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 Hebel-Plakette 2018 für Hansjörg Noe

     
     

Hansjörg Noe, Pädagoge, ehemaliger Leiter des Lörracher Schulamtes, und vor allem aufklärerischer Historiker, der sich um die Aufarbeitung des Nationalsozialismus (NS) in der Region verdient gemacht hat, erhielt am Samstag im Rahmen des Hebelabends die 59. Johann-Peter-Hebel-Gedenkplakette der Gemeinde Hausen. In Person und Arbeit des Ausgezeichneten, in dessen Dankesworten wie in der Laudatio bekam die Traditionsveranstaltung "Hebelabend" einen ungewohnt aktuellen politischen Bezug.

Mit der Auszeichnung Hansjörg Noes habe die Hebelkommission eine "beachtenswerte Entscheidung getroffen", konstatierte Laudator Wolfgang Klingenfeld. Er hatte dabei dessen Person ebenso im Blick wie dessen Forschungen zur Aufarbeitung des Nationalsozialismus, die angesichts eines "unerträglichen Populismus und widerwärtiger Antisemitismus" auch aktuell größte Bedeutung habe. Kleines Problem: Noe sei weder "indigener Wiesentäler" noch "alemannischer Muttersprachler, und daher eigentlich so gar nicht kompatibel mit der Hebelplakette", schmunzelte Klingenfeld, der sich selbst als "bilingualer Dialektsprecher" präsentierte und den richtigen Ton zwischen unterhaltsamer Gewitztheit und der Thematik angemessenem Ernst traf.

Noe wurde 1942 in der Eifel geboren, war Volksschullehrer, Schulleiter, Direktor des Seminars für Lehrerausbildung und schließlich Leiter des Staatlichen Schulamtes Lörrach. Regionalgeschichtlich schon immer interessiert, widmet er sich dieser Passion seit der Pensionierung 2005 noch intensiver, in Vorträgen, als Verfasser von Jubiläumsschriften oder als Mitarbeiter des Dreiländermuseums.

Erzählungen von Angst, Trauer und Hoffnung

Und eben in der Aufarbeitung der NS-Zeit, die er besonders vertieft für Lörrach, Steinen und Maulburg betrieben hat. "Damit hat sich Hansjörg Noe einer besonders herausfordernden Thematik gewidmet", so Klingenfeld: "Er musste tief schürfen in Angelegenheit, die viele schon für erledigt erklärt, oder nennen Sie’s verdrängt, hatten." Besonders verdienstvoll sei die Befragung zahlloser Zeitzeugen: "Diese Stimmen zum Klingen zu bringen, bevor sie nicht mehr zu vernehmen sind: Das ist eine unschätzbar wichtige Leistung Hansjörg Noes." Was der Historiker da zu hören bekam und weitertrug "sind Erzählungen von Angst und Trauer, Verzagtheit und Hoffnung, Opfern und Tätern. Nicht selten ging es um Leben und Tod", sagte Klingenfeld – und brachte eben diese Stimmen in einigen berührenden Beispielen auch für die Besucher des Hebelabends zum Klingen.


Der Geehrte zeigte sich in seiner Dankesrede bewegt und dankbar. Zugleich ließ er den kritischen Geist und das persönliche Engagement aufblitzen, die sich jenseits distanziert-wissenschaftlicher Sachlichkeit durch seine Veröffentlichungen ziehen. Noe kritisierte die ausgrenzende Facette des Heimatbegriffes, wie ihn die Nazis kultivierten, wie er ihn aktuell aber auch im neuen "Heimatministerium", im rechtspopulistischen "Wir sind das Volk" oder im Aufhängen von Kreuzen in Amtsstuben erkennt. Dem setzt Noe einen eigenen Heimatbegriff entgegen, der sich aus der steten Auseinandersetzung mit anderen Menschen und Umgebung und eben nicht auf die Berufung auf immer schon Dagewesenes, Unveränderliches speist: "Heimat ist ein Gegenwartsbegriff. Eine Beziehungskiste."

Die Gemeinde Hausen will ihre Geschichte zur Zeit des Nationalsozialismus aufarbeiten lassen. Dies wurde am Rand des Hebelabends am Samstag bekannt. Wie schon in anderen Gemeinden (Maulburg, Steinen, Lörrach), wird sich der Lokalhistoriker Hansjörg Noe der Forschungssache im Aktenstudium und – so möglich – in Zeitzeugenbefragungen annehmen. Noe war für eben diese Forschungen zur regionalen NS-Geschichte am Samstag mit der Hebel-Plakette ausgezeichnet worden.

In seiner Dankesrede gab er denn auch schon einen eindrücklichen Einblick in aktuelle Funde aus dem Hausener Gemeindearchiv, wo er – so sein schmunzelndes Bekenntnis – den ganzen Nachmittag über bis zur Preisverleihung am Abend zugebracht hatte: Noe zitierte ein Gedicht, das ein in Afrika stationierter Hausener Soldat an seine Familie in Hausen geschrieben hatte: "Die Heimat – so fern, so fern, so fern."

Aufarbeitung der NS-Zeit in Hausen

Die Entscheidung, die NS-Zeit für die Hebelgemeinde aufarbeiten zu lassen, sei im Zuge der Nominierung von Hansjörg Noe für die diesjährige Hebel-Plakette vor etwa einem halben Jahr bereits gefallen, erklärte der Hausener Bürgermeister Martin Bühler. Bisher gebe es zum Nationalsozialismus und seiner Vor- und Nachgeschichte für Hausen so gut wie nichts. "Ich denke, es steht unserer Gemeinde gut zu Gesicht, hier Licht ins Dunkel zu bringen, wie auch viele andere Gemeinden dies schon getan haben", so Martin Bühler.

Noe habe die Arbeit vor einiger Zeit denn auch schon aufgenommen und sichte derzeit den Bestand des Gemeindearchivs. Angesichts der für Hebelplaketten-Träger geltenden Geheimhaltung – der Geehrte wird immer erst am Hebelabend selbst bekannt gegeben – habe er das Thema bislang nicht öffentlich gemacht, erklärte Bühler – "der Schluss auf die Person Hansjörg Noes als Plakettenträger wäre manchem sonst zu nahe gelegen". Wenngleich es also keinen formalen Beschluss gibt: Die Angelegenheit sei mit dem Gemeinderat selbstredend rückgesprochen. Derzeit recherchiere Hansjörg Noe, was die Dokumente für Hausen überhaupt hergeben. Davon hänge dann auch ab, in welcher Form die Forschungsergebnisse aufbereitet werden – ob als einfacher Vortrag, als Broschüre, oder als regelrechtes Buch.
   



Foto oben: Gemeinde Hausen i. W.; Original-Texte und Foto unten: Anja Bertsch / BZ