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AN GUSTAVE FECHT

   

Wertheste Jungfer Gustave,                                Karlsruhe, den 19. Febr. 1792

Wenn ich mir auch den Himmel, oder was mir für iezt noch eben so lieb wäre, einen stillen traulichen Ruhesitz im Oberlande verdienen könnte, so wüsste ich Ihnen doch von Pf. Bodmer nichts andres, weder gutes noch böses zu sagen, als daß ich ihn nun zum drittenmal hier gesehen und gesprochen habe. Von seinen häuslichen Verhältnissen u.s.w. weiß ich keine Sylbe; ich werde aber nächstens ihn besuchen, und dann als Augenzeuge treulich melden, was ich selber weiß, nur nehmen Sie mir nicht übel, daß es mir für iezt noch mehr angelegen ist, Ihnen zu schreiben als den
Pf. B. zu besuchen. Ich werde sehen, wie ich den Brief mit andern Sachen ausfülle.

Am Sontag Septuagesimä, zum Exempel sollte ich zum erstenmal Vormittags bei Hof predigen. Ich sah schon im Geist voraus, wie sich alles in Thränen badete, wie der Sigrist mit einem Regenschirm in der Hand, den Klingelbeutel einziehen muste, wie der Marggrav mir ein Patent als Hofdiakonus mit einer Zulage von 200 fl. ins Haus schikte. Und siehe in der Nacht vom Samstag auf den Sontag bekam ich einen Anfall von Colik, woran ein Mittagschmaus vom Samstag die meiste Schuld haben mochte, so daß ich noch am Sontag früh um 7 Uhr muste aufkünden lassen. Pf. Preuschen erbarmte sich vätterlich. Da mich die Vormittagschristen noch nie gehört hatten, so darf ichs dismal ohne Verdacht von Eitelkeit sagen, daß die Kirche ziemlich angefüllt war. Und siehe, da trat vor der neugierigen Versammlung mit einer unstudirten Predigt der Pfarrer Pr. auf, den man schon so oft, und so genug gehört hatte. Am Sontag drauf wollt ich den Fehler gut machen, und führte die Leute zum zweitenmal und noch ärger an. Das erstemal ärgerten sie sich, daß ich nicht kam. Das zweytemal kam ich, und nun bereuten sie es, daß sie nicht zu Haus geblieben waren. Man konnte so trocknes Fußes durch die Kirche wie durch einen geheizten Bakofen gehen, auch ist der Lauffer von Hof noch nicht gekommen.

Sie sind gar zu gut, daß Sie mir durch Ihren Antheil meine Arbeitslast erleichtern, und meine Ruhe nach vollbrachtem Werk versüßen wollen. Meine eigentl. Stunden in prima und secunda sind

                             Montag Vormitt. v.  8—11      Nachm.  2—3
                             Dienstag Vor.       
 9—11      Nach.    2—4
                             Mittw. V.      —    
 8—11         o         o
                             Donnerst. V.
  —       8 —11     Nach.    2—3
                             Freitag V.     —     
 8—10      Nach.    2—3
                             Samstag V.   —    
  8—10         o         o

Die 3 übrigen Stunden, die ich bei den Schulseminaristen, Realschülern und Juden habe, sind meiner Willkür überlassen; ich habe sie also für den Winter Mont. Dienst, u. Donnerst, von 1—2 genommen, und seit d. 1. Jenner in allem 10 Stunden gehalten.

Die ganze Last ist also ziemlich leicht, und was das Predigen betriff: so freue ich mich von einer auf die andre. Ueberhaupt, da mirs mein Schicksal nicht gönnte in Lörrach bleiben zu können, oder in Tüllingen, oder sonst wo in der Nähe des Lebens froh zu seyn, so wünschte ich auch sonst an keinem andern Ort zu seyn, als wo ich bin. Aber freilich auf dem Tüllingerberg, war es noch gar viel feiner und lieblicher, wo man doch auch Schnee sieht im Winter, und Bliithen im Frühling und wo es im Sommer donnert und blitzt, als wenn der liebe iüngste Tag im Anzug wäre. Ich glaube daß am iüngsten Tag die Morgenröthe lauter Blitz seyn, und der Donner Schlag auf Schlag die Morgenwache antrommeln werde. Wie es dann an ein Bettglockläuten gehen wird, von Hauingen an um den Berg herum bis nach Efringen hinab, wie die Leute sich die Augen reiben werden, daß es schon tagt! wie es an ein Schneiden und Garbenbinden gehn wird, denn man will behaupten, daß der iüngste Tag in die Erndte Zeit fallen werde! Und wie sich die Leute wundern werden, daß es nimmer nacht werden will! Das alles könnte ich dort oben herab ansehen, und nach Weil hinunter schauen, und denken: nun werden sie da unten doch auch aus den Federn seyn und in ihrem Stark oder Schmolk den Morgensegen am iüngsten Tag, aufsuchen. — Und wer weiß, was ich thäte, ob [ich] nicht in der blitzigen Morgendämmerung geschwind durch die Reben hinabstolperte, und Ihnen zusammen Ihre schweren goldenen Garben binden hülfe. Denn mein eigenes bischen Halmen, Gott erbarms, würde in alle Wege bald unter Dach seyn. Doch seys nun wie's ist. Bis dorthin werden wohl alle Thäler ohnehin ausgefüllt und alle Berge eben seyn, und ich werde Sie zusammen aufsuchen, und finden wenn ich auch 100 Meilen von Weil entfernt wäre. Unterdessen durchleben Sie noch viele heitere frohe Tage, und säen Sie fleißig aus in Glauben, Liebe und Gedult, und geniessen Sie die Freude zu bemerken, wie die Saat dem lieben Erndtetag entgegen keimt.

Ich bin mit der völligsten Hochachtung Ihr gehorsamster     Dr. Hebel   

Grüßen Sie den Karl Wilhelm.

 

 

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Stark und Schmolk: Job. Friedrich Stark (1680—17)6),
Benjamin Schmolk (1672—1737), Dichter von Kirchenliedern.

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