zurück zur Briefübersicht

 AN TOBIAS GÜNTTERT                                                [13.—14. September 1805]
       


Do fangts a !

 

's isch frili wohr, e Viertels Vogt,   

we
n so ne Her im Sessel hockt,

und ißt si Fleisch u trinkt si Wi,

sel luegt e wenig anderst dri.

Sust hani wol zu Brot u. Schunke

ne Mos, au anderthalbi trunke,
 
jez, wies der Name mit em bringt,
 
der Viertels Vogt e Viertel zwingt.
 
Meng Sust isch meng Eichli, ung'vexiert,
 
z' Nacht usem Gmeiwald furt spaziert,
 
's het glengt no zu de chleine Poste,
 
jetz cha's bi Gost e Wäldli choste.

Sust hani nit no Ehre gspa
nt,
 
ha's au nit gha, 's isch wol bika
nt,

Jez heißts: "Thue d'Augen uf du Stock,
 
"siehsch nit, wer chu
nt, der Viertels Vogt!

Sust hani, wiene Burgersma,
 
Mi Laubi und mi Lusti gha

und bi mit Holz u. andere Ware

go Basel und ins Rebland g'fahre.

Jez ischs verbei, sei isch für d'Chnecht,

die Lumpe Kerli ebe recht.

Der Viertels Vogt den Gaul besteigt
 
und drauf hinein nach Basel reit.

 

 

         





 
Ne brave Choli hani do,
 
und isch mi zimli wolfel cho.
 
I ha en alte Esel gchauft,
 
und vor der Hand zum Rößli tauft.

z'erst hani sini Ohre g'stutzt,

druf hani en mit Chien Ruß putzt,

e falsche Zopf ans Vüdle ghenkt
 
wo bis an Boden abe lengt.
und
Lieber Veter !

und rit jez druf in Stadt u. Land,

und woni näume gang u. stand.


      Lieber Veter !

Es will numen gar nimer gehn mit

dem Vers machen. Die Reime man-

kiren mir afangen. Das machen

die gräuslich viel Geschäften. Ich will

Euch also das ander in Brosa sagen.

Daß Ihr unpäßlich seid gewesen, hat

mich recht verbarmt, und manchmal

gedenkt, we
n jez geschwind etwas in

der Gemein vorfallte, wen man an

Euer statt geschwind brauchen kö
nte, beym

Vieh oder im Gericht. De
n es kan man[cher ?]

*

   
*
wohl schwetzen, wie wir auch haben, aber nicht iedem hat Gott den Verstand dazu gegeben, wie Euch. Deßwegen es mich rechtgeschaffen freut, daß Ihr wieder auf den Beinen seid. Wegen dem Viertelsvogt, so freut mich Euer Fotum und bedanke mich. Weiß aber nit, ob ichs will annehmen, und dauert mich der Vogt, der darnach geringer wäre und verwaltet doch sein Amt, so gut er die Chreften dazu hat. Veter dörfet Ihr alliweil zu mir sagen. Es mag gehen, wie es will, so soll Demuth alliweil die schönste Perle in meinem Schiehut seyn. Nun denn Veter, so nehmt euch meines Rößleins an, we
n es einen guten Rath oder Dienst von euch bedarf, und spar Euch Gott gesund.

                                                                                                           Euer wohlaffektionierter Vetter u. Stabhalter      H.      

Proscriptum:

We
n d'ihr daheim seid, so will ich diesen Nachmittag oder Morn ein wenig zu euch kommen.

 

       
     

 

Diese oben abgebildeten 2 Seiten bilden das Autograph-Fragment eines Briefes von Hebel an Tobias Günttert, den Vogt des Proteuserbundes,
vom 13. und 14. September 1805.

* Die fehlende, vermutlich verschollene Seite enthielt (lt. Zentner, dem der vollständige A. noch zur Verfügung gestanden haben muss)
 den hier aufgeführten Text.

An Hand dieses Autographen wird erst klar, wie viele Lesefehler den früheren Transkripteuren der Handschrift unterlaufen sind und wie sehr sie in Hebels Schreibung eingegriffen haben. Die o. a. Transkription folgt nun 1:1 dem A., aber der Rest des Textes konnte, mit Ausnahme der Doppel-n Schreibung mit Überstrich, nicht verbessert werden.

 

  zurück zur Briefübersicht

 

  Der Brief ist während eines Aufenthalts Hebels im
Oberland im September 1805 entstanden,
als der Dichter nach Abschluß einer Schweizer Reise
am 13. September in Basel eintraf [daher wohl auch die
seltsame, "schweizerisches Hochdeutsch" karikierende
Sprache] und den 14. und 13. September in Weil
verbrachte. Günttert, von Hebel stets als „Vogt"
betitelt, hatte anscheinend dem Freunde einen
Gruß mit der Ernennung zum „Viertelsvogt"
entgegengesandt. „Viertelsvogt" hieß der den
Vögten der „Viertel" (Rötteln, Schopfheim, Weil
und Kandern) übergeordnete Obmann.
Laubi und Lusti: Namen für Zugochsen.
Clioli: Rappe.
Vüdle: Hinterteil.
näume: irgendwo.
Fotum: Votum

Schiehut: Strohhut mit breitem Rand.
 
Autograph:

Universitätsbibliothek Heidelberg

Signatur: Heid. Hs. 294 Blatt 193 + 194

 

 

 

 

 

nach oben