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Merkwürdige Schicksale eines jungen Engländers
(1809)
Eines Tages reiste ein junger Engländer auf dem Postwagen zum erstenmal in die große Stadt London, wo er von den Menschen, die
daselbst wohnen, keinen einzigen kannte, als seinen Schwager, den er
besuchen wollte, und seine Schwester, so des Schwagers Frau war.
Auch auf dem Postwagen war neben ihm niemand, als der Kondukteur,
das ist, der Aufseher über den Postwagen, der auf alles achthaben,
und an Ort und Stelle über die Briefe und Pakete Red und Antwort geben
muß; und die zwei Reisekameraden dachten damals nicht daran,
wo sie einander das nächstemal wiedersehen würden. Der Postwagen
kam erst in der tiefen Nacht in London an. In dem Posthause konnte
der Fremde nicht über Nacht bleiben, weil der Postmeister daselbst
ein vornehmer Herr ist, und nicht wirtet, und des Schwagers Haus wußte
der arme Jüngling, in der ungeheuer großen Stadt, bei
stockfinsterer Nacht, so wenig zu finden, als in einem Wagen voll
Heu, eine Stecknadel.

Da sagte zu ihm der Kondukteur: „Junger Herr, kommt Ihr mit mir! Ich bin zwar auch nicht hier daheim,
aber ich habe, wenn ich nach London komme, bei einer Verwandten ein Stüblein, wo zwei Better stehen. Meine Base wird Euch schon
beherbergen, und morgen könnt Ihr Euch, alsdann nach Eures Schwagers
Haus erkundigen, wo Ihr's besser finden werdet." Das ließ sich der junge
Mensch nicht zweimal sagen. Sie tranken bei der Frau Base noch einen
Krug englisches Bier, aßen eine Knackwurst dazu, und legten sich dann
schlafen. In der Nacht kam den Fremden eine Notdurft an, und mußt
hinausgehn. Da war er schlimmer dran, als noch nie. Denn er wußte in
seiner dermaligen Nachtherberge, so klein sie war, so wenig Bericht,
als ein paar Stunden vorher in der großen Stadt. Zum Glück aber wurde
der Kondukteur auch wach, und sagte ihm wie er gehen müsse, links und
rechts, und wieder links. „Die Türe", fuhr er fort, „ist zwar
verschlossen, wenn Ihr an Ort und Stelle kommt, und wir haben den
Schlüssel verloren. Aber nehmt in meinem Rockelorsack mein großes Messer
mit, und schiebt es zwischen dem Türlein und dem Pfosten hinein, so
springt inwendig die Falle auf! Geht nur dem Gehör nach! Ihr hört ja die
Themse rauschen, und zieht etwas an, die Nacht ist kalt." Der Fremde
erwischte in der Geschwindigkeit und in der Finsternis das Kamisol des
Kondukteurs, statt des seinen, zog es an, und kam glücklich an den
Platz. Denn er schlug es nicht hoch an, daß er unterwegs einmal den Rang
zu kurz genommen hatte, so, daß er mit der Nase an ein Eck anstieß, und
wegen dem hitzigen Bier, so er getrunken hatte, entsetzlich blutete.
Allein, ob dem starken Blutverlust und der Verkältung bekam er eine
Schwäche und schlief ein. Der nachtfertige Kondukteur wartete und
wartete, wußte nicht, wo sein Schlafkamerad so lange bleibt, bis er auf
der Gasse einen Lärm vernahm, da fiel ihm im halben Schlaf der Gedanke
ein: Was gilt's, der arme Mensch ist an die Haustüre kommen, ist auf die
Gasse hinausgegangen, und gepreßt worden. Denn wenn die Engländer viel
Volk auf ihre Schiffe brauchen, so gehen unversehens bestellte starke
Männer nachts in den gemeinen Wirtsstuben, in verdächtigen Häusern und
auf der Gasse herum, und wer ihnen alsdann in die Hände kommt und
tauglich ist, den fragen sie nicht lange, „Landsmann, wer bist du?" oder
„Landsmann, wer seid Ihr?" sondern machen kurzen Prozeß, schleppen ihn,
- gern oder ungern, - fort auf die Schiffe, und Gott befohlen! Solch
eine nächtliche Menschenjagd nennt man Pressen; und deswegen sagte der
Kondukteur: „Was gilt's, er ist gepreßt worden!" - In dieser Angst
sprang er eilig auf, warf seinen Rockelor um sich, und eilte auf die
Gasse, um womöglich den armen Schelm zu retten. Als er aber eine Gasse
und zwei Gassen weit dem Lärmen nachgegangen war, fiel er selber den
Pressern in die Hände, wurde auf ein Schiff geschleppt, - ungern - und
den andern Morgen weiters. Weg war er. Nachher kam der junge Mensch im
Hause wieder zu sich, eilte, wie er war, in sein Bette zurück, ohne den
Schlafkameraden zu vermissen, und schlief bis in den Tag. Unterdessen
wurde der Kondukteur, um 8 Uhr auf der Post erwartet, und als er immer
und immer nicht kommen wollte, wurde ein Postbedienter abgeschickt, ihn
zu suchen. Der fand keinen Kondukteur, aber einen Mann mit blutigem
Gewand im Bett liegen, auf dem Gang ein großes offenes Messer, Blut bis
auf den Abtritt, und unten rauschte die Themse. Da fiel ein böser
Verdacht auf den blutigen Fremdling, er habe den Kondukteur ermordet und
in das Wasser geworfen. Er wurde in ein Verhör geführt, und als man ihn
visitierte und in den Taschen des Kamisols, das er noch immer anhatte,
einen ledernen Geldbeutel fand, mit dem wohlbekannten silbernen
Petschaftring des Kondukteurs am Riemen befestigt, da war es um den
armen Jüngling geschehn. Er berief sich auf seinen Schwager, - man
kannte ihn nicht - auf seine Schwester, - man wußte von ihr nichts. Er
erzählte den ganzen Hergang der Sache, wie er selber sie wußte. Aber die
Blutrichter sagten: „Das sind blaue Nebel, und Ihr werdet gehenkt." Und
wie gesagt, so geschehn, noch am nämlichen Nachmittag nach
engländischem Recht und Brauch. Mit dem engländischen Brauch aber ist
es so: Weil in London der Spitzbuben viele sind, so macht man mit
denen, die gehenkt werden, kurzen Prozeß, und bekümmern sich nicht viele
Leute darum, weil man's oft sehen kann. Die Missetäter, so viel man auf
einmal hat, werden auf einen breiten Wagen gesetzt, und bis unter den
Galgen geführt. Dort hängt man den Strick in den bösen Nagel ein, fährt
alsdann mit dem Wagen unter ihnen weg, läßt die schönen Gesellen
zappeln, und schaut nicht um. Allein in England ist das Hängen nicht so
schimpflich wie bei uns, sondern nur tödlich. Deswegen kommen nachher
die nächsten Verwandten des Missetäters, und ziehn so lange unten an den
Beinen, bis der Herr Vetter oben erstickt. Aber unserm Fremdling tat
niemand diesen traurigen Dienst der Liebe und Freundschaft an, bis
abends ein junges Ehepaar, Arm in Arm, auf einem Spaziergang von
ungefähr über den Richtplatz wandelte, und im Vorbeigehen nach dem
Galgen schaute. Da fiel die Frau, mit einem lauten Schrei des
Entsetzens, in die Arme ihres Mannes: „Barmherziger Himmel, da hängt
unser Bruder!" Aber noch größer wurde der Schrecken, als der Gehenkte
bei der bekannten Stimme seiner Schwester die Augenlider aufschlug, und
die Augen fürchterlich drehte. Denn er lebte noch, und das Ehepaar, das
vorüberging, war die Schwester und der Schwager. Der Schwager aber, der
ein entschlossener Mann war, verlor die Besinnung nicht, sondern dachte
in der Stille auf Rettung. Der Platz war entlegen, die Leute hatten sich
verlaufen, und um Geld und gute Worte gewann er ein paar beherzte und
vertraute Pursche, die nahmen den Gehenkten, mir nichts dir nichts, ab,
als wenn sie das Recht dazu hätten, und brachten ihn glücklich und unbeschrieen in des Schwagers Haus. Dort ward er in wenig Stunden
wieder zu sich gebracht, bekam ein kleines Fieber, und wurde unter der
lieben Pflege seiner getrösteten Schwester bald wieder völlig gesund.
Eines Abends aber sagte der Schwager zu ihm: „Schwager! Ihr könnt nun in
dem Land nicht bleiben. Wenn Ihr entdeckt werdet, so könnt Ihr noch
einmal gehenkt werden, und ich dazu. Und, wenn auch nicht, so habt Ihr
ein Halsband an Eurem Hals getragen, das für Euch und Eure Verwandten
ein schlechter Staat war. Ihr müßt nach Amerika. Dort will ich für Euch
sorgen." Das sah der gute Jüngling ein, ging bei der ersten Gelegenheit
in ein vertrautes Schiff, und kam nach 80 Tagen glücklich in dem
Seehafen von Philadelphia an. Als er aber hier an einem landfremden
Orte mit schwerem Herzen wieder an das Ufer stieg; und als er eben bei
sich selber dachte: „Wenn mir doch Gott
auch nur einen einzigen Mensehen entgegenführte, der mich
kennt"; siehe da kam in armseliger Schiffskleidung der Kondukteur. Aber so groß sonst die Freude des unverhofften
Wiedersehens an einem solchen fremden Orte ist, so war doch
hier der erste Willkomm schlecht genug. Denn der Kondukteur, als er seinen Mann erkannte, ging er mit geballter Faust
auf ihn los: „Wo führt Euch der Böse her, verdammter Nachtläufer? wißt Ihr, daß ich wegen Euch bin gepreßt worden?"
Der Engländer aber sagte: „Goddam, Ihr vermaledeiter
Überall und Nirgends, wißt Ihr, daß man wegen Euch mich
gehenkt hat?" hernach aber gingen sie miteinander ins Wirtshaus zu den 3 Kronen in Philadelphia, und erzählten sich
ihr Schicksal. Und der junge Engländer, der in einem Handlungshaus gute Geschäfte machte, ruhte nachher nicht, bis er
seinen guten Freund loskaufte und wieder nach London zurückschicken konnte.
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