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Eine ungedruckte Erzählung Hebels   (1814)


[Ohne Titel]

{Über den Sieg der Alliierten in der Völkerschlacht bei Leipzig 1813}


Noch nie ist so from und rührend, ja so herrlich nur vornehm, seit dem das menschliche Herz zu beten weiß, ein Sieg gefeiert worden als bei Leipzig am 19ten Oktober 1813 der Sieg der Aliirten über die Franzosen. Der geneigte Leser mache sich auf etwas schöneres und vornehmeres gefaßt als auf klingende Feldmusik und Canonensalven, mit welchen dem lieben Gott der den Sieg verleiht – es ist noch die Frage ob ihm eine sonderliche Ehre damit angethan wird, und ob er viel darauf halten kann, zumal wenn manns mit der Siegesfeier nur vor d. Leuten bemänteln und so zu sagen verduschen will, daß man geschlagen ist, und fast nimmer viel Canonen mehr übrig hat, als gerade diejenige, aus welcher man Viktoria schießt. Der Hausfreund will zwar nicht behaupten, daß es schon da oder dort geschehen seÿ. Aber so viel hat keinen Zweifel, daß das gerührte Herz zum Beten und zur Andacht nicht absolut die Canonen nöthig hat. Denn als der kaÿserlich östreichische Feldherr Fürst Schwarzenberg am dritten Tag. aus der Schlacht geritten kam und seinem Monarchen in Gegenwart des Kaÿsers von Rußland und des Königs von Preußen die Meldung that, daß der Sieg gewonnen, u. das Heil von Europa errungen seÿ, da gog Gott das Herz und das nasse Auge des Kaisers zu sich gegen den Himmel auf, und alle drei Monarchen, Franz, Alexander, u. Friedrich Wilhelm verließen also bald die Pferde legten Hut und Waffe weg, knieeten auf bloser Erde und unter des Himmels Zelt vor dem Herrn der Heerschaaren nieder u. schämten sich vor ihren Generalen u. gemeinen Soldaten nicht, from zu seÿn und demüthig im Glück, wie sich etwa da oder dort eher ein Amtmann schämen mag oder ein Schreiber oder auch wohl ein Kriegshauptmann oder der das Fähndlein trägt. Vielmehr die ganze Generalität, u. alle Soldaten, als sie dieses schöne Beispiel sahen, ergrif es ebenfalls ihr Herz, daß sie gleichermassen abstiegen und sich auf die Kniee niderwarfen, aber sie feierten weniger den Sieg als die Frömmigkeit und das Gebet ihrer Monarchen. Es ist niemand schuldig zu wissen was die Kaiser u. der König dem lieben Gott gesagt haben, ja ob sie in Worte und in Gedanken zu fassen vermochten, was ihr hochbeglücktes Herz gefühlt hat. Aber als sie wieder aufgestanden waren umarmten sie sich u. sagte einer zu dem andern:  "Gott ist mit uns", nemlich – "weil er unsere Waffen gesegnet hat und laut erscholl es durch alle Reihen in deutscher russischer und ungarischer Zunge wie ein tausendfaches Echo! "Gott ist mit uns" - nemlich - "weil wir so gottesfürchtige Regenten haben", und die Engel vom Himmel herab lächelten daß ihnen diese Siegesfeier wohl gefalle, und daß es dem also seÿ. Die Soldaten aber wurden selbigen Abend mit Brod und Wein erklecklich gelabt, und der Hausfreund sieht ein par Gulden auch nicht an, die es ihn dismals mehr kostet, daß er die Vorstellung dazu auf einem halben Bogen gibt.



gog (Schreibfehler) = bog

 



 

An Stelle von Hebels "halbem Bogen":



Karl Philipp Fürst zu Schwarzenberg meldet den verbündeten Monarchen
 den Sieg in der Völkerschlacht bei Leipzig.
 
  Eine ungedruckte Erzählung Hebels für den Rheinländischen Hausfreund
mitgeteilt von Karl Obser


Bei der vom dem Antiquariat K. E. Henrici im Sommer d. J. zu Berlin veranstalteten gross Auktion von Autographen und Stammbüchern hat Geh. Hofrat Prof. D. M. Rosenberg für seine Badischen Sammlungen neben einer wertvollen, umfangreichen Korrespondenz Joh. Peter Hebels mit dem Heidelberger Pfarrer Wolf auch den handschriftlichen Entwurf des Dichters zu einem für den "Rheinländischen Hausfreund" bestimmten Beitrage erworben. 1 Die hübsche kleine Erzählung, der, wie die Schlussworte andeuten, auch eine bildliche Darstellung des Vorganges beigefügt werden sollte, behandelt die Siegesfeier nach der Völkerschlacht bei Leipzig. Sie ist in dem Kalender, für den sie geschrieben war, nie erschienen und bis heute unbekannt geblieben.
Über die Gründe, aus denen die Veröffentlichung unterblieb, lassen sich verschiedene vermutungen äußern. Es mag sein, dass die Bemerkung "man habe wegen angeblicher Siege oft Victoria geschossen, wenn man sonst kaum mehr Kanonen übrig gehabt, in Karlsruhe im Hinblick auf die jüngste Vergangenheit empfindlich berührte und von der Censur, der sie unterlag, beanstandet wurde. Aber auch ein Anderer ist wohl denkbar. Wie wir wissen wurde im Herbst 1814, als der Kalender für 1815 schon gedruckt war, der Verkauf plötzlich untersagt, weil eine der Erzählungen: "Der fromme Rat" unverständlicher Weise Anstoß erregte. Hebel selbst aber wurde durch kränkende Massregel bestimmt, sich von der Herausgabe zurück zu ziehen. Auch als Mitarbeiter hat er zum Kalender 1816 nur noch 2 Beiträge beigesteuert. Andere mögen ungedruckt in der Mappe liegen geblieben sein, auch dann, als er 1819 vorübergehend noch einmal die Redaktion des "Hausfreundes" übernahm. Vielleicht hat aus ähnlichen Gründen die Erzählung, die hier folgt, ihr Schicksal geteilt. Sie lautet aber:
[s. o.]

 
   1 Katalog V nr. 1061


im Sommer d. J. = Datumsvermerk auf der Handschrift: 30.III. 11
(Da Rosenberg 1908 Geh. Hofrat wurde, entw. 1909 oder 1910)
K. E. Henrici = siehe Wikipedia
Geh. Hofrat Prof. D. M. Rosenberg = siehe Wikipedia
Pfarrer Wolf = unbekannt
   
 

 





Quelle:

Universitätsbibliothek Freiburg
Autor/Titel: Pfaff NL 9
Eine ungedruckte Erzählung Hebels für den Rheinischen Hausfreund
Obser, Karl (1860-1944)
o.O., 1911. - 3 Bl., 1 Doppelbl., Deutsch. - Prosa
Standnummer(n): Signatur: NL 9/VI A 32





Das nach dem Faksimiledruck
von 1981 erstellte
Gesamtverzeichnis
der Kalenderbeiträge
1803-1826

 

 



Gemälde:

Johann Peter Krafft, 1817, Heeresgeschichtliches Museum Wien.

Wikipedia, User: Pappenheim; gemeinfrei

 

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