|
Des Adjunkts Standrede
im Gemüsegarten
seiner Schwiegermutter
(1803)
Setzt ohne
Anstand die Hüte auf, gute Nachbarn und Freunde. Ich will nun von der
Fruchtbarkeit und schnellen Verbreitung der Pflanzen mit euch reden.
„Es ging ein Säemann aus, zu säen seinen Samen, und etliches fiel auf
ein gut Land."
1
Man kann sich nicht genug über die Menge und Mannigfaltigkeit der
Pflanzen verwundern, mit welchen die Natur alle Jahre die Erde
bekleidet. In dem kleinen Raum, den das Auge auf einmal überschauen
kann, welch eine Vielfachheit der Gestalten, welch ein Spiel der Farben,
welche Fülle in der Werkstätte der reichsten Kraft und der
unerforschlichen Weisheit? Nicht weniger muß man sich wundern über die
Geschwindigkeit, mit welcher die Natur jede leere Stelle auf öden
Feldern, verlassenen Wegen, kahlen Felsen, Mauern und Dächern, wo nur
eine Handvoll fruchtbare Erde hingefallen ist, ansäet und mit Gras,
Krautern, Stauden, und Buschwerk besetzt. Das sieht man oft und achtet's
nicht, eben weil man es von Kindheit an so oft sieht; die größte
Weisheit verratet sich in der einfachen und natürlichen Einrichtung der
Dinge, und man erkennt sie nicht, eben weil alles so einfach und
natürlich ist.
2
Die meisten Pflanzen haben eine wunderbare Vermehrungskraft, wie jeder
aufmerksame Landwirt wohl weiß. Tausend Samenkerne von einer einzigen
Pflanze, solange sie lebt, ist zwar schon viel gesagt, nicht jede
trägt's, aber es ist auch noch lange nicht das höchste. Man hat schon an
einer einzigen Tabakspflanze 40000 Körnlein gezählt, die sie in einem
Jahre zur Reife brachte. Man schätzt einer Eiche, daß sie 500 Jahre
leben könne. Aber wenn wir uns nun vorstellen, daß sie in dieser langen
Zeit nur 50 mal Früchte trage, und jedesmal in ihren weit verbreiteten
Ästen und Zweigen nur 500 Eicheln, so liefert sie doch 25 000 wovon jede
die Anlage hat, wieder ein solcher Baum zu werden. Gesetzt, daß dieses
geschehe, und es geschehe bei jeder von diesen wieder, so hätte sich die
einzige Eiche in der zweiten Abstammung schon zu einem Walde von 625
Millionen Bäumen vermehrt. Wieviel aber eine Million oder 1000 mal 1000
sei, glaubt man zu wissen, und doch erkennt es nicht jeder. Denn wenn
ihr ein ganzes Jahr lang vom 1. Jänner bis zum 31. Dez. alle Tage 1000
Striche an eine große Wand schreibet, so habt ihr am Ende des Jahrs noch
keine Million, sondern erst 365 000 Striche, und das zweite Jahr noch
keine Million, sondern erst 730 000 Striche, und erst am 26. September
des dritten Jahrs würdet ihr zu Ende kommen. Aber unser Eichenwald hätte
625 solcher Millionen, und so wäre es bei jeder andern Art von Pflanzen
nach Proportion in noch viel kürzerer Zeit, ohne an die zahlreiche
Vermehrung durch Augen, Wurzelsprossen und Knollen zu gedenken. Wenn man
sich also einmal über diese große Kraft in der Natur gewundert hat, so
hat man sich über den großen Reichtum an Pflanzen aller Art nicht mehr
zu verwundern. Obgleich viele 1000 Kerne und Körnlein alle Jahre von
Menschen und Tieren verbraucht werden, viele Tausend im Boden ersticken,
oder im Aufkeimen durch ungünstige Witterung und andere Zufälle wieder
zugrunde gehen, so bleibt doch jahraus jahrein, ein freudiger und
unzerstörbarer Überfluß vorhanden. Auf der ganzen weiten Erde fehlt es
nirgends an Gesäme, überall nur an Platz und Raum.
3
Aber wenn jeder reife Kern, der sich von seiner Mutterpflanze ablöset,
unter ihr zur Erde fiele und liegen bliebe; alle lägen aufeinander,
keiner könnte gedeihen, und wo vorher keine Pflanze war, käme doch keine
hin. Das hat die Natur vor uns bedacht, und nicht auf unsern guten Rat
gewartet. Denn einige Kerne, wenn sie reif sind, fliegen selbst durch
eine verborgene Kraft weit auseinander, die meisten sind klein und
leicht, und werden durch jede Bewegung der Luft davongetragen, manche
sind noch mit kleinen Federlein besetzt, wie der Löwenzahn (Schlenke,
Kettenblume) Kinder blasen sie zum Vergnügen auseinander, und tun damit
der Natur auch einen kleinen Dienst, ohne es zu wissen, andere gehen in
zarte breite Flügel aus, wie die Samenkerne von Nadelholzbäumen. Wenn
die Sturmwinde wehen, wenn die Wirbelwinde, die im Sommer vor den
Gewittern hergehen, alles von der Erde aufwühlen und in die Höhe führen,
dann säet die Natur aus, und ist mit einer Wohltat beschäftiget, während
wir uns fürchten, oder über sie klagen und zürnen; dann fliegen und
schwimmen und wogen eine Menge von unsichtbaren Keimen in der bewegten
Luft herum, und fallen nieder weit und breit, und der nachfolgende Staub
bedeckt sie. Bald kommt der Regen und befeuchtet ihn, und so wirds auf
Flur und Feld, in Berg und Tal, auf First und Halden auch wahr, daß
etliches auf dem Weg von den Vögeln des Himmels gefressen wird, etliches
unter den Dornen zu Grund geht, etliches auf trockenem Felsengrund in
der Sonnenhitze erstirbt, etliches aber gut Land findet, und
hundertfältige Frucht bringt. Weiter sind manche Kerne für den Wind zu
groß und zu schwer, aber sie sind rund und glatt, rollen auf der Erde
weiter, und werden durch jeden leichten Stoß von Menschen oder Tieren
fortgeschoben. Andere sind mit umgebogenen Spitzen oder Häklein
versehen, sie hängen sich an das Fell der Tiere, oder an die Kleider der
Menschen an, werden fortgetragen, und an einem ändern Orte wieder
weggestreift, oder abgelesen und ausgesäet, und der es tut, weiß es
nicht, oder denkt nicht daran. Viele Kerne gehen unverdaut und
unzerstört durch den Magen und die Gedärme der Tiere, denen sie zur
Nahrung dienen sollen, und werden an einem andern Ort wieder abgesetzt.
So haben wir ohne Zweifel durch Strichvögel schon manche Pflanze aus
fremden Gegenden bekommen, die jetzt bei uns daheim ist, und guten
Nutzen bringt. So gehen auf hohen Gemauern und Türmen Kirschbäume und
andere auf, wo gewiß kein Mensch den Kern hingetragen hat. Noch andere
fallen von den überhangenden Zweigen ins Wasser, oder sie werden, durch
den Wind und Überschwemmungen in die Ströme fortgerissen und
weitergeführt, und an andern Orten durch neue Überschwemmungen wieder
auf dem Lande abgesetzt. Ja einige schwimmen auch wohl auf den Strömen
bis ins Meer, erreichen das jenseitige Gestade, und heimen sich alsdann
in einer landesfremden Erde ein. Es sind da und dort schon Pflanzen als
Unkraut aufgegangen, von denen man wohl wissen kann, daß der Samen dazu
auf diese Art über das Meer gekommen sei. Also müssen alle Kräfte und
Elemente die wohltätigen Absichten des Schöpfers befördern, Schnee und
Regen, Blitz und Hagel, Sturm und Winde, die seine Befehle ausrichten.
4
Aber das ist ja eben die Plage des Landmannes! daher kommt also das
viele Unkraut im Gartengelände und auf den Ackerfurchen, das der schönen
gereinigten Saat Raum und Nahrung stiehlt, soviel Mühe macht, und doch
mit aller Geduld und Sorgfalt nicht vertilgt werden kann! Die Sache ist
nicht so schlimm, wie sie scheint. Denn zum ersten, so ist der Mensch
nicht allein auf der Erde da. Viele 1000 Tiere aller Art, von mancherlei
Natur und Bedürfnissen wollen auch genährt sein, und warten auf ihre
Speise zu seiner Zeit. Manche davon sind uns unentbehrlich und wir
wissen's wohl, manche schaffen uns großen Nutzen, und wir wissen's
nicht; und es muß doch wahr bleiben, woran wir uns selber so oft
erinnern, daß sich eine milde Hand auftut, und sättiget alles, was da
lebet mit Wohlgefallen. Zum andern, so hat doch der Mensch auch schon
von manchem Kräutlein Nutzen gezogen, das er nicht selber gesäet und
gepflanzet, nicht im Frühlingsfrost gedeckt, und in der Sommerhitze
begossen hat. Und eine einzige unscheinbare und verachtete Pflanze,
deren Kraft dir oder deinen Kindern, oder auch nur deinem Vieh eine
Wunde heilt, einen Schmerz vertreibt oder gar das Leben rettet, bezahlt
die Mühe und den Schaden reichlich, den tausend andere verursachen. Aber
wer stellt den Menschen zufrieden? Wenn die Natur nicht so wäre, wie sie
ist, wenn wir Baldrian und Wohlgemut, Ehrenpreis und Augentrost, und
alle Pflanzen in Feld und Wald, die uns in gesunden und kranken Tagen zu
mancherlei Zwecken nützlich und nötig sind, selber ansäen, warten und
pflegen müßten, wie würden wir alsdann erst klagen über des viel
bedürftigen Lebens Mühe und Sorgen! |