zurück   Der Ursprung: Hebels Quelle für sein  Kaiser Napoleon und die Obstfrau in Brienne

 

 

 

 

 

II.

Die Obsthändlerin und Kaiser Napoleon.

Während seines Aufenthalts in der Militärschule
zu Brienne hatte der junge Bonaparte die Ge-
wohnheit, sich von einer gewissen Obsthändlerin
mit Obst versehen zu lassen, welche ihm auch
borgte, im Fall er ohne Geld war; so das sich
die Schuld oft auf mehrere Thaler belief. Als
ihn seine militärische Laufbahn von Brienne
wegrief, war sie sogar zu zwei Karolin gestiegen,
und der junge Krieger mußte abreisen, ohne be-
zahlen zu können.
Sein mächtiges Schiksal führt den Helden
nach Egypten, er wird Konsul, und späterhin
zum Kaiser gekrönt, doch erst einige Monate
nach seiner Krönung sieht er Brienne wieder.
Kaum erkennt er die als Knabe so oft durchwan-
derten Straßen, die am Häufigsten besuchten Plätze,
so wird seine Erinnerung wach. Er greift nach
einem Souvenir, durchblättert es, nennt einen
Namen, und verlangt die Wohnung der Person
zu wissen, die ihn führt. Ein einziger von seinem
Gefolge, darf ihn begleiten.
Sie kommen in eine armselige Hütte, die ver-
fallene Thür eines engen Zimmers wird ihm er-
öffnet; eine Frau und zwei Kinder mit Zubereitung
der Abendmahlzeit beschäftigt, knieen am Kamin,
in welchem ein spärliches Feuer glimmt.
»Kann ich hier ein Essen bekommen? fragt
Napoleon.
„Eine Suppe ist Alles was wir haben - doch
ich errinnere mich, im Garten werden die Me-
lonen reif sein."

 

 

       

„Gut,“ erwiderte der Kaiser, »ich will darauf
 warten."
Die Melonen werden geholt, und während die
Frau mit Zubereitung der Suppe beschäftiget ist,
die in der Stube gekocht wird, fragt Napoleon:
„Kennt ihr den Kaiser der heute Nacht hier er-
wartet wird?"
Ach ja! es ist zwar schon lange, daß ich ihn
nicht wiedergesehen, seit er hier von der Militär-
schule weg ist. Damals pflegte er von Nieman-
den Obst zu kaufen, als von mir."
„Hat er dann auch immer richtig bezahlt?
fragt Napoleon.
„O ja. Doch die Suppe wird kalt werden."
„Siehst du, daß du ein schlechtes Gedächtniß
hast," nahm Bonaparte das Wort. „Du
kennst den Kaiser, nicht, und hältst auch üble
Ordnung in deinen Büchern. Ich bin Bonaparte,
und habe dich aufgesucht, um meine Schuld zu
bezahlen."
Der Begleiter erhielt einen Wink und zog eine
Rolle Goldstücke hervor.
Fünfzehnhundert Franken wurden der Frau auf
den Tisch gezählt, die ohnmächtig vor Schreken
zu Napoleons Füssen lag.
„Man gebe den Befehl, dak dieses Haus so-
gleich niedergerissen werde, und auf der nämlichen
Stelle ein neues entstehe, das meinen Namen
führe."
„Du bleibst die Besizzerin dieses Ho-
tels, und an keinem andern Orte werde
ich wohnen, so oft ich nach Brienne
komme. Deine Kinder bleiben unter
meinem Schuzze."
In der That ist die Tochter der Obsthändlerin
ehrenvoll versorgt, und der Sohn wird auf Kosten
des Kaisers in derselben Militärschule erzogen,
worin Napoleon seine Bildung erhielt.