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AN GUSTAVE FECHT

   

[Ende Oktober 1804]   

Ich danke Ihnen, meine Theuerste, für Ihr Schreiben, ob ich es gleich in diesem Augenblick nirgends zu suchen wüste. Denn ich bin abermal ausgezogen, und meine Papire sind noch nicht ausgepackt und geordnet. Iezt wohne ich zum erstenmal in meinem Leben auf dem ebenen Boden, zum erstenmal bey einem Arzt und zum erstenmal in einem Logis, das ein Bruder einer Reichsgrävinn vor mir bewohnt hat, und hoffe iezt nur noch einmal ausziehn, entweder auf eine Pfarrey, oder auf den Gottesacker oder was das schlimmste wäre, noch in das neue Gymnasium, woran bereits gebaut wird. In den Cirkel hinaus hab ich mein Staatszimmer mit zwey Creutzstöcken und einem in der Gasse, wo ich den fremden Gesandten Audienz gebe, dann weiter in die Gasse hinaus ein Zimmer mit einem tiefen, geräumigen Alkoven, wo ich niemand Audienz gebe, als alle morgen früh um 7 Uhr meinem Aufwärter, wenn er meine Befehle holt, denn der ist zugleich mein Geheimer Sekretär und Cabinettscurir; sodann weiter ein Zimmer in die Gasse, wo ich gewöhnlich lebe, und studire und Tabak rauche, und kurze und lange Weile habe, und endlich eine Cammer, in welcher der Aufwärter ausschließlich das Regiment führt. Meine nächste Nachbarschaft im Cirkel und meine einzige ist das große Caffehaus, wo ich aber seitdem weniger hinkomme, als vorher. Um's Eck herum in der Gasse und gegenüber habe ich keinen Nachbarn. In der Gasse zwischen dem großen und kleinen Cirkel wohne ich mutterseelallein. Da habe ich gegen mir über linkerseits den sogenannten blinden Cirkel, nämlich ein Gebäude ohne Fenster, die Orangerie, und gerade vor mir den Hof dazu und weiter rechts hinauf den botanischen Garten. Doch wohne ich nichts weniger als einsam. Unaufhörlich wandelts mir an den Fenstern vorbey; im Cirkel ist's gar nicht auszuhalten, bis man's gewohnt ist. Allein ich kann mich bald an alles gewöhnen. Ja ich kann mich rühmen, daß ich nur die 3 ersten Male durch die Morgentrommel geweckt wurde. Ich bin iezt meistens daheim oder in dem Gymnasium. Ich komme nur noch alle 8 Tage etwa zu H. G. R. Brauer, und dann und wann zu meinem ehemaligen Hauspatron Meerwein. Vom Spazirengehn werden Sie mich doch bei dieser rauhen Witterung dispensiren! Wenn ich etwas rechtes in der Loteriegewinne, so werde ich eine Reise nach Italien und, wenn's langt, nach Palästina machen, und alles einbringen. Wenn ich nicht nach Palästina gehe, so komme ich über den Gotthardsberg und über Basel zurück und bringe Ihnen etwas Heiliges aus Rom oder Loretto oder ein Blumensträuslein aus den Pomeranzenhainen mit. Daß Sie nie recht gesund zu seyn scheinen, beklage ich sehr. Diese Nachricht ist es die mir leider ungelesen aus Ihrem Brief in der Erinnerung schwebt. Spinnen Sie nicht zu viel diesen Winter und hüten Sie sich vor dem feinen Durchzug an den Fenstern und vor der nahen Ofenwärme. Wie geht's mit den Fingern?

Empfehlen Sie mich Ihrer theuersten Frau Mutter. Ich hoffe, sie werde meinen lezten Brief erhalten haben, und mir wieder gut seyn. Bald kommt ein neuer, und mit der Frau Vögtinn will ich auch ein Wörtlein sprechen. lezt will ich mich ankleiden, und hören wie der H. Kirchenrath Walz das Hosianna der Töchter zu Jerusalem schön auslegen wird. Sehn Sie, wie christlich ich bin. Wenn ich schon um einer unartigen Begegnung willen seit der Charwoche sein Haus und seine Gesellschaft meide, so gehe ich ihm doch in die Kirche, und erbaue mich an seiner Predigt. Leben Sie wohl beste Freundinn! Auch in die Kirche gehn Sie nicht zuviel! Ich will schon für Sie beten.

J. P. Hebel   

 

 

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Bruder einer Reichsgrävinn: Geyer von Geyersberg.

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