zurück Die Blätter fallen ab.
     

Wenige u. dem Anschein nach unbedeutende Worte Sie sagen uns weiter nichts, als was wir alle Jahre, und iezt wirklich an allen Orten mit unsern Augen sehen. Und doch, wenn wir den Absichten des Schöpfers gemäs, die Natur nicht gedankenlos anstaunen, sondern in ihren Werken und Veränderungen Anlaß zu wichtigen Bemerkungen über uns selbst nehmen wollen, so enthält das, was in dieser Jahrs zeit vorgeht, was unser Text in wenig Worten sagt, die wichtigsten Wahrheiten, und Bemerkungen.

1, Wir sind wieder um einen beträchtlichen Theil unsers Lebens weiter gerükt, ohne es zu bemerken. Wir sahen an den Bäumen Knospen hervordringen, Blüthen sich öffnen, Früchte reifen; ein Tag gieng unvermerkt nach dem andern dahin, und eben so unvermerkt ein grosser Theil des Jahrs, Frühling und Sommer. Wir seien so alt oder so iung als wir wollen, so haben wir iezt einen Sommer weniger zu leben — Sind wir auch vollkomener, weiser, fromer worden? Haben die edlen Keime, die der Schöpfer in uns gelegt hat, sich in Blüthen entfaltet und Früchte gebracht? Die Frage ist erheblich;

2, Denn die dahin welkende Zierde des Sommers erinnert uns, daß wir auch von hinnen müssen. Alles in der Natur ist der Veränderung unterworfen. Sehet die Felder, was sie iezt sind, und erinnert euch was sie vor wenig Monaten waren. Die Bäume, deren Blüthe unser Aug ergözte, deren Früchte uns entgegen prangten, deren Schatten uns erquikte, da stehen sie, zum Theil schon entblättert, zum Theil im Begriff es zu werden - So der aufblühende Jüngling, so der starke reiffe Mann. Er blühte und wuchs, um wieder zu verwelken. So bald wir anfangen zu leben, so fangen wir auch wieder zu sterben an. Wer von uns kan sich darauf verlassen, daß er diese entblätterte Bäume wieder werde blühen sehen, daß er ihre künftigen Früchte wieder geniessen werde?

3, Die Natur zerstört ihr Werk nicht eher, als bis seine Absicht erreicht ist die Bäume musten zuerst Früchte bringen, die Blätter musten sie vor der stechenden Sonnenhitze des Tags, vor der Kälte der Nacht beschützen, und den Vögeln des Himmels, wie den Menschen, Kühlung u. Schatten gewähren. Jezt ist ihre Absicht erreicht. Wir bedürfen ihrer nicht weiter; sie fallen der Erde wieder heim aus der sie genommen sind - Last uns christliche Freunde nicht säumen, die Absicht die der Schöpfer mit unserm Dasein verband, zu erreichen, ehe wir zu Verwesung reif sind. Wir müssen uns zum Himmel geschikt machen; wir sollen Geschmak und Freude am Guten gewinnen, uns in der Tugend üben, Wir, die wir für einen Himmel bestirnt sind, sollen hier einander lieben lernen, um in unserm fortgesezten Umgang an einem bessern Ort, Seligkeit zu finden. Wie der belaubte Baum den Vögeln des Himmels zur Zeit des Sturms, so soll unser Herz unsre Hütte ein Ort der Zu­flucht sein für unsre bedrängte, leidende Brüder. Früchte des Glaubens, der Liebe, der Hofnung der Gedult, sind es, die wir tragen müsen, eh uns die Natur zum Grabe ruft.

4. Nur die Blätter zittern zur Erde hinab. Der Baum bleibt, was er war. Er hält die Stürme des Herbstes und Winters aus, u. treibt, so bald ihm die neue Frühlingssonne zu lacht, wieder Knospen, Zweige, Blüthen und Früchte. Selbst die abfallende Blätter sind nicht verlohren. Ihre Säfte u. Theile lösen sich auf, kehren zurük in die Erde, verarbeiten sich da von neuem, und kehren in neuer, vielleicht freilich veränderter Gestalt u. Farbe in die Gebildete Schöpfung zurük - So mit uns. Wir, die Seele, der wesentliche Theil, gleichsam der Stamm unsers Daseins, wir bleiben unter den gewaltsamen Veränderungen des Todes da, bleiben unbeschädigt, was wir warn, und blühen in dem Glanz des Himmels zu neuen Vollkommenheiten hervor. Ewiges Dasein, ewiges Wachstum, wie an Vollkommenheit, so an Seligkeit ist unser Loos; waren wir anders nicht faule Bäume, denen Jesus droht daß sie sollen abgehauen und ins Feuer geworfen werden. Und der Körper - last es uns nicht anfechten, daß die Natur das ihrige zurük fordert, und die Theile, die wir von ihr empfiengen auflöset, und zu neuen Zwecken verarbeitet. Was wir an uns hatten, ist von ihr geliehen, ist ihr nicht unser Eigenthum. Genug für uns, die Theile unsers Leibs bleiben in der Schöpfung Gottes, und werden von seiner Hand zertrennt, und verwandelt. Denn was ist die Natur anders, als Gottes wirkende Schöpferhand? Diese nemliche Hand wird einst einen neuen, und, freuet euch, einen schönern, glänzen­dem, vollkommenem Leib für eure unsterbliche Seele bilden; denn es wird gesäet verweslich und wird auferstehen pp 1 Kor. 15, 42. 43.

Diese Wahrheiten lasset uns, bei der Veranlassung die uns die Natur gibt, in dieser Jahreszeit oft bedenken - Durch die Erinnerung unsrer Sterblichkeit und unsers immer näher rückenden Todes, aufmerksam, wachsam, geschäftig zum Guten werden - Unsre Herzen von der Anhänglichkeit an die unbeständigen Güter der Erde losreissen, und nach den bessern dauerhaften Gütern des Himmels uns sehnen, Matth. 6, 19. 20. - Lasset uns, wenn wir hierinn laß und müde werden wollen, in der Erinnerung an unser Zukünftiges Glük, neuen Muth neue Kraft und Freude schöpfen.

Dieses ist meinem Bedrücken nach den Wahrheit[en] die in dem Texte liegen, und in der Ordnung wie sie auf einander folgen. Aber die Materie ist schwerer, als sie scheinet. Sie führet weiter in die Naturkentniss, als das Auge des Landmans zu bliken gewohnt ist. Es komt bei der Ausführung der Gedanken darauf an, daß man sich nicht zu lange aufhalte, daß man dem Zuhörer die Sache deutlich und begreiflich mache, ohne iedoch anstatt eine Predigt zu halten, ein Kollegium über die Naturgeschichte zu lesen.
 

 

   
 

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