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Nützliche Lehren
[1805]
1
Die Menschen nehmen oft ein kleines Ungemach viel schwerer auf, und
tragen es ungedultiger, als ein großes Unglück, und der ist noch nicht
am schlimmsten daran, der viel zu klagen hat, und alle Tage etwas
anders. Erfahrung und Übung im Unglück lehrt schweigen. Aber wenn ihr
einen Menschen wißt, der nicht klagt, und doch nicht fröhlich sein kann,
ihr fragt ihn, was ihm fehle, und er sagt's euch kurz und gut, oder gar
nicht, dem sucht ein gutes Zutrauen abzugewinnen, wenn ihr es wert seid,
und ratet und helft ihm; wenn ihr könnt.
2
Ist denn der Mensch deswegen so schlimm und so schlecht, weil die bösen
Neigungen zuerst in seinem Herzen erwachen, und das Gute nur durch
Erziehung und Unterricht bei ihm anschlägt? Euer bester Ackerboden trägt
doch auch nur Gras und Unkraut aus eigener Kraft, und euer Leben lang
keine Weizenernte; und ein dürres Sandfeld, das nicht einmal aus eigener
Kraft Unkraut treibt, wird auch euern Fleiß und eure Hoffnung nie mit
einer Fruchtgarbe erfreuen. Aber wenn ihr den guten Boden ansäet zu
rechter Zeit, sein wartet und pfleget, wie sich's gebühret, so steigt im
Morgentau und Abendregen eine fröhliche Saat empor, und die Raden und
Kornrosen und mancherlei taubes Gras möchten gern, aber es kann nicht
mehr emporkommen. Die gesunde Ähre schwankt in der Luft, und füllt sich
mit kostbaren Körnern. So ist es mit dem Menschen und mit seinem Herzen
auch. Was lernen wir daraus? Man muß nicht unzeitig klagen und hadern
und die Hoffnung aufgeben, ehe sie erfüllt werden kann. Man muß den
Fleiß, die Mühe und Geduld, die man an eine Handvoll Fruchthalmen gerne
verwendet, an den eigenen Kindern sich nicht verdrüßen lassen. Man muß
dem Unkraut zuvorkommen, und guten Samen, schöne Tugenden in das weiche
zarte Herz hineinpflanzen, und Gott vertrauen, so wird's besser werden.
3
Man vergißt im menschlichen Leben nichts so leicht, als das
Multiplizieren, wenn man es noch so gut in der Schule gelernt hat und
kann. Und doch lernt man in der Schule für das Leben, und die Weisheit
besteht nicht im Wissen, sondern in der rechten Anwendung und Ausübung
davon. Es kann jemand einen Tag in den andern nur einen Groschen
unnötigerweise ausgeben. Mancher, der den Groschen übrig hat, tut es,
und meint, es sei nicht viel. Aber in einem Jahre sind es 365 Groschen,
und in dreißig Jahren 10950 Groschen. Facit 547 fl. 30 kr. weggeworfenes
Geld, und das ist doch viel.
Ein anderer kann einen Tag in den andern zwei Stunden unnütz und im
Müßiggang zubringen, und meint jedesmal, für heute lasse es sich
verantworten. Das multipliziert sich in einem Jahr zu 730 Stunden, und
in dreißig Jahren zu 21 900 Stunden. Facit 912 verlorene Tage des kurzen
Lebens. Das ist noch mehr als 547 fl. wer's bedenkt. - Die Erde hat 5400
deutsche Meilen, oder 10 800 Stunden im Umkreis. Das ist ein weiter Weg.
Aber wenn man in gerader Linie fortgehen könnte, und es wollte jemand
jeden Tag nur eine Stunde davon zurücklegen, so könnte er im dreißigsten
Jahr wieder daheim sein. Daraus ist zu lernen, wie weit ein Mensch in
seinem Leben es nach und nach bringen kann, wenn er zu einem nützlichen
Geschäft jeden Tag nur eine Stunde anwenden will, und wieviel weiter
noch, wenn er alle Tage dazu benutzt, besser und vollkommener zu werden,
und sein eigenes Wohl und das Wohl der Seinigen zu befördern. Aber wer
nie anfängt, der hört nie auf, und wem wenig auf einmal nicht genug ist,
der erfährt nie, wie man nach und nach zu vielem kommt.
4
Zum Erwerben eines Glücks gehört Fleiß und Geduld, und zu Erhaltung
desselben gehört Mäßigung und Vorsicht. Langsam und Schritt für Schritt
steigt man eine Treppe hinauf. Aber in einem Augenblick fällt man hinab,
und bringt Wunden und Schmerzen genug
mit auf die Erde. |