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Was zürnen wir u. legen die Stirn in Falten, wen
wir bei allen unsren Handlungen wenige befridigen, u. dem Tadel der
Menge uns preisgeben. Selbst die Natur selbst Gott der erhabenste wird
von menschlicher Kurzsichtigkeit vor Gericht gezogen, u. von der
unzufridenen Verwegenheit verurtheilt. Ausgerüstet mit Vernunft, dem
schädlichen auszuweichen oder zu begegnen, das Zuträgliche zu wählen,
und so von den Banden gelöst, welche die Natur der Thiere fesselt,
nehmen sie keinen Anstand sich zu beklagen, daß ihnen der blinde
Instinkt versagt seÿ, mit welchen andere Geschöpfe schon vor der
Berührung, allem was ihnen schädlich seyn kan
aus dem Wege gehen, und gleichsam in die Gemeinschaft der himlischen
Natur aufgenomen beneiden sie noch
der Bestien solarisches* Loos.
Andere Verkennen ihre Bestimung
zur friedlichen Geselligkeit, und weil sie sehen, daß die Hirsche mit
zweÿ Geweihen die Pferde mit 4 Hufen andere mit schröcklichem Gift, oder
furchtbaren Zähnen bewafnet sehen, zürnen sie, daß sie's nicht auch so
haben, u. beklagen sich über die Natur, daß sie sie wehrlos auf die Welt
gesezt habe.
Den wenigsten will es in den Kopf, daß wir für ein so kurzes Daseyn
bestimt sind, u. daß
unsere die Zeit die ausgegeben ist, so schnell, so reißend ablauf
abströmen, so daß alle mit einer kleinen Ausnahme wen sie sich eben zum
Leben anschicken, schon wieder sterben müssen. Selbst Aristoteles führt
mit der Natur einen ungerechten als weiser Man
mit der Natur einen unschicklichen Hader, daß sie übergütig gewißen
Thieren eine Ausdauer von 500 u. 1000 Iahren mitgetheilt, u. dem
Menschen zu seiner großen Bestimung ein
nur so viel näheres Ziel gesteckt habe.
Mir scheint auf der Welt nichts thörichter u. nichts unwürdiger, als das
menschliche Leben mit dem thierischen in Parallele zu setzen, und
welches von größerm Umfang seÿ, nach Jahren zu bestimen.
Es komt nicht darauf an,
wie lange, sondern wie viel man zu leben habe, und unser Leben kan
nicht mit dem Leben des Wallfisches oder der Elephanten verglichen,
sondern aus der Bestimung
geschäzt werden, für welche wir da sind. Hält es die Erreichung
derselben aus, so glaube ich, es seÿ lang genug. Ist es zu kurz, dan
wohl haben wir Ursache uns zu beklagen, hat es Überschuß, u. lauft ins
Leere hinaus, so haben wir wenigstens keine Ursache uns zu gratuliren.
Hingegen scheint es mir sehr gleichgültig, wan
das Thier falle oder wie lange es aushalte, da es die vergangene
Lebenszeit nicht überschauen, die gegenwärtige nicht zu Gewin
machen und auf die zukünftige keine Plane** anlegen kan.
Jeden Augenblick in welchem es fällt, hat es seine Bestimung
erreicht.
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Die Überschrift, gelesen als
"Sall s Gr" ist unklar und deshalb hier nicht verwendet.
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"Solarisch" = 'von der Sonne ausgehend' ist kein moderner Begriff, sondern
tatsächlich bereits zu Hebels Zeiten, wenn auch sehr selten, verwendet
worden.
** Der Plural Plane (für gedankliche Vorhaben) ist in der Goethe-Zeit
durchaus geläufig, ist auch
bei ihm selbst zu finden.
Insgesamt scheint der Text ein Entwurf zu sein, den Hebel vermutlich
schnell und in einem Zuge hingeschrieben und danach selbst nicht mehr
überarbeitet hat - dies lässt sich aus dem teilweise eigenartigen Satzbau
und diversen nicht korrigierten Doppelungen schließen. |
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