Theuerster Freund!
[Mitte—Ende April 1810]
Ich höre, daß man mich in Heidelberg für den Verfasser des Olisbus
halte. Es könnte
mir schmeicheln, daß man mir die vertraute Bekanntschaft mit den Alten
zutraut, die der wahre Verfasser besitzt und in diesem Programme
verwerthet. Aber ich verzichte darauf aus Gerechtigkeit gegen ihn und
gegen mich. Das Motto
würde mich gegen
Vorwürfe nicht schützen. Ihn schützt die Anonymität, und wenn er verrathen
wird, bey denen, die ihn kennen, sein Charakter, in dem man schon lang
gewohnt ist die gediegeste und achtungswertheste Moralität mit der
höchsten luxuria ingenii vereint zu sehen. Uberdieß ist er, wohl bewährt
in allen häuslichen Tugenden, Gatte und Familienvater, ich nicht, er
weltlichen Standes in einem bedeutenden Posten, ich geistlichen Standes
und —, denken Sie, nur Aufseher eines Instituts von 250 Kindern und
Jünglingen. Duo cum faciunt idem non est idem. Sed unus fecit, nee ego.
Der V.[erfasser] schickte mir 12 Exempl. mit der Betheuerung, ihn nicht zu
nennen. Ich wußte nicht, ob der bestimmte Auftrag, 1 Exempl. an Sie, 1 an
Hr. H.[ofrat] Creutzer, 2 an Hn. Staatsrat Klüber abgehen zu lassen, eine
stillschweigende Dispensation von dem Verbot in sich einschließe. Ich
wollte lieber das sicherste wählen, was Sie gewiß nicht mißbilligen, und
sezte voraus, er würde, wenn er von diesen Herrn als Übersender gekannt
seyn wollte, als Freund oder guter Bekannter selber an Sie geschrieben
haben, und so ließ ich die Exemplare unter bloßem Umschlag abgehn. Dis ist
mein einziger Antheil an der gantzen Sache. Ich bitte Sie daher, bester
Freund, nicht nur selber diese Erklärung als gut und gültig von mir
anzunehmen, sondern auch bey andern, die mich etwa für den V.[erfasser]
ansehen möchten, sie für mich geltend zu machen, namentlich, wenn Sie es
für nöthig halten und Gelegenheit dazu haben, bey Hrn. Kl.[über] und
Creutzer. Sie erweisen mir damit eine sehr große Freundschaft.
Noch bezeuge ich Ihnen meinen hertzlichen Dank für Ihr liebes und sehr
interessantes Geschenk, das mir durch Hrn. Büchler eingehändigt worden.
Sie haben von diesem Werk eine gantz andere Ehre als ich vom Olisbus
erndten könnte. Mit lebhaftem Verlangen sehen wir alle der baldigen
Fortsetzung desselben entgegen.
Hertzlich Ihr Freund
Hebel