nur auch bald iemand ablöste. Es ist ein hartes Wort „auf Zeitlebens"; man lebte doch auch gern ein wenig lang.

Iez ist die Kirche aus. Iez habe ich noch bis Mittag 4 Visiten zu machen, und Nachmittag Berichte durchzugeben und Rechnungen wegen den 20 000 Gldn. für die Schulstellen. Es springt nicht viel heraus. Die Pfalz, Boxberg und Wertheim frißt fast alles auf. Leben Sie wohl, theuerste Freundinn. Ich bin mit Liebe von Herzensgrund

Ihr redl. Fr.       Hbl.             

 

 

  zurück zur Briefübersicht

 

nach oben