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AN GUSTAVE FECHT

   

Liebste Jgfr. Gustave!                                          [Mitte — Ende August 1792]

Ists Ihnen doch auch wider einmal in die Feder geiukt? Es hat hart gehalten dismal. Doch ich darf mich nicht sehr mausig machen. Denn Sie haben zum rechten Mittel gegriffen, mit dem man sich aus der Sache helfen kan, nämlich noch andern Leuten Vorwürfe zu machen, daß man gern zufriden ist und schweigt, wenn nur Sie zufriden sind. Ihnen gelingt so eine List schon, denn Sie wissen wohl, daß man sich gern einen kleinen Muthwillen gefallen lasst, wenn Sie nur hübsch zufriden und freundlich sind. Sonst hätten Sie sich ia auch mit Ihrem Aemtlein entschuldigen können. Aber freilich wenn man an einen schreibt, der das Aemtlein selber im grossen treibt, und wohl weiß, was sich noch neben her prästiren lasst, so ists doch rathsamer, sich durch ein ander Mittel aus dem Spiel zu ziehen.

Ich nehme Antheil an dem Vergnügen, das Ihnen die Blumenzucht zu verschaffen scheint. Wenn ich schon keinen frischen Straus bei Ihnen holen kann, so hab ich doch noch einen alten auf einem Buche stecken, und dort soll er nun auch mit Ehren stecken bleiben, bis ich mir über kurz oder lang mit Gefahr einer rothen Nase einen  andern holen kann.

Sie thun sehr wohl, daß Sie sich weder vor den Franzosen noch vor Dieben fürchten. Für die Diebe kann ich Ihnen zwar nicht gut stehen, es ist auch nicht nöthig, da Sie Courage haben. Was aber die Franzosen betrift, so glaube ich keineswegs, daß sie kommen werden. Sollte es dennoch geschehen, so haben wir allen die sich fürchten, bei dem gemeinschaftlichen Unglück, immer das zum Voraus, daß es uns nicht lange Angst darauf war. Wir sind hier in größerer Gefahr, als Sie droben. Satt am Rhein steht ienseits ein Lager von 12,000 Mann, und auf dieser Seite nur ein zügelloser Hauffen von Mirabeau und Condischen Emigranten, die durch ihre Neckereien den Feind eher herüberziehen als abhalten könnten. Es sind wirklich schon Feindseligkeiten vorgefallen, die diesseitigen schössen mit gezogenen Gewehren hinüber, und erlegten einige, und der Commandant von Fort Louis antwortete mit ein paar Duzend Kanonenkugeln, die einem Buben das Leben kosteten.

Schreiben Sie mir doch, aber eh Sie die Winterschule anfangen, denn sonst wird nichts daraus, was die Franzosen mit der Insel der Fr. Pf. Frommelin angefangen haben. Dafür erzähl ich Ihnen zum Voraus etwas artiges, das ich im Lager zu Philippsburg gesehen habe. Das Lager wurde nicht eher bezogen, als bis die Erndte aus dem Feld war. Ein einziger Acker stund noch da, der nicht konnte geleert werden, weil er mit Grundbirn besezt war. Um ihn zu schonen, wurde bei der Errichtung der Zelten Bedacht darauf genommen, daß er zwischen zwey Reihen kam. Alles lief zwar hinüber und herüber, aber keine Staude war ausgerissen, keine zertreten.

Ist es nicht ein artiger Anblick, mitten in einem Lager einen angebauten, geschonten und gleichsam in militärischen Schutz genommenen Acker anzutreffen und die Sicherheit des Friedens und die Anstalten des Kriegs so nahe bei einander zu finden. Ich mache mirs zur Pflicht, zur Ehre der Kayserlichen diesen schönen Beweis ihrer Menschlichkeit wo ich kann bekannt zu machen, und ich bin überzeugt, daß wenigstens Sie mich nicht wegen meiner Einfalt auslachen werden. Es soll mich freuen, wenn Sie mir von den Franzosen auf der Rheininsel ein gleiches rühmen können.

Hr. v. Röder spreche ich bisweilen, nicht so oft als Sie vielleicht glauben. Aber die Schuld ligt nicht an ihm. Er ist so freundschaftlich hier wie droben, aber wenn er nicht zu mir kommt, so sehn wir uns nicht. Ich bin die ganze Woche entweder im Gymnasium, wo er nicht hinkommt oder im Lesezimmer, wo man nicht sprechen kann, oder daheim. — Es ist ein sehr angenehmes verlassenes Gärtchen im Hartwald, 1/4 Stund von hier, mein ehemaliger Lieblingsort, wo ich die letzten Träume meiner Kindheit verträumt, so manches Vogelnest gewusst, so manche Erdbeer gepflückt, und später so manches Buch gelesen, und noch 1780 als ich von Erlang zurückkam, mich gröstentheils aufs Examen vorbereitet habe, wo mich jedes Plätzchen beinahe wider an etwas erinnern würde, — und wollen Sie es glauben, daß ich seit meines iezigen Hierseyns noch nie dort, und noch nie auf dem Weg dahin war?

Auch den Grosvatter habe ich noch nie besucht. Einmal sah ich ihn hier um Weihnacht. Die Grosmutter aber hat eine herzliche Freude an Ihrem Gruß gehabt, und mir ein langes und breites erzählt, was sie für eine wohlgezogene Grostochter habe. Wie's die Grosmüttern machen!

Das Papir geht zu Ende. Halten Sie fein gute Zucht in Ihrer Schule, und wenn ich Ihnen mit meinen längern Erfahrungen an die Hand gehen kann, so zweifeln Sie nicht an der Bereitwilligkeit

Ihres gehorsamsten Drs      Hebel   

 

 

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Aemtlein: Gustave Fecht hatte für die jungen Mädchen
 in Weil eine Handarbeitsschule eingerichtet.
Condische Emigranten: die im Oberamt Oberkirch stationierten,
 dem Prinzen Conde unterstehenden französischen Emigranten in Stärke von 20 Kompanien.
Insel der Frau Pfarrer Frommelin: die heute nicht mehr
vorhandene „Schusterinsel" im Rhein, im Besitz der Weiler Pfarrerswitwe Frommel.
Lager zu Philippsburg: Dort hatten österreichische Truppen
 ein Feldlager für 10.000 Mann aufgeschlagen. Am 4. August
wurde das Lager geräumt.

Grundbirn: Kartoffeln.
Grosvatter, Grosmutter: Die Bezeichnung gibt Rätsel auf,
denn Gustaves wirkliche Großeltern, Fecht wie Kißling,
lebten damals nicht mehr. Möglicherweise handelt es sich
um einen Großonkel und eine Großtante, die Großelternstelle
bei Gustave vertraten.

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