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 6.  Wörtlichere und freiere Übersetzung Konvolut 3 / Text
 








    Wörtlichere Übersetzung.


Mag der Osmanen Heer um deine Wälle sich sameln,
Oft schon droheten sie Teutschen den sicheren Tod;
Mögen die Legionen der Römer dich stürmend umwogen,
 
die den Teutonen oft grause* Verheerung gedroht;
 
Keine menschliche Kunst soll deine Vesten* zerbrechen!
 
Macht und schlauer Trug, List erobere dich nie!
 
Steh, und bleibe stets mit deinem Fürsten in Wohlstand
 
Unverletzbar stehn, welche der Ewige deckt.
 



Anmerk. Ich glaubte nicht zu irren, wen ich die lateinischen Ver-
 
se als Inscription auf irgend eine Vestung ansah und
 
behandelte. Sollten dieselben im deutschen Gewande auch
 
Interesse im Geschmack und nach der Lage der neuesten Zei-
 
ten erhalten, so sollten freilich wie es scheint, andere Mächte
 
als Türken (Thracia) u. Römer (Itala tellus) in die Über-
 
setzung gebracht werden, in dem heut zu Tag eine Vestung
 
noch nicht sehr geehrt ist, wen man ihr zu traut, daß sie eine
 
türkische u. altrömische Belagerung aushalten werde. Doch 
habe ich mir diese Aenderung nicht erlauben wollen. Es folgt noch**
 
eine 



                    Freiere Übersetzung


Mag der türkische Halbmond sich blutroth wieder erheben,
Drohend der Untergang über Germanien stehn;
 
Mögen die römischen Adler von neuem furchtbar sich
 
                                                             schwingen,
 
Und Teutoniens Gauen grause Verheerungen drohn; 
An Dir breche ieglicher Sturm! Du wanke dem Sturm
 
                                                           nicht,
 
fest verschlossen der List, fest dem verrätherischen Bund!
 
Steh mit deinen Fürsten im fluthenden Strome der
 
                                                         Zeiten,
  
unverletzbar, gedeckt von des Allmächtigen Schild.
 
 

 

 

 

Die Wiedergabe incl. Autograph ist, da Hebel, wie so oft, extrem "bergauf"
schreibt, schwierig und m. E. nur mit einem nach rechts gekippten Blatt
zum vergleichenden Lesen sinnvoll.

Seine Groß- und Kleinschreibung ist nicht immer eindeutig - siehe 'M'
Zeilen 3 und 6, daher habe ich alle Zeilenanfänge groß geschrieben.

   


 

 

* grause = veraltet für 'grausige'

** obwohl das Schriftbild hier wie 'noy' erscheint, kann das 'y' eigentlich
nur ein verschriebenes 'ch' sein - also 'noch', dem 'h' nach dem 'c' ist die
Oberlänge zu kurz geraten (vergl. das direkt darüber stehende 'h')

Vesten (Veste) = veraltete Form für 'Festungen' (vergl. Veste Coburg)

Thracia = lateinisch 'provincia Thracia' = Thrakien oder Thrazien
war eine Provinz im Römischen Reich, die von 46 n. Chr. bis 395
in verschiedenen Grenzen existierte.

Itala tellus >> Itala = sinngemäß für 'lateinisch'; tellus (lateinisch)
= 'Erde' ist in der römischen Mythologie die Gottheit der mütterlichen
Erde; zusammen daher 'Lateinische Erde'

 

 
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