|
Der
Prozeß ohne Gesetz (1813)
Nur weil es unter allen Ständen einfältige Leute
gibt, gibt es solche auch unter dem achtungswerten Bauernstand, sonst war
es nicht nötig. Ein solcher schob eines Morgens einen schwarzen Rettig und
ein Stück Brot in die Tasche, und „Frau", sagte er, „gib acht zum Haus,
ich gehe jetzt in die Stadt." Unterwegs sagte er von Zeit zu Zeit: „Dich
will ich bekommen. Mit dir will ich fertig werden", und nahm allemal eine
Prise darauf, als wenn er den Tabak meinte, mit ihm woll er fertig werden;
er meinte aber seinen Schwager den Ölmüller. In der Stadt ging er
geradeswegs zu einem Advokaten und erzählte ihm, was er für einen Streit
habe, mit seinem Schwager, wegen einem Stück Reben im untern Berg, und wie
einmal der Schwed am Rhein gewesen sei, und seine Voreltern drauf ins Land
gekommen sein, der Schwager aber sei von Enzberg im Wirtembergischen, und
der Herr Advokat soll jetzt so gut sein und einen Prozeß daraus machen.
Der Advokat mit einer Tabakspfeife im Mund, sie rauchen fast
alle, tat gewaltige Züge voll Rauch und es gab lauter schwebende Ringlein
in der Luft, der Adjunkt kann auch machen. Dabei war er aber ein
aufrichtiger Mann, als Rechtsfreund, und Rechtsbeistand, natürlich. „Guter
Mann", sagte er, „wenn's so ist, wie Ihr mir da vortragt, den Prozeß könnt
Ihr nicht gewinnen", und holte ihm vom Schaft das Landrecht hinter einem
porzellinen Tabakstopf hervor. „Seht da", schlug er ihm auf, „Kapitel
soundso viel Numero vier, das Gesetz spricht gegen Euch unverrichteter
Sachen." Indem klopft jemand an der Türe, und tritt herein, und ob er
einen Zwerchsack über die Schulter hängen hatte, und etwas drin, genug der
Advokat geht mit ihm in die Kammer abseits. „Ich komm gleich wieder zu
Euch." Unterdessen riß der Bauersmann das Blatt aus dem Landrecht, worauf
das Gesetz stand, drückte es geschwind in die Tasche und legte das Buch
wieder zusammen. Als er wieder bei dem Advokaten allein war, stellt er den
rechten Fuß ein wenig vor, und schlotterte mit dem Knie ein paarmal ein-
und auswärts, teils weil es dortzuland zum guten Vortrag gehört, teils
damit der Advokat etwas sollte klingeln hören oben in der Tasche. „Ihr
Gnaden", sagte er zu dem Advokaten, „ich hab mich unterdessen besonnen.
Ich meine, ich will's doch probieren, wenn Sie sich der Sache annehmen
wollten", und machte ein verschlagenes Gesicht dazu, als wenn er noch
etwas wissen und sagen wollte: Es kann nicht fehlen. Der Advokat sagte:
„Ich habe aufrichtig mit Euch gesprochen, und Euch klaren Wein
eingeschenkt"; der Bauersmann schaute unwillkürlich auf den Tisch, aber er
sah keinen. „Wenn Ihr's wollt drauf ankommen lassen", fuhr der Advokat
fort, „so kommt's mir auch nicht drauf an." Der Bauermann sagte: „Es wird
nicht alles gefehlt sein."
Kurz, der Prozeß wird anhängig und der Advokat brauchte das Landrecht
nicht mehr weiters dazu, weil er das Gesetz auswendig wußte, wie alle.
Item was geschieht? Der Gegenpart hatte einen saumseligen Advokaten, der
Advokat verabsäumt einen Termin, und unser Bauersmann gewinnt den Prozeß.
Als ihm nun der Advokat den Spruch publizierte, „aber nicht wahr", sagte
der Advokat, „diesen schlechten Rechtshandel hab ich gut für Euch
geführt?" - „Den Gukuk hat Er", erwiderte der Bauersmann und zog das
ausgerissene Blatt wieder aus der Tasche hervor, „sieht Er da. Kann Er
gedruckt lesen? Wenn ich nicht das Gesetz aus dem Landrecht gerissen
hätte, Er hätt den Prozeß lang verloren." Denn er meinte, wirklich, der
Prozeß sei dadurch zu seinem Vorteil ausgefallen, daß er das gefährliche
Gesetz aus dem Landrecht gerissen hatte, und auf dem Heimweg, sooft er
eine Prise nahm, machte er allemal ein pfiffiges Gesicht, und sagte: „Mit
dir bin ich fertig worden, Ölmüller."
Item: So können Prozesse gewonnen werden. Wohl dem, der keinen zu
verlieren hat. |