|
Mißverstand
( 1819 )
Von drei Schlafkameraden war der eine eben am süßen Einschlummern, als
der zweite zum dritten sprach: „Joachim was soll das heißen, daß du seit
am Montag nichts mehr mit mir redest, so wir doch unser Leben lang gute
Freunde gewesen sind. Hast du etwas gegen mich, so sag's." - Der dritte
erwiderte dem zweiten: „Wer mit mir nicht redet, mit dem rede ich auch
nicht, mein guter Bartenstein. Wie man in den Wald schreit, so schreit's
wider." Darauf sagt der zweite: „So? du nennst mich mit meinem Zunamen?
Ich kann dich auch mit deinem Zunamen nennen, mein guter Marbacher. Wie
man in den Wald schreit, so schreit's auch wider." Der dritte sagt
wieder zum zweiten: „So war's nicht gemeint Bastian. Übrigens halte ich
den Geschlechtsnamen meines seligen Vaters für keinen Schimpf. Ich
hoffe, er hat dich als ein ehrlicher Mann zur Taufe gehoben." Darauf
entgegnete der zweite: „Ich den meinigen auch nicht. Ich hoffe, deine
Mutter hat einen ehrlichen Mann zum Beistand. Aber man erkennt etwas
daran." Der dritte sagt: „Dein Vater ist ein braver Mann, der meiner
Mutter mit gutem Rat redlich an die Hand geht." Der zweite sagt: „Dein
Vater war auch ein braver Mann, und hat mir viel Gutes erwiesen. Aber
sie redeten miteinander." Der dritte fuhr gegen den zweiten fort: „Eben
darum. An einem andern hätt es mich nicht verdrossen, daß du mir den
Montag keine Antwort gabst, als ich dich zum zweitenmal fragte, warum
dich dein Meister fortgejagt hat." Als endlich der erste des Zwistes
müde war, weil er gern hätte schlafen mögen und nicht dazu kommen konnte, fuhr er unwillig auf und sagte: „Hat jetzt euer Disputat bald ein Ende, oder soll ich aufstehen und den Wirt holen, daß er Frieden schaffe, oder soll ich's selber tun." Dem erwiderte
der dritte, weil er am Wort war: „Seid doch nicht wunderlich, Herr Landsmann, Ihr hört ja, wir explizieren uns nur, warum keiner von uns mit dem
andern redet."
|