|
Schreckliche Unglücksfälle in der Schweiz (1810)
Hat jede Gegend ihr Liebes, so hat sie auch ihr Leides, und wer manchmal
erfährt, was an andern Orten geschieht, findet wohl Ursache, zufrieden
zu sein mit seiner Heimat. Hat z. B. die Schweiz viel herdenreiche
Alpen, Käse und Butter und Freiheit, so hat sie auch Lavinen. Der 12.
Dezember des Jahrs 1809 brachte für die hohen Bergtäler dieses Landes
eine fürchterliche Nacht, und lehrt uns, wie ein Mensch wohl täglich
Ursache hat, an das Sprüchlein zu denken: „Mitten wir im Leben sind mit
dem Tod umfangen." Auf allen hohen Bergen lag ein tiefer frisch
gefallener Schnee. Der zwölfte Dezember brachte Tauwind und Sturm. Da
dachte jedermann an großes Unglück, und betete. Wer sich und seine
Wohnung für sicher hielt, schwebte in Betrübnis und Angst für die
Armen, die es treffen wird, und wer sich nicht für sicher hielt, sagte
zu seinen Kindern: „Morgen geht uns die Sonne nimmer auf", und bereitete
sich zu einem seligen Ende. Da rissen sich auf einmal und an allen Orten
von den Firsten der höchsten Berge die Lavinen oder Schneefälle los,
stürzten mit entsetzlichem Tosen und Krachen über die langen Halden
herab, wurden immer größer und größer, schossen immer schneller, toseten
und krachten immer fürchterlicher, und jagten die Luft vor sich und so
durcheinander, daß im Sturm, noch ehe die Lavine ankam, ganze Wälder
zusammenkrachten, und Ställe, Scheuren und Waldungen wie Spreu
davonflogen, und wo die Lavinen sich in den Tälern niederstürzten, da
wurden stundenlange Strecken, mit allen Wohngebäuden, die darauf
standen, und mit allem Lebendigen, was darin atmete, erdrückt und
zerschmettert, wer nicht wie durch ein göttliches Wunder gerettet wurde.
Einer von zwei Brüdern in Uri, die miteinander hauseten, war auf dem
Dach, das hinten an den Berg anstoßt, und dachte: „Ich will den
Zwischenraum zwischen dem Berg und dem Dächlein mit Schnee ausfüllen und
alles eben machen, auf daß, wenn die Lavine kommt, so fährt sie über das
Häuslein weg, daß wir vielleicht" - und als er sagen wollte: „daß wir
vielleicht mit dem Leben davonkommen" - da führte ihn der plötzliche
Windbraus, der vor der Lavine hergeht, vom Dach hinweg und hob ihn
schwebend in der Luft, wie einen Vogel über einem entsetzlichen Abgrund.
Und als er eben in Gefahr war in die unermeßliche Tiefe hinabzustürzen,
und wäre seines Gebeins nimmer gefunden worden, da streifte die Lavine
an ihm vorbei und warf ihn seitwärts an eine Halde. Er sagt, es habe ihm
nicht wohlgetan, aber in der Betäubung umklammerte er noch einen Baum, an
dem er sich festhielt, bis alles vorüber war, und kam glücklich davon
und ging wieder heim zu seinem Bruder, der auch noch lebte, obgleich der
Stall neben dem Häuslein wie mit einem Besen weggewischt war. Da konnte
man wohl auch sagen: „Der Herr hat seinen Engeln befohlen über dir, daß
sie dich auf den Händen tragen. Denn er macht Sturmwinde zu seinen
Boten, und die Lavinen, daß sie seine Befehle ausrichten."
Anders erging es im Sturnen, ebenfalls im Kanton Uri. Nach dem
Abendsegen sagte der Vater zu der Frau und den drei Kindern: „Wir wollen
doch auch noch ein Gebet verrichten für die armen Leute, die in dieser
Nacht in Gefahr sind." Und während sie beteten, donnerte schon aus allen
Tälern der ferne Widerhall der Lavinen, und während sie noch beteten,
stürzte plötzlich der Stall und das Haus zusammen. Der Vater wurde vom
Sturmwind hinweggeführt, hinaus in die fürchterliche Nacht, und unten am
Berg abgesetzt und von dem nachwehenden Schnee begraben. Noch lebte er,
als er aber den andern Morgen mit unmenschlicher Anstrengung sich hervorgegraben, und die Stätte seiner Wohnung wieder erreicht hatte,
und sehen wollte was aus den Seinigen geworden sei, barmherziger Himmel!
da war nur Schnee und Schnee, und kein Zeichen einer Wohnung, keine Spur
des Lebens mehr wahrzunehmen. Doch vernahm er nach langem ängstlichem
Rufen, wie aus einem tiefen Grab, die Stimme seines Weibes unter dem
Schnee herauf. Und als er sie glücklich und unbeschädiget
hervorgegraben hatte, da hörten sie plötzlich noch eine bekannte und
liebe Stimme: „Mutter, ich wäre auch noch am Leben", rief ein Kind,
„aber ich kann nicht heraus." Nun arbeitete Vater und Mutter noch einmal
und brachten auch das Kind hervor, und ein Arm war ihm abgebrochen. Da
ward ihr Herz mit Freude und Schmerzen erfüllt, und von ihren Augen
flossen Tränen des Dankes und der Wehmut. Denn die zwei andern Kinder
wurden auch noch herausgegraben, aber tot.

In Pilzeig, ebenfalls im Kanton Uri, wurde eine Mutter mit zwei Kindern
fortgerissen, und unten in der Tiefe vom Schnee verschüttet. Ein Mann,
ihr Nachbar, den die Lavine ebenfalls dahin geworfen hatte, hörte ihr
Wimmern und grub sie hervor. Vergeblich war das Lächeln der Hoffnung in
ihrem Antlitz. Als die Mutter halbnackt umherschaute, kannte sie die
Gegend nicht mehr, in der sie war. Ihr Retter selbst war unmächtig
niedergesunken. Neue Hügel und Berge von Schriee, und ein entsetzlicher
Wirbel von Schneeflocken füllten die Luft. Da sagte die Mutter: „Kinder,
hier ist keine Rettung möglich; wir wollen beten, und uns dem Willen
Gottes überlassen." Und als sie beteten, sank die siebenjährige Tochter
sterbend in die Arme der Mutter, und als die Mutter mit gebrochenem
Herzen ihr zusprach, und ihr Kind der Barmherzigkeit Gottes empfahl, da
verließen sie ihre Kräfte auch. Sie war eine 14tägige Kindbetterin, und
sie sank mit dem teuren Leichnam ihres Kindes in dem Schoß, ebenfalls
leblos darnieder. Die andere eilfjährige Tochter hielt weinend und
händeringend bei der Mutter und Schwester aus, bis sie tot waren,
drückte ihnen alsdann, eh sie auf eigene Rettung bedacht war, mit
stummem Schmerz die Augen zu, und arbeitete sich mit unsäglicher Mühe
und Gefahr erst zu einem Baum, dann zu einem Felsen herauf und kam gegen
Mitternacht endlich an ein Haus, wo sie zum Fenster hinein aufgenommen,
und mit den Bewohnern des Hauses erhalten wurde.
Kurz, in allen Bergkantonen der Schweiz, in Bern, Glarus, Uri, Schwitz,
Graubündten, sind in einer Nacht, und fast in der nämlichen Stunde,
durch die Lavinen ganze Familien erdrückt, ganze Viehherden mit ihren
Stallungen zerschmettert, Matten und Gartenland bis auf den nackten
Felsen hinab aufgeschürft und weggeführt, und ganze Wälder zerstört
worden, also daß sie ins Tal gestürzt sind, oder die Bäume lagen
übereinander zerschmettert und zerknickt, wie die Halmen auf einem Acker
nach dem Hagelschlag. Sind ja in dem einzigen kleinen Kanton Uri fast
mit einem Schlag 11 Personen unter dem Schnee begraben worden, und sind
nimmer auferstanden, gegen 30 Häuser, und mehr als 150 Heuställe
zerstört und 359 Häuptlein Vieh umgekommen, und man wußte nicht, auf
wievielmal hunderttausend Gulden soll man den Schaden berechnen, ohne
die verlornen Menschen. Denn das Leben eines Vaters oder einer Mutter
oder frommen Gemahls oder Kindes ist nicht mit Geld zu schätzen.
|