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Hang zur Abgötterei |
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Hang zur Abgötterei ist in einem gewissen Sinn der Menschheit, so wie sie im ganzen vor dem Blick des Beobachters sich darstellt, nach dem Maße, Verhältnis und der Richtung ihrer geistigen Kräfte natürlich, unwiderstehlich, durch keine Dämme einzuschränken, durch keine Gewalt auszulöschen. Ich will sagen, es ist dem Gros der Menschheit nicht möglich, sich einen reinen, würdigen Begriff der Gottheit, ein reines geistiges, umfassendes Bild seiner Vollkommenheiten zu denken. Es wird selbst dem Weisen schwer, es zu abstrahieren, von sinnlichem Zusatz rein und immer festzuhalten. Gelänge es auch jenem, und ist es diesem gelungen, so ist es erst kein Gott nach seinen Bedürfnissen. Nur ein Gott für seinen Verstand, wenn er einen Gegenstand sucht, an dem er seine Denkkraft zur höchsten möglichen angestrengten Höhe hinaufheben kann, aber kein Gott für das Herz, kein Gott für das Leben; ein Gott, bei dessen Gedanken selbst die feinere, edlere Sinnlichkeit, die doch immer beschäftigt sein will und mit ins Interesse des Verstandes gezogen sein muß, wenn etwas für den Menschen Interesse haben soll, so gar nichts zu sagen und zu tun hat. Kein Wunder also, daß sie sich etwas zu tun macht und ihre Ranken schießen und an dem intellektuellen Begriff sich anschmiegen und anklammern oder auch, wenn er sie nicht fassen und festhalten kann, abwärts an der Erde hinkriechen läßt. Alle Nationen, die sich selbst überlassen blieben, haben daher auf dem einen oder andern Weg sich in gröbere oder feinere Abgötterei oder wenigstens Gottesbildnerei verloren. Entweder haben sie die Gottheit unwürdig zur Menschlichkeit hinabgezogen oder irdische, sinnliche Gegenstände auf den Thron der Gottheit erhöht. Glücklich genug, wenn die Bildung des Gottes- oder Götterglaubens nicht dem Zufall oder der rohen Sinnlichkeit des großen Haufens überlassen blieb, sondern da oder dort von einem Weisen und Guten der Nation für den Genius und die Fassungskraft seiner Mitbürger besorgt und festgesetzt war. Selbst eine Nation, bei der Glaube und Verehrung eines Gottes ohne Bild Staatsgrundgesetz war, die jüdische, eine Nation, bei der dieser Gottesglaube so genau und innig in die Geschichte, politische Verfassung und häusliche Lebensart verwebt war, bei der die mutvollsten, feurigsten und aufgeklärtesten Lehrer des wahren Gottesglaubens auftraten, bei der für die Sinnlichkeit durch den prachtvollsten, mannigfaltigsten Zeremoniendienst schien gesorgt zu sein, bei der die Vorsehung fast durch unmittelbare Anstalten und Einwirkungen den Glauben an die Grundwahrheit aller Religionskenntnisse zu bewahren schien: selbst die jüdische Nation schwankte alle Augenblicke über die schmale, schwer zu haltende Linie hinaus, goß güldene Kälber, buhlte fremden Göttern nach und opferte auf den Höhen. Selbst diese Nation, als sie von dem Taumel der unvernünftigen Gottesversinnlichung geheilt und genüchtert schien, scheiterte noch mit ihrer Vernunft an dem rein mosaischen Gottesbegriff und sah sich entweder auf die dürre Sandbank pharisäischer Orthodoxie, Kasuistik und Ziererei oder an die harte Klippe des saduzäischen Unglaubens verschlagen. War eine schönere, würdigere und wohltätigere Auskunft möglich als die, welche die Gottheit traf, als sie den erhabensten und reinsten Begriff ihres Wesens und ihrer Vollkommenheiten durch einen guten Menschen lehrte und das Geistige und Unbegreifliche und Unsichtbare in dem guten Menschen selber verkörperte? Konnte sie dem schwachen Menschenherzen, das nun einmal Bild statt Begriffes und einen menschlichen Gott haben mußte, ein edleres Bild und einen göttlichem Menschen oder einen menschlichern Gott zur Liebe, Verehrung und zum Vertrauen aufstellen als den, welchen sie aufgestellt hat — Jesum? Und wenn auch der kirchliche Begriff zu weit geht, ist er nicht der unschädlichste und noch immer der würdigste, die Lücke, die Gott dem schwachen Menschenherzen und der lebhaften Sinnlichkeit selber öffnete, weil sie doch irgendwo einen freien Spielraum haben mußte? War es nicht Weisheit, daß er ihr diese Lücke öffnete, damit sie nicht an einem gefährlichen Ort die Schranken der Wahrheit durchbräche? |
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