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Allgemeine
Betrachtung über das Weltgebäude [8]:
Die Fixsterne [Fortsetzung] (1811)
Was bisher über die Fixsterne gesagt worden ist,
kann zum Teil mit dem leiblichen Auge gesehen und erkannt werden. Allein
das Auge des Verstandes sieht mehr als das Auge des Leibes.
Erstlich, die Fixsterne sind so weit von uns entfernt, daß gar kein
Mittel mehr möglich ist, ihre ungeheure Entfernung auszurechnen. Merke:
der nächste Fixstern bei uns ist ohne Zweifel der Sirius oder
Hundsstern, den der Herr Pfarrer auch kennt. Man schließt es aus seiner
Größe und aus seinem wunderschönen Glanz, mit dem er vor allen andern
Sternen herausstrahlt. Dessen ungeachtet muß er doch zum allerwenigsten
27 664mal weiter von uns entfernt sein, als die Sonne, denn wenn er
näher wäre, so könnte man's wissen, und eine Kanonenkugel im Sirius
abgeschossen, müßte mit gleicher Geschwindigkeit mehr als 600 000 Jahre
lang fliegen, ehe sie die Erde erreichte. Ja man könnte noch viel mehr
sagen. Aber dies soll genug sein, sonst glaubt's der geneigte Leser
nicht. Ebenso weit, als der Sirius von der Erde entfernt ist, ebenso
weit ungefähr ist er von der Sonne entfernt. Denn auf ein paar Millionen
Meilen kömmt's hier gar nicht an.
Zweitens, der Sirius, der aus einer so unermeßlichen Weite doch noch so
groß aussieht, und so ein strahlendes Licht zu uns herabwirft, muß in
seiner Heimat wenigstens ebenso groß, nein, er muß noch viel größer als
die Sonne, und folglich selber eine glorreiche strahlende Sonne sein.
Das kann nicht fehlen. Haben wir aber Ursache, für gewiß zu glauben, der
Sirius sei daheim eine Sonne, so haben wir Ursache zu glauben, jeder
andere Fixstern sei auch eine Sonne. Denn wenn sie uns auch noch soviel
kleiner erscheinen, so sind sie nur noch soviel weiter von uns entfernt.
Aber alle strahlen in ihrem eigentümlichen ewigen Lichte, oder wo hätten
sie's sonst her?
Drittens, die Entfernung unserer Sonne von dem Sirius dient uns nun zu
einem mutmaßlichen Maßstab, wie weit eine himmlische Sonne oder ein
Stern von dem andern entfernt sei. Denn wenn zwischen unserer Sonne und
der Siriussonne ein Zwischenraum ist, den eine Kanonenkugel in
600 000 Jahren nicht durchfliegen könnte, so kann man wohl glauben, daß
die andern Sonnen auch ebenso weit jede von der nächsten entfernt sei,
bis zur obersten Milchstraße hinauf, wo sie so klein scheinen und so
nahe beieinander, daß uns ein paar hundert von ihnen zusammen kaum
aussehen wie ein Nebelfleck, den man mit einem badischen
Sechskreuzerstück bedecken könnte. Es gehört nicht viel Verstand dazu,
daß er einem stillstehe.
Wenn man nun
viertens das alles bedenkt, so will es nicht scheinen, daß alle diese
zahllosen Sterne, zumal diejenigen, die man mit bloßem Auge nicht sehen
kann, nur wegen uns erschaffen worden wären, und damit der
Kalendermacher für des Lesers Geld etwas darüber schreiben könnte. Wie
wenn man in der fremden Stadt auf einer Pilgerreise über Nacht ist, und
sieht zum erstenmal durch das Fensterlein der Schlafkammer heraus,
rechts und links und über 20 Häuser hinaus, sieht man noch viel solche
Lichter abermal brennen, wie in dem Schlafstüblein auch eins schimmert.
Geneigter Pilger, diese Lichter sind nicht wegen deiner angezündet, daß
es in dem Schlafstüblein lustig aussehe, sondern jedes dieser Lichter
erleuchtet eine Stube, und es sitzen Leute dabei und lesen die Zeitung,
oder den Abendsegen, oder sie spinnen und stricken, oder spielen
Trumpfaus, und das Büblein macht ein Rechnungsexempel aus der
Regeldetri.
Gleicherweise wollen verständige Leute glauben, wo in einer solchen
Entfernung von uns, in einer solchen Entfernung voneinander so unzählige
prachtvolle Sonnen strahlen, da müssen auch Planeten und Erdkörper zu
einer jeden derselben gehören, welche von ihr Licht und Wärme und Freude
empfangen, wie unsere Planeten von unserer Sonne, und es müssen darauf
lebendige und vernünftige Geschöpfe wohnen, wie auf unserer Erde, die
sich des himmlischen Lichtes erfreuen und ihren Schöpfer anbeten, und
wenn sie etwa bei Nacht in den glanzvollen Himmel herausschauen, wer
weiß, so erblicken sie auch unsere Sonne wie ein kleines Sternlein, aber
unsere Erde sehen sie nicht, und wissen nichts davon, daß in Östreich
Krieg war, und daß die Türken die Schlacht bei Silistria gewonnen haben.
Sie sehen nicht die Schönheit unserer Erde, wenn der Frühling voll
Blüten und Sommervögel an allen Bäumen und Hecken hängt und wir sehen
die Schönheit ihres himmlischen Frühlings nicht. - Aber der ewige und
allmächtige Geist, der alle diese Lichter angezündet hat, und alle die
Heere von Weltkörpern in den Händen trägt, sieht das Kindlein lächeln
auf der Mutter Schoß, und die Braut weinen um des Bräutigams Tod, und
umfaßt die Erde und den Himmel und aller Himmel Himmel mit Liebe und
Erbarmung. Seines Orts dem Hausfreund, wenn er den Sternenhimmel
betrachtet, es wird ihm zumut, als wenn er in die göttliche Vorsehung
hineinschaute, und jeder Stern verwandelt sich in ein Sprüchlein. Der
erste sagt: Deine Jahre währen für und für, du hast vorhin die Erde
gegründet und die Himmel sind deiner Hände Werk. Der zweite sagt:
Bin ich nicht ein Gott der nahe ist, spricht der Herr, und nicht ein
Gott der ferne sei? Meinest du, daß sich jemand so heimlich verbergen
könne, daß ich ihn nicht sehe? Der dritte sagt: Herr, du
erforschest mich und kennest mich, und siebest alle meine Wege. Der
vierte sagt: Was ist der Mensch, daß du sein gedenkest, und Adams
Kind, daß du dich sein annimmst? Der fünfte sagt: Und ob auch
eine Mutter ihres Kindes vergäße, so will ich doch deiner nicht
vergessen: spricht der Herr.
Deswegen hat der Hausfreund im Kapitel von den Kometen geschrieben,
unten am Ende:
Die Sterne, die zum Beschluß sollen erklärt werden, bedeuten insgesamt
Friede und Liebe
und Gottes allmächtigen Schutz. Er weiß noch wohl, was er geschrieben
hat.
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