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AN FRIEDRICH DAVID GRÄTER
 

     
                                 Karlsruhe d. 8ten Febr.
                                                        1802.
 


     Wohlgebohrener und Hochgelehrter
         Hochzuverehrender Herr
 








Euer Wohlgebohren erlauben mir die Fre
ÿheit,
denselben die Probe einer vaterländischen Dich-
 
tungsart, die in einem nicht ganz werthlosen
 
Dialekt unserer Sprache, und vielleicht in einer
 
nicht ganz unwichtigen Absicht von mir ver-
sucht worden, als ein Zeichen meiner unbe-
 
gränzten Hochachtung vorzulegen.
 
   Der Dialekt ist der aus der badischen Land-
 
grafschaft Sausenberg zwischen der Schweitz
 
und dem Breisgau, und mit dem Schweitze-
rischen Breisgauischen und Oberelsaßischen bis
auf unwesentliche Variationen der nemliche,
 
und ich darf denselben nicht erst sagen, wie
 
nahe dieser an das Alterthum unserer dun-
 
klern Jahrhunderte gränze, und wie ke
nbar  
sich in ihm die alte alema
nische Volkssprache  
erhalten haben möge.
 
     





   
Ein Bändchen solcher Gedichte von mancherleÿ Me-
trum, Inhalt u. Ton gedenke ich bald, vielleicht
   
unter dem Titel eines Alemanischen Mu-
   
senalmanachs herauszugeben. Ich habe
   
in denselben mit den Schwierigkeiten ge-
   
kämpft in dieser rohen u. scheinbar regellosen
   
Mundart, wen die Ausdrücke erlaubt sind
   
rein und klassisch, und doch nicht gemein zu
   
seÿn, genau im Charakter und Gesichts-
   
kreis des Völkleins zu bleiben, aber eine
     
edle Dichtung, so weit sie sonst in meiner
     
Gewalt ist, in denselben hinüber zu ziehen
     
und mit ihm zu befreunden. Meine er-
   
ste Absicht ist die, auf meine Landsleute
     
zu wirken, ihre moralischen Gefühle an-
   
zuregen, und ihren Sin für die schöne Na-
   
tur um sie her theils zu nähren u. zu ver-
   
edlen, theils auch zu wecken. Sollte die al-
   
te und bekante Frage der glücklichen
     
Ueberraschung: „Wie hören wir ein ieglicher
   
die Sprache, in der wir geboren sind" -
   
nicht noch ein mal ein kleines Wunder
     
thun können ? Und wie, wen irgendwo
     
am Schwarzwalde oder an den Alpen,
     
im dunklen Tannenhain oder auf der
     
lachenden Trift der schlummernde Dichter-
   
geist eines reingestimten Natursohnes
   

     




   
geweckt würde durch diese heimischen Töne
   
er nähme mir die Harfe ab und zauberte
   
uns durch reiner geschöpfte Naturgesänge
   
in die verwehten Tage der Vorzeit zurück
   
und tröstete uns durch sie für die, die uns
   
der Sturm der Zeiten weggeführt hat?
     
Sie lächeln und ich besorge, nicht mit Un-
   
recht. Mögen Sie beÿ folgender Ansicht
     
keine Ursache dazu finden.
   
Ich wünsche auch allgemeiner zu interessiren
   
und dem Studium der deutschen Sprache
     
wen auch nur etwas weniges und mit-
   
telbar zu nützen. Die Bekantschaft mit
     
den Dialekten unserer Sprache müßte in
     
mancher Hinsicht wichtig seÿn. Wenn man
     
schon trockene Idiotismen-Samlungen
     
für belehrend und wichtig hielt, wie viel
     
mehr die lebendige Darstellung des gan-
   
zen gramatikalischen Baus und Geweb-
   
es der Dialekte in zusamenhängen-
   
den Texten. Selbst die Idiotika, die durch
     
die Nachläsigkeit, womit einige zusamen-
   
geraft sind, alle zu leiden scheinen, würden
     
vielleicht wieder ein neues, allgemeines
    
und einflußreicheres Interesse gewin-
   
nen, wen ihnen ein gefälliger Text
     
unterlegt würde.
  

     




   
Ich habe nur aus der kleinen Anzahl meiner
     
Gedichte, die gedruckt 10 Bogen füllen können,
     
gegen 300 Idiotismen herausgezogen, die
     
mit Scherz. Gloss., Schmidts Idiotik. und Ade
-     
lung verglichen, nebst mancherley Erläu-
     
terungen und Winken mit gedruckt wer-
     
den sollen. Oft fand ich zwar Ursache meine
     
Unbekantschaft mit dem Alterthum unse-
     
rer Stamessprache durch ihre verschiedenen
     
Perioden und Zweige zu bedauern. In-
     
dessen lifere ich doch einige Nachlese zu
     
Schmidt. Eine förmliche Grammatik, in
    
die ich sogar diesen Dialekt zu bändigen
     
suchte, laße ich weg, weil sie zu groß oder
     
zu unvollständig ausfallen würde. Aber
     
selbst der Versuch dazu hat mich auf einige,
     
wenigstens mir frappante und für all-
     
gemeine Sprachkunde nicht unwichtige Ent-
     
deckungen geführt, für deren Mittheilung
     
ich vielleicht eine andere Gelegenheit su-
     
chen werde.
    
Verzeihen Sie mir verehrungswürdiger
    
Mann die Freÿheit, in der ich mich mit
     
meinen kleinen Angelegenheiten zu
    
Ihnen gedrängt habe, und das Übermas,
     

     





 
womit ich mich derselben bediente, und neh-
  
men Sie die Versöhnung dafür gerne
    
in meiner aufrichtigen Erklärung an:
     
ob ich gleich die Ehre nicht genieße mit Den-
   
selben in näherer Bekanntschaft zu stehen, so
     
glaubte ich doch beÿ dem Gefühle, womit ich
     
Ihre Bemühungen und Verdienste um das
     
Alterthum unserer Sprache ehre, und beÿ dem
   
Bewußtseÿn, wie viel Belehrung und Ver-
   
gnügen ich denselben verdanke, etwas ver-
   
sehen zu haben, wenn ich mein Vorhaben
     
ausführte, ohne Ihnen davon Rechenschaft ge-
   
geben zu haben, und Ihr Beÿfall dazu wür-
   
de mir das günstigste und untrüglichste
     
Omen seÿn.
   
Sollte ein neuer Band von Braga und Her-
   
mode früher als diese Gedichte heraus kom-
   
men (denn hoffentlich werden diese liebli-
   
chen Gottheiten die uns besucht haben, noch
     
nicht in Wallhalla zurückgekehrt seÿn) und
     
sollten Sie anliegendes Gedicht, oder etwas
     
daraus nicht unwürdig der Aufnahme, o-
   
der ganz außer dem Kreis dieser Samlung
     
finden, so würde ich dasselbe durch ein Plätz-
   
chen darin vorzüglich geehrt glauben.
   

     

 

     






 
Und wen dieses nicht seÿn kann, so erlauben
 
Sie mir vielleicht dieses Gedicht oder ein
anderes, welches mir gelungener scheinen
 
wird, Ihrem Namen zu weihen, und da-
mit meine unbegränzte Hochachtung gegen
 
Sie öffentlich zu bekennen, mit der ich
 
die Ehre habe zu verharren
  


                   Euer Wohlgebohren
















                                                 gehorsamster Diener
                                                            J. P. Hebel
 
                                                          Profess. u. Hof-
 
                                                                  diakonus.

 
     

Wie in vielen Autographen hat Hebel auch hier sehr stark "bergauf" geschrieben, was eine synchrone Darstellung von Handschrift und Transkription
 sehr schwierig macht - die Ausrichtung der Transkription an den Zeilenenden scheint mir die beste Lösung zu sein.
Seine
Schreibungen von 'mm' und 'nn' mit Makron = 'm' und 'n' wurden beibehalten.
'y' mit Makron in Verdana nicht darstellbar, deshalb hier mit Doppelpunkt =
ÿ wiedergegeben.

 

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Hebels alemannisches Gedicht
 „Der Wächter in der Mitternacht",
  (Autograph siehe hier)
welches diesem Brief beilag,
fand jedoch keine Aufnahme
in Gräters Sammlung.

 

 

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