11.   Was zürnen wir und legen die Stirn in Falten... Konvolut 3 / Text-Entwurf
 

 zurück



Was zürnen wir u. legen die Stirn in Falten, wen wir bei allen unsren Handlungen wenige befridigen, u. dem Tadel der Menge uns preisgeben. Selbst die Natur selbst Gott der erhabenste wird von menschlicher Kurzsichtigkeit vor Gericht gezogen, u. von der unzufridenen Verwegenheit verurtheilt. Ausgerüstet mit Vernunft, dem schädlichen auszuweichen oder zu begegnen, das Zuträgliche zu wählen, und so von den Banden gelöst, welche die Natur der Thiere fesselt, nehmen sie keinen Anstand sich zu beklagen, daß ihnen der blinde Instinkt versagt seÿ, mit welchen andere Geschöpfe schon vor der Berührung, allem was ihnen schädlich seyn kan aus dem Wege gehen, und gleichsam in die Gemeinschaft der himlischen Natur aufgenomen beneiden sie noch der Bestien solarisches* Loos.

Andere Verkennen ihre Bestimung zur friedlichen Geselligkeit, und weil sie sehen, daß die Hirsche mit zweÿ Geweihen die Pferde mit 4 Hufen andere mit schröcklichem Gift, oder furchtbaren Zähnen bewafnet sehen, zürnen sie, daß sie's nicht auch so haben, u. beklagen sich über die Natur, daß sie sie wehrlos auf die Welt gesezt habe.

Den wenigsten will es in den Kopf, daß wir für ein so kurzes Daseyn bestimt sind, u. daß unsere die Zeit die ausgegeben ist, so schnell, so reißend ablauf abströmen, so daß alle mit einer kleinen Ausnahme wen sie sich eben zum Leben anschicken, schon wieder sterben müssen. Selbst Aristoteles führt mit der Natur einen ungerechten als weiser Man mit der Natur einen unschicklichen Hader, daß sie übergütig gewißen Thieren eine Ausdauer von 500 u. 1000 Iahren mitgetheilt, u. dem Menschen zu seiner großen Bestimung ein nur so viel näheres Ziel gesteckt habe.

Mir scheint auf der Welt nichts thörichter u. nichts unwürdiger, als das menschliche Leben mit dem thierischen in Parallele zu setzen, und welches von größerm Umfang seÿ, nach Jahren zu bestimen. Es komt nicht darauf an, wie lange, sondern wie viel man zu leben habe, und unser Leben kan nicht mit dem Leben des Wallfisches oder der Elephanten verglichen, sondern aus der Bestimung geschäzt werden, für welche wir da sind. Hält es die Erreichung derselben aus, so glaube ich, es seÿ lang genug. Ist es zu kurz, dan wohl haben wir Ursache uns zu beklagen, hat es Überschuß, u. lauft ins Leere hinaus, so haben wir wenigstens keine Ursache uns zu gratuliren. Hingegen scheint es mir sehr gleichgültig, wan das Thier falle oder wie lange es aushalte, da es die vergangene Lebenszeit nicht überschauen, die gegenwärtige nicht zu Gewin machen und auf die zukünftige keine Plane** anlegen kan. Jeden Augenblick in welchem es fällt, hat es seine Bestimung erreicht.

 

 

 

   

 

Die Überschrift, gelesen als  "Sall s Gr" ist unklar und deshalb hier nicht verwendet.

* "Solarisch" = 'von der Sonne ausgehend' ist kein moderner Begriff, sondern tatsächlich bereits zu Hebels Zeiten, wenn auch sehr selten, verwendet worden.

** Der Plural Plane (für gedankliche Vorhaben) ist in der Goethe-Zeit durchaus geläufig, ist auch
 bei ihm selbst zu finden.

Insgesamt scheint der Text ein Entwurf zu sein, den Hebel vermutlich schnell und in einem Zuge hingeschrieben und danach selbst nicht mehr überarbeitet hat - dies lässt sich aus dem teilweise eigenartigen Satzbau und diversen nicht korrigierten Doppelungen schließen.