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Die
Vergänglichkeit |
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123.
81.
Die
Vergänglichkeit.
Ein
(Gespräch
auf der Straße nach Basel
zwischen Steinen u. Brombach, in
der Nacht)
in der Nacht b.
um 2 Uhr
____________
Ae
Der Bueb seit zum
Etti:
Aetti
so das
Fast allmol, Etti, wen mer 's
Röttler Schloß
so vor den Auge stoht, se denki dra,
obs üsem Hus echt au e mol so goht.
Stohts den nit dört, so schuudrig, wie der Tod
im Basler Todtetanz? Es gruuset eim,
wie länger as is b'schau. Und üser Huus,
es sitzt io wie ne Chilchli uffem Berg,
und d' Fenster glitzeren, es isch e Staat.
Ae
Schwetz Etti, x gohts em echterst au no so?
I mein emol, es chön schier gar nit sy.
Ae
Der Etti seit:
Du guete Bursch, 's cha frili sy, was meinsch?
's chunt alles jung u. neu, und alles schliicht
sim Alter zu, und alles nimt en End,

und nüt stoht still. Hörsch nit, wie d' Wiese ruuscht,
und siehsch am Himel obe Stern an Stern?
Me meint, vo alle rühr si kein, und doch
's Wasser
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rukt alles witers, alles chunt und goht.
Je, 's isch nit anderst, lueg mi a, wie d' witt.
De bisch no iung; närsch, ich bi au so gsi,
ietz würds mer anderst, 's Alter, 's Alter
chunt,
und woni gang, go Gresgen oder Wies,
in Feld und Wald, go Basel oder H heim,
's isch einerley, i gang im Chilchof zu Hof
ChilchhHof zu,-
briegg, alder nit! - und biß de bisch wien
ich,
e
gstandne Ma, se bini nüme do,
er
und d' Schof und Geiße weide uf
mi'm Grab.
Jo wegerli, und 's Hus wird alt und wüst;
der Rege wäschtder's wüster alli Nacht,
und d'Sunne bleichtder's schwärzer al-
li Tag,
und im Vertäfer popperet der Wurm.
Es regnet no dur d' Bühne ab, es pfift
der Wind dur d' Chlimse. Drüber
e
thusch du au
no d'Auge zu: es chöme Chindes-
Chind,
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82.
fuults
und pletze dra. Z'lezt fults im Fundament,
und's hilft nüt me, und wemme noot-
no gar
zweytusig zehlt, isch alles z'seme g'keit.
Und endli sinkt 's ganz Dörfli in si Grab.
Wo d' Chilche stoht, wo 's Vogts und 's Here
Hus,
goht mit der Zit der Pflug -
Der Bub seit:
Nei, was de seisch!
Ae
Der Etti seit:
Je, 's isch nit anderst, lueg mi a, wie d' witt!
tolli
Isch Basel nit e schöni tolli Stadt?
's sin Hüser drin, 's isch mengi Chilche nit
so groß, und Chilche, 's sin in mengem
Dorf
nit so viel Hüser. 's isch e Volchspiel, 's wohnt
e Richthum drin, und menge brave
Her,
und menge, woni gchent ha, lit scho lang
im Chrüz-Gang hinterm Münster-Platz
und schloft.
's isch eithue, Chind, es chunt e mol e Zit,
schlacht Stund
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goht Basel au ins Grab, und streckt no do
und dört e Glied zum Boden us, e Joch,
en alte Thurn, e Giebel-Wand; es wachst
do Holder druf, do Büechli, Tanne dört,
und Moos und Farn, und Reiger sitze
druf -
's isch schad derfür! - und sin bis dörthi
d'Lüt
so närsch wie iez, se göhn au Gspenster um,
der Sulger, wo die arme Bettel-Lüt
vergelstert
verschlage het, der Lippi Läppeli,
und was weiß ich, wer meh. Was stoßisch
mi?
Der Bub seit:
Schwetz lisli, Aetti Aetti, biß mer über
d' Bruck
do sin, und do an Berg und Wald verbey!
Dört dö obe iagt e wilde Jäger, weisch?
Und lueg, do niden in de Hürste seig
gwiß 's Eyer-Meidli glege, halber ful,
's isch Johr und Tag. Hörsch, wie der Laubi
schnuft? |
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83.
Der Aetti seit:
Er het der Pfnüsel! Seig doch nit so närsch!
Hüst Laubi Merz! - und loß die Todte go,
's sin Narre-Posse! - Je, was hani gseit?
Vo Basel, aß es au e mol verfallt! t
und goht in langer Zit e Wanders-Ma
ne halbi Stund, e Stund wit dra ver-
bey,
se luegt er dure, lit ke Nebel druf,
und seit si'm Camerad, wo mittem goht:
Selle
"Lueg, dört isch Basel gstande! Wo der Thurn
"no stoht, isch d' Peters-Chilche gsi, 's isch schad
derfür!"
Der Bueb seit:
Nei E Aetti, ischs der Ernst, es cha nit sy?
Der Aetti seit:
Je 's isch nit anderst, lueg mi a, wie d' witt,
und mit der Zit verbrennt di ganzi Welt.
Es goht e Wächter us um Mitternacht,
e fremde Ma, me weiß nit, wer er isch,
er funklet, wie ne Stern, und rüeft:
"Wacht auf! |
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Wacht auf, es kommt der Tag!" - Drob röthet
si
der Himel, und es dundert überall,
z'erst heimli, als gmach lut, wie sellemol
wo Anno SechseNünzgi der Franzos
so uding gschoße het. Der Bode wankt,
aß d' Chilch-Thürn guge; d' Glocke schla
gen a,
und lüte selber Bet-Zit wit und breit,
und alles betet. Drüber chunt der Tag;
o, bhütis Gott, me brucht ke Sun der
zu,
der Himel stoht im Blitz, und d' Welt
im Glast.
Druf gschieht no viel, i ha iez nit der
Zit;
und endli zündets a, und brent und
brent,
wo Boden isch, und niemes löscht; es glumst
zletst selber ab. Wie meinsch, siehts
us derno?
Der Bueb seit:
O Aetti,
sag mer nüt me! Zwor wie gohts |
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84.
de Lüte den, wen alles
brent und
brent?
Ae
Der Etti seit:
Närsch, d' Lüt sin nüme do,
wens brent,
sie sin
-
wo sin sie echt? Seig du frum, und halt
di wohl,
geb, wo de bisch, und bhalt di Gwisse rein!
Siehsch nit, wie d' Luft mit schöne Sterne
prangt!
's isch iede Stern verglichliger en ne Dorf,
und witer obe isch e schöni Stadt,
me sieht sie nit vo do, und haltsch di gut,
se chunsch in so ne Stern, und 's isch der
wohl,
und findsch der Aetti dört, wen's Gotts-
will isch,
und 's Chüngi selig, d' Mutter. Öbbe
fahrsch
au d' Milchstroß uf in die verborgni
Stadt,
und wen de sihtwärts abe luegsch, was
siehsch?
siehsch?
e Röttler Schloß! Der Belche stoht ver
chohlt, |
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s
der Blauen au, aß wie zwee alti Thürn,
und zwische drin isch alles use
brent,
bis tief in Boden abe; d' Wiese het
ke Wasser meh, 's isch alles öd und schwarz
und todte still, so wit me luegt - das
siehsch,
und seisch di'm Camerad, wo mitder goht:
"Lueg, dört isch d' Erde gsi, und selle
Berg
"het Belche gheiße! Nit gar wit der-
vo
"isch W Wisleth gsi, dört hani au scho
glebt,
"und Stiere g'wettet, Holz go Basel
g'führt,
"und broochet, Matte g'raust, und Liecht-
Spöh' g'macht,
"und gvätterlet, biß an mi selig End,
"und möcht iez nüme hi." -
Hüst Lau-
bi, Merz ! |
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Dieser Autograph entspricht weitgehend der Version
des Gedichtes,
die Hebel für die erste und zweite Auflage
der Al.
Gedichte geschrieben hat. Er ist Teil einer Sammlung von 29 Gedichten, die
sich in der BLB Karlsruhe befindet.
Interessant dabei sind hier manche Mehrfach-Korrekturen einzelner Textstellen,
gleichwohl der A. insgesamt
einen schon weitgehend "fertigen" Eindruck macht.
Besonderheiten der
Rechtschreibung sind z. Bsp.:
- der Vater wird zunächst noch in der Form
'Etti' geschrieben hat - offensichtlich hat Hebel dann aber
die Betonung in
Richtung
des hellen 'E'-Vokales nicht mehr gefallen und sich, vermutlich während
der Ausführung (da nicht alle Aettis durch Korrekturen entstanden
sind) des o. a. A. für die Form
'Ae' mit der dunkleren und
aussprachedefinierenden
Ausprägung in Richtung des Umlautes 'Ä'
entschieden.
- der A. enthält für die Aussprache des al. Doppellautes ue
(gesprochen u-e) häufig, aber etwas inkonsequent, noch die einfache
Schreibung 'u',
der Erst-Druck enthält
jedoch bereits die 'ue'-Form.
- 'Röttler', 'het' wurden zunächst gestrichen, dann aber durch
Unterpunkten wieder gültig gemacht (dies kann in HTML nicht
ohne Weiteres dargestellt werden.
-
x = hier hat
Hebel vermutlich einen Buchstaben geschrieben, ihn gestrichen und durch
einen anderen ersetzt,
den er ebenfalls
wieder gestrichen hat - beide sind aber nicht lesbar.
- die beiden Wörter "wäschtder's" und "bleichtder's" sind im A. zusammen
geschrieben, im Druck aber zu "wäscht der's"
und "bleicht der's" korrigiert.
- wie immer, schreibt Hebel die Doppelkonsonanten mm und nn mit
Reduplikationsstrich: m
und n .
Unbekannt ist, ob es für den Verleger der Gedichte, Johann Michael Macklot
eine weitere Ausführung - in "Reinschrift"
ohne Korrekturen -
gab (die z.
Bsp. die 'ue'-Schreibung bereits enthielt), oder ob die endgültige Form der
1. Auflage
von Hebel an Hand der Korrekturabzüge
festgelegt wurde.
123. - diese Seitenzahl stammt eindeutig von Hebel (ob er
sie schon durchgestrichen hat, ist nicht feststellbar),
die Blattnummern 81 - 84 sind verm. von einem Archivar des
Generallandesarchivs Baden (der heutigen BLB).
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Die Unterschiede zwischen 1./2. und 3.-5.
Auflage; der Sulger, der Lippi Läppeli, der wilde Jäger, das Eyer-Maidli:
siehe hier |
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Autograph - Quelle und Digitalisierung:
Johann Peter Hebel, Gedicht "Die Vergänglichkeit";
Badische Landesbibliothek Karlsruhe, Signatur:
3357, 1, Bl. 81 - 84
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Hebel schreibt - wie in vielen seiner
Autographen -
leicht "bergauf". Zur besseren Synchronisierung
von Autograph und Transkription habe ich die Blätter
leicht nach rechts gekippt. |
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