Nützliche Lehren [1807]
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„Ein Narr fragt viel, worauf kein Weiser antwortet." Das muß zweimal
wahr sein. Fürs erste kann gar wohl der einfältigste Mensch eine Frage
tun, worauf auch der Weiseste keinen Bescheid zu geben weiß. Denn Fragen
ist leichter als Antworten, wie Fordern oft leichter ist, als Geben,
Rufen leichter, als Kommen. Fürs andere könnte manchmal der Weise wohl
eine Antwort geben, aber er will nicht, weil die Frage einfältig ist,
oder wortwitzig, oder weil sie zur Unzeit kommt. Gar oft erkennt man
ohne Mühe den einfältigen Menschen am Fragen und den Verständigen am
Schweigen. „Keine Antwort ist auch eine Antwort." Von dem Doktor Luther
verlangte einst jemand zu wissen, was wohl Gott vor Erschaffung der Welt
die lange, lange Ewigkeit hindurch getan habe. Dem erwiderte der fromme
und witzige Mann: „In einem Birkenwald sei der liebe Gott gesessen und
habe zur Bestrafung für solche Leute, die unnütze Fragen tun, Ruten
geschnitten." „Rom ist nicht in einem Tage erbaut worden." Damit
entschuldigen sich viele fahrlässige und träge Menschen, welche ihr
Geschäft nicht treiben und vollenden mögen, und schon müde sind, ehe sie
recht anfangen. Mit dem Rom ist es aber eigentlich so zugegangen. Es
haben viele fleißige Hände viele Tage lang vom frühen Morgen bis zum
späten Abend unverdrossen daran gearbeitet, und nicht abgelassen, bis es
fertig war und der Hahn auf dem Kirchturm stand. So ist Rom entstanden.
Was du zu tun hast, mach's auch so!
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„Rom ist nicht in einem
Tage erbaut worden."
Damit entschuldigen
sich viele fahrlässige und träge Menschen, welche
ihr Geschäft nicht treiben und vollenden mögen, und schon
müde sind, ehe sie recht anfangen. Mit dem Rom ist es aber
eigentlich so
zugegangen. Es haben viele fleißige Hände viele Tage lang vom frühen
Morgen bis zum späten Abend unverdrossen
daran gearbeitet, und nicht abgelassen, bis es fertig
war und der Hahn auf dem Kirchturm stand. So
ist Rom entstanden. Was du zu tun hast, mach's auch so!
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„Frisch gewagt ist halb gewonnen." Daraus folgt: „Frisch gewagt ist auch
halb verloren." Das kann nicht fehlen. Deswegen sagt man auch: „Wagen
gewinnt, Wagen verliert."
Was muß also den Ausschlag geben? Prüfung, ob man die Kräfte habe zu
dem, was man wagen will, Überlegung wie es anzufangen sei, Benutzung der
günstigen Zeit und Umstände, und hintennach, wenn man sein mutiges A
gesagt hat, ein besonnenes B, und ein bescheidenes C. Aber soviel muß
wahr bleiben: Wenn etwas Gewagtes soll unternommen werden, und kann
nicht anders sein, so ist ein frischer Mut zur Sache der Meister, und
der muß dich durchreißen. Aber wenn du immer willst, und fängst nie an,
oder du hast schon angefangen, und es reut dich wieder, und willst, wie
man sagt, auf dem trockenen Lande ertrinken, guter Freund, dann ist
„schlecht gewagt ganz verloren."
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„Es ist nicht alles Gold, was glänzt." Mancher, der nicht an dieses
Sprichwort denkt, wird betrogen. Aber eine andere Erfahrung wird noch
öfter vergessen: „Manches glänzt nicht und ist doch Gold", und wer das
nicht glaubt, und nicht daran denkt, der ist noch schlimmer daran. In
einem wohlbestellten Acker, in einem gut eingerichteten Gewerbe ist viel
Gold verborgen, und eine fleißige Hand weiß es zu finden, und ein
ruhiges Herz dazu und ein gutes Gewissen glänzt auch nicht, und ist noch
mehr als Goldes wert. Oft ist gerade da am wenigsten Gold, wo der Glanz
und die Prahlerei am größten ist. Wer viel Lärm macht, hat wenig Mut.
Wer viel von seinen Talern redet, hat nicht viel. Einer prahlte, er habe
ein ganzes Simri (Sester) Dukaten daheim. Als er sie zeigen sollte,
wollte er lange nicht daran. Endlich brachte er ein kleines rundes
Schächtelein zum Vorschein, das man mit der Hand decken konnte. Doch
half er sich mit einer guten Ausrede. Das Dukatenmaß, sagte er, sei
kleiner als das Fruchtmaß. |