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AN GUSTAVE FECHT

   

[25. Oktober 1801]      

Ich habe, meine theuerste Freundinn, das Oberland und Weil dismal wie allemal gar wehmüthig verlassen, und die Sonne hätte gar nicht nöthig gehabt, als ich durch die Oetlinger Reben gieng so schön zu scheinen, und die liebe Gegend, aus der ich weggieng, mir noch einmal zu bemahlen, doch nahm ich den guten Willen an, und dachte sie werde wohl zeitlich genug sich wieder hinter den Regenwolken verbergen. Ich nahm den nächsten Weg über Oetlingen, Rötteln, Egringen und Hertingen, wo ich viele, die mir einst werth waren, nimmer fand, wenige mehr kannte, was 20 Jahr und darunter war, wußte nichts mehr von mir; ich hatte etwas von der Empfindung, wie wenn ein Verstorbener nach 100 Jahren wieder käme, und den Schauplatz seines verwehten Lebens wieder besuchte. Den ersten Halt machte ich dann am Sont(ag). Mittags wieder in Hügelheim, gieng am Mont(ag). mit Schmid nach Laufen und blieb dort übernacht. Viel ward von Weil und Lörrach gesprochen, und denken Sie sich nur den freundschaftlichen Special. Zu großem Staunen aller die sein eigenes Thun und Wesen kennen, verließ er die Trauben im Weinberg und den Most auf der Kelter, und das Kühlein, und das Hättelein, und das Käzlein und führte mich mit seinem eigenen Rößlein nach Badenweiler und Hüg(elheim). zurück und blieb bei uns über Mittag, ob er gleich bisher mit Schmid in Spannung lebte. Aber das Fuhrwerk hätten Sie sehen sollen, Hr. Spec. kutschirte selbst, wenn wir nicht beide mit dem Roß selbdrit zu Fuß giengen, Rebberg auf und ab, durch dick und dünn, durch Löcher und über Höcker, Hohlgaß ein und aus. Meine arme Seele hatt' ich Gott befolen. Aber zur Steuer der Wahrheit, ich war sichern Händen anvertraut, denn über die Brücken, und wo es gefährlich schien, giengen wir zu Fuß! Den folgenden Morgen wartete Hr. Spec. schon wieder in Seefelden an der Straße auf mich um mich nach Emmendingen zu führen. Wir fuhren durch die March und aßert in Thiengen, wo wir Amtmann Mejer, seine Frau, mehrere Müllheimer und Karlsruher von Malberg her antrafen, und HofrathRoths leere Schaise. Ich fuhr nun in dieser allein nach Obernimburg, wo ich Sander und Haupt krank antraf, und Hr. Spec. nach Ihringen. Am Donnerstag trafen wir uns wieder in E. im Amtshaus beim Mittagessen. Die Reise geht etwas langsam, wie Sie sehen, ohne Zweifel zu Ihrem großen Verdruß, aber Sie müssen nun schon bey mir aushaken bis nach Ettenheim, dort sitzt Ihre Frau Schwester gütigst ein.

In E. beschloß ich nun auch einmal einen Besuch anderer Art zu machen, und einem Karlsruher Freund und Schulkameraden, der seit dem Sommer als Pfarrer in den Bergen von Ottoschwanden steckt, zu erscheinen. Ich wünschte daß Sie diese Gegend selber sähen, die ich nicht beschreiben kann. Anderthalb Stunden von Emmendingen, bergein und auf verbreitet sich nah am Himmel über unzählige Hügel und Thälchen hin, drei Stunden weit im Durchschnitt eine Pfarrey von 2000 Seelen in lauter vereinzelten Höfen. Man muß zu dem was man sieht, zu dem romantischen Anblick der Höfe, zu den niedlichen Parthieen von Obst- und Tannenbäumen neben und untereinander, zu den grün bewachsenen Hügeln, und unbewachten Heerden darauf, zu den fernen und nahen Begränzungen von Wald und noch höhern Bergen auch noch die Phantasie und gute Meinung ein wenig zu Hülfe nehmen um die Gegend recht interessant zu finden; nemlich man muß sich das Innere der Wohnungen, was man nicht sieht, als den Sitz des stillen Friedens, einer unverdorbenen brüderlichen Menschenklasse des ländlichen Wohlstandes und einfacher patriarchalischer Sitten denken. So erschien mir die Gegend, und ich wünschte mir die feste Gesundheit des Pfarrers daselbst, um mich einst, wenn mein Maß in CRuhe gar voll ist, um Ottoschwanden zu melden, und dort, geschieden von der Welt und bis auf wenige sie vergessend zu leben zu wirken und zu sterben. Aber denken Sie sich einen gebohrenen Carlsruher dahin mit seiner Frau, die beyde bisher eine Stunde von Karlsruhe lebten, und bey ihrem Aufzug zum erstenmal über Rastadt hinaus kamen. Sie wurden fast närrisch bey meinem Anblick, und ich glaube ihnen durch meinen Besuch soviel Freude gegeben zu haben, als ich auf meiner ganzen Reise selber genossen hatte, was doch viel gesagt ist. Am Freytag gieng ich endlich nach Broggingen, für meine Ansicht ein trauriges Dorf in der elendesten Lage des Landes die ich kenne, und von da nach Ettenheim, der Jetzigen Residenz des Bischofs von Strasburg, wo ich ihm den Schoppen Wein verumgeldete, von dem ich der Frau Pfarrerinn geschrieben habe.

Ich habe etwas ungleich unter die zwey guten Schwestern getheilt, und Sie dauern mich, daß Sie so viel haben lesen müßen, ob ich gleich der Frau Pfarrerinn auch nichts schlimmes wünsche, und doch bin ich zu geitzig um Ihnen so viel schönes unbeschriebenes Papir schicken sollte, als noch übrig ist.

Ich habe ein Buch das mir Hr. Pf. Hitzig schenkte, in Weil liegen laßen. Ich bitte Sie doch schön, es in Verwarung zu nehmen, bis sich eine Gelegenheit findet, und zu verhüten, daß es, H. nicht erfahrt. Ich weiß nicht, was es ist, aber wenn Sies unterdessen lesen wollen, und es schön finden, so solls mich nicht reuen es vergessen zu haben. Ich weiß nicht ob Sie noch gerne lesen, sonst wollt ich Ihnen Jean Pauls verschiedene Schriften (nur die Palingenesien ausgenommen) empfehlen, wenn Sie sie noch nicht kennen. Man hat zwar anfänglich Mühe sich in die eigenthümliche Manier dieses Originals zu finden, und Manches mag für Nichtstudirte Personen schwer und unverständlich seyn, aber man kann auch unbeschadet, obs gleich Romane sind, eine und zwei Seiten überschlagen und die dritte mit innigem Entzücken lesen; seine Schilderungen der Natur, des menschlichen Herzens, der menschlichen Freuden und Leiden übertreffen alles ähnliche, nur die Natur selber nicht.

Seyen Sie nicht gleichgültig wegen Ihren Fingern, der Winter ist lang, und es gibt viel zu spinnen und zu nähen, und im Frühling zu säen, wenn ich die schönen Blumensamen schicke. Fragen Sie bald einen geschickten Arzt um Rath, der Ihnen vielleicht mit einem leichten Mittel von dieser Inkommodität hilft. Und Sie sind so brav und so gut, und verdienen von allen Inkommoditäten befreit zu seyn.

lezt will ich Sie doch nicht länger ermüden, denn Briefe lesen zu müssen, die kein Ende nehmen wollen, ist auch nicht kommod. Doch Sie müßen ia nicht; und wer weiß wie weit vorne Sie schon aufhören werden, während ich dahinten immer noch fortschreibe.

Die lezten Zeilen lesen Sie doch: Ich wünsche Ihnen gute Gesundheit und einen freundlichen Winter, und bin ohne Aufhören

Ihr ergebenster Fr.    H.    

 

 

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der freundschaftliche Special: Christof Adam Wagner.
Hättelein: Ziege (Kmdersprache)
Pfarrer in Ottoschwanden: Johann Christian Crecelius.
Broggingen: Pfarrer war dort der Hebel
wohlbekannte Wilhelm Jakob Albrecht.

verumgeldet: eine Getränkesteuer erlegt.

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